"Wer Barmherzigkeit übt, fürchtet den Tod nicht"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 531 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache stellte der Papst den Tod und die Auferstehung des Leibes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Ihr seid wirklich mutig, dass ihr bei dieser Kälte hier auf dem Platz ausharrt. Alle Achtung! 

Ich will die Katechese über das Glaubensbekenntnis zu Ende führen, die uns durch das Jahr des Glaubens, das am vergangenen Sonntag zu Ende gegangen ist, begleitet hat. Heute und nächsten Mittwoch will ich über das Thema der leiblichen Auferstehung sprechen und dabei zwei Aspekte hervorheben, die auch der Katechismus der Katholischen Kirche betont, nämlich unser Sterben und Auferstehen in Jesus Christus. Heute werden wir uns über den ersten Punkt unterhalten: das Sterben in Christus.

1. Unter uns herrscht meistens eine falsche Auffassung vom Tod vor. Der Tod geht uns alle an, und er stellt uns tiefe Fragen, besonders wenn er uns aus der Nähe berührt oder wenn er die Kleinen, die Unschuldigen in einer Weise trifft, die „skandalös“ ist. Es gibt Fragen, die mich schon immer tief bewegt haben. Warum leiden Kinder? Warum sterben Kinder? Wenn man den Tod als das Ende aller Dinge auffasst, dann flößt er uns Angst ein, erschreckt uns, wird zur Bedrohung, an der alle Träume und Hoffnungen zerschellen, die jede Beziehung und jede Laufbahn zerbricht. Das geschieht, wenn wir unser Leben als einen Zeitabschnitt auffassen, der zwischen zwei Polen liegt: Geburt und Tod; wenn wir nicht über den Horizont des irdischen Lebens hinaussehen können; wenn wir leben, als ob es Gott nicht gäbe. Diese Art, den Tod aufzufassen, ist typisch für das atheistische Denken, demzufolge wir durch einen Zufall in die Welt gesetzt wurden und am Ende unseres Weges das Nichts auf uns wartet. Es gibt aber auch einen praktischen Atheismus, der darin besteht, dass wir nur für unsere Interessen und irdischen Projekte leben. Wenn diese falsche Auffassung vom Tod von uns Besitz ergreift, bleibt uns gar keine andere Wahl mehr, als den Tod zu verdrängen und zu verstecken, damit er uns nicht mehr erschreckt.

2. Doch das ist eine selbstbetrügerischere Lösung, gegen die unser eigenes Herz rebelliert, denn allen Menschen wohnt ein Wunsch nach Unendlichkeit inne, eine Sehnsucht nach Ewigkeit. Was also ist der christliche Sinn des Todes? Wenn wir an die schmerzlichsten Augenblicke unseres Lebens zurückdenken, etwa an den Tod eines geliebten Menschen – Vater, Mutter, ein Bruder, eine Schwester, der Ehepartner, ein Sohn oder eine Tochter, ein Freund –, dann werden wir feststellen, dass trotz allen Schmerzes über den Verlust, auch wenn wir wegen der Trennung innerlich ganz zerrüttet sind, aus der Tiefe unseres Herzens die Überzeugung aufkeimt, dass nicht alles zu Ende sein kann, dass die Liebe, die wir gegeben und empfangen haben, nicht umsonst gewesen sein kann. In uns lebt ein starker Instinkt, der uns sagt, dass das Leben nicht mit dem Tod endet.

Dieser Durst nach Leben hat in der Auferstehung Jesu Christi eine konkrete und zuverlässige Antwort gefunden. Die Auferstehung Jesu gibt uns nicht nur die Gewissheit eines Lebens nach dem Tod, sondern erhellt auch das Geheimnis des Todes eines jeden von uns. Wenn wir mit Jesus vereint leben und ihm treu bleiben, werden wir auch in der Lage sein, den Übergang des Todes mit Hoffnung und Gelassenheit auf uns zu nehmen. Deshalb betet die Kirche: „Wenngleich die Gewissheit des Todes uns betrübt, tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit.“ Ein schönes Gebet! Die Menschen neigen dazu, so zu sterben, wie sie gelebt haben. Wenn mein Leben ein Pilgerweg in Begleitung des Herrn gewesen ist, wenn mich das Vertrauen in seine unendlich große Barmherzigkeit immer begleitet hat, werde ich darauf vorbereitet sein, den letzten Augenblick meines irdischen Daseins zu akzeptieren und mich mit einem endgültigen Vertrauensakt in seine offenen Arme gleiten zu lassen, in der Erwartung, sein Angesicht schauen zu können. Das ist das Schönste, das uns widerfahren kann: den Herrn von Angesicht zu Angesicht zu schauen, ihn zu sehen, wie er ist, so schön und voller Licht, voller Liebe und Zärtlichkeit. So weit können wir gehen: bis zur Begegnung mit dem Herrn.

3. In dieser Perspektive können wir Jesu Aufforderung verstehen, immer bereit zu sein, immer wachsam, wissend, dass uns das Leben in dieser Welt auch deshalb gegeben wurde, damit wir das kommende Leben, das mit dem himmlischen Vater, vorbereiten können. Und dafür gibt es einen sicheren Weg: sich gut auf den Tod vorzubereiten, indem man immer in der Nähe Jesu bleibt. Das ist es, was mir Sicherheit gibt: die Nähe Jesu. Und wie bleibt man Jesus nah? Durch das Gebet, die Sakramente und die Akte der Nächstenliebe. Vergessen wir nie, dass er in den Schwächsten und Bedürftigsten anwesend ist. Er selbst hat sich mit ihnen identifiziert, in jenem berühmten Gleichnis vom Weltgericht, in dem er sagt: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen… Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,35-36.40). Deshalb ist es ein sicherer Weg, den Sinn der christlichen Nächstenliebe und brüderlichen Teilnahme wiederzuentdecken, indem wir uns der körperlichen und geistigen Leiden unserer Mitmenschen annehmen. Unsere Solidarität, die sich darin äußert, dass wir Mitleid haben und Hoffnung schenken können, ist eine Voraussetzung und Bedingung für den Gewinn des Reiches, das für uns, als unser Erbe vorbereitet ist. Wer Barmherzigkeit übt, fürchtet den Tod nicht. Prägt euch das gut ein: Wer Barmherzigkeit übt, fürchtet den Tod nicht. Seid ihr einverstanden? Wollen wir es noch einmal wiederholen, um es nicht zu vergessen? Wer Barmherzigkeit übt, fürchtet den Tod nicht. Und warum fürchtet er den Tod nicht? Weil er sein Gesicht schon in den Wunden der Brüder geschaut und ihn mit der Liebe Jesu Christi überwunden hat.

Wenn wir die Tür unseres Lebens für unsere geringsten Brüder und Schwestern offen halten, dann wird auch unser Tod zu einer Tür werden, durch die wir in den Himmel kommen werden, in unsere selige Heimat, zu der wir alle unterwegs sind, um unsere Sehnsucht zu erfüllen und in Ewigkeit mit unserem Vater, mit Jesus, Maria und allen Heiligen zu leben.