„Wer Gott dient, bewahrt seine Schöpfung“

Fastenhirtenbrief des Bamberger Erzbischofs Dr. Ludwig Schick

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BAMBERG, 26. Februar 2009 (ZENIT.org).- „Als gläubige Menschen bringen wir für die Bewahrung der Schöpfung vor allem die Liebe zum Schöpfer ein“, schreibt Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg) in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief. Sein zentrales Anliegen ist die Sorge um die Schöpfung, eine Sorge, die die Achtung des Menschen in allen seinen Lebensstadien besonders hervorheben sollte.

Dankbarkeit und Einsatz für die Natur könnten zudem eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit und Vertiefung der Ökumene sein: „Für die Bewahrung der Schöpfung weltweit ist das ökumenische Miteinander sehr wichtig. Zugleich bringt das gemeinsame Wirken für die Ökologie uns einander näher und fördert die Einheit der Christen. Die vereinte Christenheit kann entscheidend dazu beitragen, die drohende Zerstörung der Natur und des Kosmos zu verhindern.“

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Liebe Schwestern und Brüder!

1. Die Fastenzeit will nicht beschneiden und arm machen, sondern bereichern. Sie lädt ein, Gott und alles, was er geschaffen hat, neu zu entdecken und mehr zu lieben. Der Aufruf der Heiligen Schrift: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15), ist Ruf zum ‚Leben in Fülle'. Dazu sollen wir das, was das Leben mit Gott, den Mitmenschen und der Schöpfung behindert, aufgeben. Das Evangelium zeigt uns die Wege zur Umkehr. Jesus Christus lädt uns ein, ihm zu folgen, damit wir „das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10).

2. Im Jahr 2009 möchten wir im Erzbistum Bamberg das Thema „Bewahrung der Schöpfung" in den Mittel-punkt stellen. Was hat das mit der Fastenzeit zu tun? Erinnern Sie sich an die Versuchungen Jesu, wie sie Matthäus und Lukas berichten? Dabei führt der Teufel Jesus auf einen hohen Berg; er zeigt ihm alle Reiche dieser Welt. Dann verheißt er, dass er ihm „all die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche" (Lk 4,6) geben will, wenn er sich vor ihm niederwirft und ihn anbetet. Jesus antwortet dem Teufel darauf: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm al-lein dienen" (Lk 4,8)! Mit‚ allen Reichen dieser Welt' ist auch aller Reichtum der Natur und Schöpfung gemeint. Zur Zeit Jesu war das noch mehr der Fall als heute. Wir setzen Reichtum oft mit Geld und Kapital gleich. Zur Zeit Jesu bestanden die ‚Macht und Herrlichkeit der Reiche dieser Welt' vor allem in den Gaben der Natur, den Tieren und Pflanzen sowie den Bodenschätzen. Jesus hält dem Versucher entgegen, dass der Mensch Gott dienen soll. ‚Gott dienen' heißt in diesem Zusammenhang: Mit Seiner Schöpfung umgehen, wie Gott es will. Das bedeutet, dankbar annehmen, was Gott in der Natur geschenkt hat, es nutzen und entfalten sowie zugleich für die nachfolgenden Generationen bewahren.

Ich möchte Sie einladen, in der Fastenzeit 2009 über die Schöpfung Gottes nachzudenken. Uns allen wünsche ich mehr Liebe zur Natur und zum Kosmos, zur Pflanzen- und Tierwelt, vor allem aber zu den Menschen. Lassen Sie sich anregen, „umzukehren" und „Gott allein zu dienen", auch im Umgang mit Seiner Schöpfung.

3. Die Herausforderungen in Bezug auf die Bewahrung der Schöpfung machen einschneidende Veränderungen unseres Lebensstils erforderlich. Die Religionen können für den dazu nötigen Bewusstseinswandel eine große Hilfe sein. Besonders die katholische Kirche hat die Chance, ihre Stärken im Interesse der ganzen Menschheit einzubringen. Sie ist nicht nur weltweit die zweitgrößte Religionsgemeinschaft, sie ist auch mit Abstand die ‚Organisation', die in allen Erdteilen am besten und effektivsten vertreten ist. Wir Christen können und müssen eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung der Schöpfung übernehmen. Unser Menschenbild und Schöpfungsverständnis tragen ein großes Motivationspotenzial in sich.

Darin liegt auch ein Auftrag und eine Chance für die Ökumene. Für die Bewahrung der Schöpfung weltweit ist das ökumenische Miteinander sehr wichtig. Zugleich bringt das gemeinsame Wirken für die Ökologie uns einander näher und fördert die Einheit der Christen. Die vereinte Christenheit kann entscheidend dazu beitragen, die drohende Zerstörung der Natur und des Kosmos zu verhindern.

Als Christen fordern wir aber auch - gerade in dem vor uns liegenden „Superwahljahr" - von der Politik, das Ihre zu tun, um die Umwelt zu bewahren. Die Politik muss sich entschiedener für die Reduzierung des CO2 -Ausstoßes und gegen die Erderwärmung einsetzen. Mehr Investitionen sind dafür erforderlich.

4. Liebe Schwestern und Brüder! Als gläubige Menschen bringen wir für die Bewahrung der Schöpfung vor allem die Liebe zum Schöpfer ein. Wir erinnern dazu an die ‚Schöpfungsberichte' der Bibel (vgl. Gen 1 und 2). Sie stellen fest, dass der menschenfreundliche Gott alles wunderbar eingerichtet hat. Wir denken an die Gleichnisse Jesu, in denen Seine Achtung vor der Natur zum Ausdruck kommt (vgl. Mt 13,1-53). Wir beten den Psalm 104: „Ein Loblied auf den Schöpfer". Wir haben auch viele gute Vorbilder der Kirchengeschichte vor Augen, zum Beispiel: Franz von Assisi mit seinem Sonnengesang, Hildegard von Bingen und den hl. Benedikt. Sie und viele andere Heilige haben zu ihrer Zeit die Schöpfung geliebt, gepflegt und kultiviert.

Mit der Bibel wussten sie alle auch, dass der Mensch Teil und Krone der Schöpfung ist. Wir Christen verfallen nicht der Ideologie mancher in der ökologischen Bewegung, die das Leben von Bäumen und Tieren höher als das Leben eines Embryos achten, der ein Mensch im Frühstadium seiner Entwicklung ist. Die Sorge um die Schöpfung muss die Achtung des Menschen in allen seinen Lebensstadien besonders betonen.

5. Wir haben uns viel vorgenommen, um in unserer Erzdiözese die Liebe zum Schöpfer und zur Schöp-fung zu fördern und voranzubringen. Unsere Gemeinden und Einrichtungen sollen helfen, dass die CO2-Emissionen, die unsere Natur so sehr schädigen, zurückgefahren werden. Auf dem Feuerstein wird heute eine Energie- und Klimaoffensive gestartet. Wir setzen damit eine Vorgabe unseres Pastoralplans „Den Aufbruch wagen - heute!" um (vgl. Abschnitt „Schöp-fungsverantwortung", S. 71). Ein Sonderfonds in Höhe von fünf Millionen Euro soll die Initiative ‚Bewahrung der Schöpfung' unterstützen. Er soll helfen, klima-schonende Bau- und Renovierungsmaßnahmen durchzuführen, aber auch Energie- und Umweltmanagement zu fördern. Wirken Sie in den Pfarrgemeinden, besonders in den Gremien ‚Pfarrgemeinderat' und ‚Kirchenverwaltung', dabei mit!

6. Die Misereor-Fastenaktion weist uns in diesem Jahr unter dem Motto „Gottes Schöpfung bewahren - damit alle leben können" auf den wichtigen Zusammenhang des Klimawandels mit dem Hunger in der Welt hin. Nachhaltiges Wirtschaften ist auch eine Forderung globaler Gerechtigkeit und Solidarität. Der „Katechismus der Katholischen Kirche" begründet die Pflicht der Gläubigen, „die Unversehrtheit der Schöpfung zu achten", mit dem siebten Gebot „Du sollst nicht stehlen!" (Ex 20,15). Er schreibt: „Die Herr-schaft über die belebte und die unbelebte Natur, die der Schöpfer dem Menschen übertragen hat, ist nicht absolut; sie wird gemessen an der Sorge um die Le-bensqualität des Nächsten, wozu auch die künftigen Generationen zählen; sie verlangt Ehrfurcht vor der Unversehrtheit der Schöpfung" (KKK Nr. 2415). Es darf nicht sein, dass wohlhabende Nationen - das heißt konkret wir - auf Kosten anderer leben. Bekanntlich verursachen hauptsächlich die Konsumgesellschaften Europas und Nordamerikas den Klimawandel. Umgekehrt bekommen vor allem die Armen der südlichen Halbkugel dessen Folgen zu spüren. Die Auswirkungen davon werden aber mittelfristig auch uns direkt betreffen. „Vergesst die Armen nicht!", mahnt die Heilige Schrift. Dazu gehört, dass wir alles uns Mögliche tun, dass die Erde allen Menschen aller Zeiten Nahrung und Wohnraum bietet.

Auch das diesjährige Heinrichsfest wird sich mit dem Thema ‚Bewahrung der Schöpfung' auseinandersetzen. Schon jetzt lade ich Sie ein, am 12. Juli nach Bamberg zu kommen und sich darüber zu informieren, was wir in unserer Erzdiözese konkret dazu beitragen können.

7. Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, geboren. Zwischen seinen Erkenntnissen und der Schöpfungstheologie wurde sehr oft ein Gegensatz konstruiert. Das muss nicht sein. Naturwissenschaft und Theologie betrachten die Schöpfung aus verschiedenen Blickwinkeln. Beide Sichtweisen gehören zusammen und ergänzen sich. Sie müssen sich in ihrer Eigenständigkeit gegenseitig achten. Die Evolution hat die Pflanzen- und Tierwelt bis hin zum Menschen hervorgebracht - in der Schöpfung hat sich eines aus dem anderen auf geradezu wunderbare Weise entwickelt. Wer daraus die Schlussfolgerung zieht, dass es also keinen Gott braucht, der hat ein so primitives Gottesbild, das man tatsächlich nicht braucht, weil es nicht brauchbar ist. Als Christen dürfen wir uns über jede neue Erkenntnis der Naturwissenschaften freuen, weil sie uns deutlich macht, wie groß die Weisheit Gottes ist, die hinter allem steht. Der „Katechismus der Katholischen Kirche" schreibt dazu: „Die Frage nach den Ursprüngen der Welt und des Menschen ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Forschungen, die unsere Kenntnis über das Alter und die Ausmaße des Universums, über das Werden der Lebensformen und das Auftreten des Menschen unerhört bereichert haben. Diese Entdeckungen sollten uns anregen, erst recht die Größe des Schöpfers zu bewundern, ihm für all seine Werke und für die Einsicht und Weisheit zu danken, die er den Gelehrten und Forschern gibt" (KKK Nr. 283). Auch die großen Naturwissenschaftler bestätigen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse und der Glaube an Gott vereinbar sind. Albert Einstein hat das schöne Wort geprägt: „Ein wenig Naturwissenschaft macht gottlos, viel Naturwissenschaft macht gläubig". Charles Darwin selbst schreibt: „Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott."

Liebe Schwestern und Brüder!

8. Die Fastenzeit will uns von falschem Denken und Handeln befreien. Die Tugenden des Maßhaltens und der Askese werden uns bei der Bewahrung der Schöpfung eine große Hilfe sein. Die vorösterliche Bußzeit lädt uns ein, durch Verzicht auf Überflüssiges und Schädliches besser und glücklicher zu leben. Sie lehrt uns Bescheidenheit und Solidarität. Die Fastenzeit lädt ein, Gott allein zu dienen und deshalb alles, was er geschaffen hat, vor allem unsere Mitmenschen, so zu lieben, wie er sie liebt.

Mit herzlichen Grüßen für eine gnadenreiche vorösterliche Bußzeit erbitte ich Ihnen den Segen des allmächtigen und gütigen Gottes + des Vaters, + des Sohnes und + des Heiligen Geistes

Ihr Erzbischof
Dr. Ludwig Schick

[Vom Erzbistum Bamberg veröffentlichtes Original]