„Wer den Bruder anklagt, den klagt Gott an“: P. Raniero Cantalamessa ruft zur Barmherzigkeit auf

Vierte Predigt vor dem Papst und dessen Kurienmitarbeitern in der Fastenzeit

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ROM, 30. März 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., hat davor gewarnt, andere zu verachten und abzuurteilen.



Im Mittelpunkt der vierten Predigt in der Fastenzeit 2007, die der Kapuzinerpater am heutigen Freitagvormittag in der Kapelle „Redemptoris Mater“ des Apostolischen Palasts vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern in der Römischen Kurie hielt, standen die Worte Jesu: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7).

Da die Liebe und Barmherzigkeit Gottes gerade zu Ostern auf vollkommene Weise hervortritt, machte sich P. Cantalamessa einige Worte zu Eigen, die in der Botschaft Benedikt s XVI. für die Fastenzeit zu finden sind: „So werde die Fastenzeit für jeden Christen zur erneuten Erfahrung der Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus geschenkt worden ist – eine Liebe, die wir unsererseits dem Nächsten weiterschenken müssen.“

Diese Worte bildeten das Leitmotiv der Ausführungen des päpstlichen Predigers, der unter anderem mit Kafkas „Der Prozess“ die „unglaubliche Nachricht“ verdeutlichte, die uns die Liturgie der Kirche zu Ostern überbringt: „dass es die wirkliche Freisprechung tatsächlich gibt, dass sie nicht nur ein Märchen ist, etwas Wunderschönes, was aber unerreichbar wäre“.

Er erinnerte seine Zuhörer daran, dass Jesus „den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben [hat]. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat“ (Kol 2,14). Für die, die an Jesus Christus glaubten, gebe es nun keine Verurteilung mehr, bekräftige der Prediger. „Vom Kreuz Christi ist eine Quelle von Wasser und Blut hervorgesprudelt, und nicht nur einer, sondern alle, die sich darin baden, werden geheilt.“

Da die Christen von Gott geliebt und „seine auserwählten Heiligen“ sind, sollten sie sich, wie der heilige Paulus an die Kolosser schreibt, „mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld“ bekleiden. „Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kol 3,12-13).

Da Gott voller Erbarmen sei, könne auch die Kirche und ihre Glieder nichts anderes als „dives in misericordia“ sein, fuhr der Ordenspriester fort. „Von der Haltung Christi gegenüber den Sündern, die wir ausreichend analysiert haben, wollen wir einige Kriterien ableiten. Jesus banalisiert die Sünde nicht, sondern er findet eine Weise, die es ihm ermöglicht, sich nicht von den Sündern abzusondern, sondern sie vielmehr an sich zu ziehen. Er sieht in ihnen nicht nur das, was sie sind, sondern das, zu dem sie werden können, wenn sie in der Tiefe ihres Elends und ihrer Hoffnungslosigkeit von der göttlichen Barmherzigkeit überrascht werden.“

Somit müsse man den anderen vergeben und ihn wenn möglich immer entschuldigen. „Wenn es um uns selbst geht, gilt das Sprichwort: ‚Wer sich vergibt, den klagt Gott an; wer sich anklagt, dem vergibt Gott.‘ Wenn es aber um die anderen geht, gilt das Gegenteil: ‚Wer dem Bruder vergibt, dem vergibt Gott; wer den Bruder anklagt, den klagt Gott an.‘“

Abschließend erklärte der Prediger des Päpstlichen Hauses, dass die Vergebung für die Familie und jede Form von Gemeinschaft „wie das Öl für den Motor“ sei: „Wenn man sich in ein Auto setzt, das keinen Tropfen Öl im Motor hat, dann wird nach wenigen Kilometern alles in Flammen aufgehen.“