Wer brachte Pius XII. in Verruf?

Der Direktor des „Osservatore Romano“ gibt Kommunisten und Spaltungen innerhalb der Kirche die Schuld

| 2320 klicks

ROM, 16. Juni 2009 (ZENIT.org).- Der Direktor des „Osservatore Romano" - der halboffiziellen Tageszeitung des Vatikans - ist der Ansicht, dass die Schwarze Legende rund um Papst Pius XII. und den Nationalsozialismus zwei Wurzeln habe: die kommunistische Propaganda und die Spaltung innerhalb der Kirche. Giovanni Maria Vian sprach anlässlich der Veröffentlichung des von ihm herausgebrachten Buchs „In Difesa di Pio XII: La Ragioni della Storia" (In Verteidigung Papst Pius XII.: Die Ursachen der Geschichte) mit ZENIT über die Legendenbildung rund um Pius XII. in der vergangenen Woche hatte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone SDB das Buch vorgestellt.

Während Pius XII. bei seinem Tod einmütig für seinen Einsatz während des Zweiten Weltkriegs gelobt worden sei, werde er seitdem „dämonisiert", so Vian. An erster Stelle sei das der kommunistischen Propaganda gegen den Papst zuzuschreiben, die sich während des Kalten Kriegs verschärft habe. Die traditionell neutrale, aber klar gegen Totalitarismus gerichtete Haltung des Papstes und des Heiligen Stuhls in der Zeit des Weltkriegs habe der Allianz gegen Hitler genützt und sei durch einen „menschlichen Einsatz ohne Präzedenzfall charakterisiert gewesen, der viele Menschenleben gerettet hat", erklärte Vian. Da diese Haltung aber auch klar antikommunistisch war, sei der Papst schon in dieser Zeit Ziel sowjetischer Propaganda geworden; man hätte ihn so dargestellt, als würde er „mit dem Nationalsozialismus und seinen Schrecken unter eine Decke stehen".

Ein mächtiger Neustart für die Propaganda sei Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter" gewesen, das in Berlin am 20. Februar 1963 uraufgeführt wurde und das Schweigen des Papstes als Gleichgültigkeit gegenüber der Judenvernichtung darstelle, berichtet Vian. Schon damals habe man bemerkt, dass das Theaterstück viele Ideen von Mikhail Markovich Scheinmann aufgreift, die dieser in seinem Buch „Der Vatikan im Zweiten Weltkrieg" vorgestellt hat. Das Werk wurde 1954 vom Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR herausgebracht, einem Propagandawerkzeug der kommunistischen Ideologie.

Doch auch innerhalb der Kirche sei Papst Pius XII. im Zuge der Spaltungen zwischen „Progressiven" und „Konservativen" nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Verruf gebracht worden. Jene, die die konservativen Kräfte bekämpften, hätten Pius XII. kritisiert, den sie als deren Symbol hinstellten. Dabei hätten sie nicht davor zurückgeschreckt, Argumente der Schwarzen Legende aufzugreifen. Die Kritik an Pius XII. sei zusehends initiiert worden, um einen Gegensatz zu seinem Nachfolger Papst Johannes XXIII. herzustellen, und zwar nicht wegen dessen radikal anderen Führungsstils, sondern auch wegen der überraschenden Ausrufung des II. Vatikannums durch Johannes XXIII.

Vian hebt hervor, dass die Zurückhaltung Pius XII. vor allem den Sinn hatte, nicht die Lage der Opfer zu erschweren, denen auf anderen, diskreten Wegen geholfen wurde. Zwei Mal prangerte Pius XII. freilich die Judenverfolgung der Nazis öffentlich an: in der Weihnachtsbotschaft von 1942 und in einem Schreiben an die Kardinäle vom 2. Juni 1943.

„Pacelli befragte oft sich selbst über seine Einstellung, die nichtsdestoweniger eine bewusste Entscheidung war, die er durchhielt um die größtmögliche Anzahl von Opfern zu retten, statt fortgesetzt den Frevel zu verurteilen, verbunden mit der realen Gefahr von noch größerem Gräuel", erklärt Vian. Das Buch solle die Erinnerung an den Papst unter Katholiken zu heilen. Das Pontifikat sei aus vielen Gründen von zentraler Bedeutung und bleibe in der öffentlichen Meinung durch Polemiken, die die Schwarze Legende auslöste, verdunkelt.

Beiträge des Buches stammen von: Kardinal Bertone; dem Journalisten und Historiker Paolo Mieli; dem späteren jüdischen Biologen, Physiker und Schriftsteller Saul Israel; dem Historiker und Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio Andrea Riccardi; den Erzbischöfen Salvatore Fisichella, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, und Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstolichen Rates für die Kultur. Schließlich sind auch noch eine Homilie von Benedikt XVI. und zwei Reden des Papstes zum Gedächtnis an seinen Vorgänger in dem Buch enthalten.