"Wenn wir uns der Liebe Jesu verschließen, verurteilen wir uns selbst"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 257 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache stellte der Papst das ewige Leben in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Zuletzt erwähnte er noch die Kampagne der Caritas gegen Hunger und Nahrungsverschwendung und forderte alle auf, Solidarität zu zeigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute will ich mit der letzten Reihe von Katechesen über unser Glaubensbekenntnis beginnen, indem ich mich dem Glauben an das „ewige Leben“ zuwende. Insbesondere will ich über das Weltgericht sprechen. Doch dürfen wir keine Angst haben: Lasst uns hören, was Gottes Wort darüber sagt. Im Matthäusevangelium lesen wir: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann… werden alle Völker vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken… Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25,31-33.46). Wenn wir an die Wiederkehr Christi und an sein Weltgericht denken, das bis zur letzten Konsequenz alles Gute deutlich machen wird, das jeder Einzelne von uns im Laufe seines Lebens getan oder unterlassen hat, überkommt uns das Gefühl, dass wir hier vor einem Geheimnis stehen, das uns übersteigt, das wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen. Ein Geheimnis, das fast instinktiv Sorge, vielleicht sogar Angst in uns aufsteigen lässt. Wenn wir jedoch gut über diese Glaubenswahrheit nachdenken, kann sich das Herz eines Christen nur weiten und daraus großen Trost und Vertrauen schöpfen.

In diesem Zusammenhang ist das Zeugnis der frühen Christengemeinden sehr aufschlussreich. Diese pflegten nämlich ihre Messen und Gebete mit dem Ruf „Maranatha“ zu begleiten, der aus zwei aramäischen Wörtern besteht, die je nachdem, wie sie betont werden, sowohl als Bitte als auch als Gewissheit aufgefasst werden können: „Komm, o Herr!“, oder auch: „Ja, der Herr kommt, der Herr ist nah!“. Dieser Ruf ist der Gipfel der christlichen Offenbarung, am Ende der wunderbaren Kontemplation, die uns in der Offenbarung des Johannes geboten wird (vgl. Offb 22,20). In diesem Fall ist es die Braut, die Kirche, die im Namen der Menschheit, der gesamten Menschheit, sich an Christus, ihren Bräutigam, wendet, weil sie es kaum erwarten kann, seine Umarmung, die so voller Leben und Liebe ist, zu erleben. Denn so ist die Umarmung Jesu. Wenn wir an das Weltgericht aus dieser Perspektive denken, weicht alle Angst und Sorge und macht den Platz frei für eine freudige Erwartung: Es wird der Augenblick sein, an dem wir endlich für bereit befunden werden, die Herrlichkeit Christi wie ein Gewand anzunehmen, wie ein Hochzeitskleid, und zum Festmahl geführt werden, das ein Symbol für die volle und endgültige Gemeinschaft mit Gott ist.

Ein zweiter Grund zum Vertrauen kommt aus der Feststellung, dass wir im Augenblick des Gerichts nicht allein sein werden. Jesus selbst hat durch das Matthäusevangelium verkündet, dass am Ende der Zeiten alle, die ihm nachgefolgt sind, einen Platz in seinem Reich bekommen und mit ihm zusammen richten werden (vgl. Mt 19,28). In seinem Brief an die Gemeinde von Korinth erklärt der Apostel Paulus: „Wisst ihr denn nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Also erst recht über Alltägliches“ (1 Kor 6,2-3). Wie schön zu wissen, dass im Weltgericht neben Jesus, unserem Tröster, unserem Beistand beim Vater (vgl. 1 Joh 2,1), auch so viele unserer Brüder und Schwestern für uns sprechen werden, die uns auf dem Weg des Glaubens vorausgegangen sind, die ihr Leben für uns hingegeben haben und uns weiterhin aus der Tiefe ihres Herzens lieben! Die Heiligen leben bereits in der Gegenwart Gottes, im Glanz seiner Herrlichkeit, und beten für uns, die wir noch auf der Erde leben. Welch großen Trost gibt diese Gewissheit unserem Herzen! Die Kirche ist wahrhaftig eine Mutter, und wie jede Mutter sucht sie das Wohl ihrer Kinder, besonders derer, die ihr am fernsten sind, und derer, die leiden; bis sie ihre Erfüllung im glorreichen Leib Christi mit all seinen Gliedern finden wird.

Eine weitere Betrachtung entnehmen wir dem Johannesevangelium, wo ausdrücklich betont wird, dass „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt (hat), damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat“ (Joh 3,17-18). Das bedeutet also, dass jenes letzte Gericht schon eingesetzt hat, bereits schon jetzt während unseres irdischen Daseins. Das Urteil wird in jedem Augenblick unseres Lebens gefällt und ist die Antwort auf unsere Einstellung: Nehmen wir die in Christus enthaltene und wirkende Rettung gläubig an, oder lehnen wir sie ab und verschließen uns in uns selbst? Wenn wir uns aber der Liebe Jesu verschließen, verurteilen wir uns selbst. Unser Heil ist es, uns für Jesus zu öffnen; dann wird er uns retten. Wenn wir Sünder sind – und wir alle sind es –, dann bitten wir ihn um Vergebung; und wenn wir zu ihm gehen mit dem festen Willen, uns zu bessern, wird der Herr uns vergeben. Doch dazu müssen wir uns der Liebe Jesu öffnen, die stärker ist als alles andere. Die Liebe Jesu ist groß, die Liebe Jesu ist barmherzig, die Liebe Jesu bringt Vergebung; aber du musst dich für sie öffnen, und sich öffnen bedeutet, dass man bereut, dass man die Fehler bekennt, die man begangen hat. Unser Herr Jesus hat sich uns geschenkt und schenkt sich uns immer wieder aufs Neue, um uns die ganze Barmherzigkeit und Gnade des Vaters zu bringen. In einem gewissen Sinn können wir selbst also zu Richtern werden, über uns selbst richten und uns zum Ausschluss aus der Gemeinschaft mit Gott und den Brüdern verurteilen. Lasst uns also nie müde werden, über unsere Gedanken und unser Betragen zu wachen, damit wir heute schon eine Vorfreude auf die Wärme und den Glanz des göttlichen Antlitzes verspüren können, das wir im ewigen Leben in seiner ganzen Vollkommenheit schauen werden. Lasst uns weitergehen, während wir an dieses Gericht denken, das schon eingesetzt hat, und lasst uns dabei unser Herz für Jesus und sein Heil öffnen; lasst uns ohne Furcht weitergehen, denn die Liebe Jesu ist größer, und wenn wir für unsere Sünden um Vergebung bitten, wird er uns vergeben. So ist Jesus. Lasst uns also weitergehen, mit dieser Gewissheit, die uns bis in die Herrlichkeit des Himmels begleiten wird!

[Aufruf des Heiligen Vaters:]

Gestern hat die Caritas eine weltweite Kampagne gegen Hunger und Lebensmittelvergeudung gestartet unter dem Motto: „Eine menschliche Familie, Nahrung für alle“. Eine menschliche Familie, Nahrung für alle: Wollen wir uns das merken? Wollen wir es zusammen wiederholen? „Eine menschliche Familie, Nahrung für alle“. Der Skandal dieser Millionen von Menschen, die Hunger leiden, darf uns nicht lähmen, sondern muss uns dazu antreiben zu handeln; alle, die Einzelnen, die Familien, die Gemeinden, die Institutionen, die Regierungen, um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Das Evangelium Jesu zeigt uns den Weg: Auf die Vorsehung des Vaters vertrauen und unser tägliches Brot teilen, ohne es zu verschwenden. Ich ermutige die Caritas, diese Kampagne fortzuführen, und fordere alle auf, sich dieser „Welle“ der Solidarität anzuschließen.

[Übersetzt von Alexander Wagensommer]