Wer ist der Mensch? Kardinal Murphy-O

Schaffung einer nationalen Bioethik-Kommission und Senkung der Abtreibungszahlen, zentrale Anliegen

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LONDON, 23. Mai 2008 (ZENIT.org).- Die heftig kritisierten Entscheidungen, die am 19. Mai im britischen Parlament getroffen wurden, haben nach Worten von Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, Erzbischof von Westminster, die Fragen und Probleme bezüglich menschlicher Befruchtung und Embryologie nicht klären können. Die Volksvertreter hatten sich für die Schaffung von Hybrid-Embryonen und die Zeugung von so genannten „Rettungskindern“ sowie gegen die beantragte Verkürzung der heutige geltenden sechsmonatigen Abtreibungsfrist ausgesprochen. Außerdem entschieden sie, dass im Fall einer künstlichen Befruchtung kein Vater erforderlich sei.

In einem Gastkommentar, der am 23. Mai in der britischen Tageszeitung „Daily Telegraph“ erschien, stellte der Primas der Kirche in England die rhetorische Frage, ob denn – auch wenn die Politiker bereits über die Sache abgestimmt haben – „das Gewissen der Nation beruhigt sein könne“, um anschließend zwei konkrete Forderungen in den Raum zu stellen.

„Weit davon entfernt, die Probleme gelöst zu haben, bis der nächste Gesetzesantrag kommt, haben die außergewöhnlichen Debatten dieser Woche uns alle in der Tat hellhörig für das gemacht, was tatsächlich in unserem Namen gemacht wurde“, schreibt der Kardinal. „Viele Menschen sind sehr beunruhigt und verwirrt; sie sind sehr besorgt über die Richtung, die wir jetzt einschlagen.“

Was heißt es, ein Mensch zu sein?
Kardinal Murphy-O'Connor erklärt in seinem Kommentar die Debatten für noch nicht beendet: „Eine Abstimmung allein kann und darf die Diskussion nicht beenden. Es geht hier um lebenswichtige, wesentliche Fragen: Was heißt es, ein Mensch zu sein? Welche Bedingungen sind erforderlich, damit wir gedeihen können? Wie muss eine Gesellschaft beschaffen sein, damit wir unser Vertrauen auf sie setzen und wissen können, dass wir geliebt sind und geschätzt werden, und vor allem dass wir die Möglichkeit haben, in unserer Suche nach dem, was recht und wahr ist, voranzuschreiten?“

In diesem Zusammenhang schlägt der Kardinal zwei Dinge vor: eine nationale Bioethik-Kommission und eine gemeinsame Kraftanstrengung mit dem Ziel, die Zahl der Abtreibungen in Großbritannien zu reduzieren.

Er schreibt: „Erstens ist es immer deutlicher geworden, dass wir eine nationale Bioethik-Kommission mit festen Satzungen benötigen. Eine nationale Ethik-Kommission, die auf hohem Niveau arbeitet, mit bester Sachkenntnis und Mitgliedern aus verschiedenen Disziplinen, mag zwar nicht immer eines Sinnes sein, könnte aber dem Gemeinwohl schon allein dadurch sehr dienlich sein, dass sie den Dialog und die Untersuchung der Probleme fortsetzt.

Für uns als Gesellschaft ist es dringend notwendig, die Möglichkeit zu schaffen, über ethische Fragen weiter nachzudenken. Die Ethik muss mit der Wissenschaft Schritt halten, und die Öffentlichkeit darf nicht überrumpelt werden. Viele andere Länder haben bereits eine solche Kommission, und Großbritannien wäre schlecht gedient, wenn sie keine besäße.

Erschütternde Entscheidung

Zweitens fordert der Kardinal, dass „die Entscheidung für die Beibehaltung des status quo bei der Abtreibung nicht das Ende der Diskussion“ sein dürfe.

Die Abtreibung ist in Großbritannien noch während der ganzen 24. Woche der Schwangerschaft legal. Deshalb war im Parlament der Antrag auf Verkürzung dieser Frist gestellt worden. Die Initiative berief sich vor allem auf neue Erkenntnisse, wonach immer mehr Fälle aufzeigten, dass Kinder bereits in der 22. Schwangerschaftswoche außerhalb des Mutterleibes lebensfähig sind.

„Bei dem Begriff Überlebensfähigkeit, der in der Diskussion eine besondere Rolle spielte, geht es um die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel und technologischen Möglichkeiten, und er kann nicht als Kriterium für eine ethische Entscheidung zwischen einem Leben, das unserer Achtung und unseres Schutzes wert ist, und einem Leben, bei dem das nicht der Fall ist, dienen. Er kann eine solche Entscheidung nicht begründen“, bekräftigt Kardinal Murphy-O'Connor. „Das Leben im Mutterleib benötigt all unsere Hilfe und unseren Schutz und besitzt diesen Anspruch vom Augenblick der Empfängnis an.“

Für die Beteiligten sei eine Abtreibung „oft eine schmerzliche, erschütternde Entscheidung, und sie kann nur eine Quelle tiefen Schmerzes sein. Daher bin ich davon überzeugt, dass wir alle, welcher Glaubensrichtung wir auch immer angehören, zusammenarbeiten müssen, um eine bessere Lösung zu finden.“

In Großbritannien werden nach Angaben des Kardinals jedes Jahr rund 200.000 Abtreibungen durchgeführt, und das seien „viel zu viele“ – ein Urteil, in dem alle Seiten übereinstimmten.

„Auch ohne eine Gesetzesänderung könnte die Zahl der Abtreibungen drastisch gesenkt werden, wenn sich mehr Menschen gemeinsam dafür einsetzen würden, um ein neues Verständnis und eine neue Einstellung zu Beziehungen und gegenseitiger Unterstützung zu fördern“, führte der Kardinal aus.

Wissenschaft gegen Religion?
Der Erzbischof von Westminster stellt in seinem Artikel auch klar, dass es bei den Diskussionen der jüngsten Vergangenheit nicht um einen Gegensatz von Wissenschaft und Religion gehe.

„Die Wahrheit ist: Die Wissenschaft als solche steht niemals auf der einen oder der anderen Seite“, schreibt er. „Natürlich müssen wir das lernen, was uns der wissenschaftliche Fortschritt lehrt: die Dinge aus dem Bereich der Physik und der Biologie; die Materie, aus der menschliche Lebewesen bestehen, und die atemberaubende Schönheit und Vielschichtigkeit der Entwicklung des Menschen vom Embryo an.

Aber die Wissenschaft ist menschliches Tun, und dieses Tun findet in einem ethischen Raum statt, nicht in einem Vakuum. Womit wir es hier zu tun haben, sind tiefgreifende ethische Entscheidungen, die von den Einsichten der Wissenschaft ihre Informationen erhalten, aber von ihr nicht bestimmt werden. Unsere Ansichten werden nicht nur von wissenschaftlichen Fakten geformt, sondern auch von unserem Grundverständnis davon, was menschliches Leben ist, und ebenso von unserer Lebensphilosophie, ob sie nun von einer religiösen Überzeugung geprägt ist oder eben nicht. Wissenschaft kann Ethik nicht ersetzen.“

Glaube und Vernunft, so Kardinal Murphy-O'Connor, widersprechen einander nicht. Und deshalb ruft er zu einer von der Vernunft geleiteten Diskussion auf, um die Positionen sowohl der Gläubigen als auch derer, die keinen Glauben haben, zu analysieren und zu prüfen.

Gläubige Menschen dürften „nicht ausgeschlossen oder ausgegrenzt werden, nur weil sie von einer religiösen Perspektive aus an die Sache herangehen, noch sollten ihnen in einer demokratischen Debatte besondere Privilegien eingeräumt werden“, betont der Kardinal. „Vernunft und Glaube gehen Hand in Hand, und für mich bringt der Glaube eine Einsicht in die Wahrheit, die der Vernunft hilft.“

Zum Schluss schreibt Kardinal Murphy-O'Connor: „Die Debatte dieser Tage ist kein Anzeichen für das Ende der Diskussionen, sondern paradoxerweise öffnet sie in der Tat die Möglichkeit für eine viel tiefere Diskussion. Ich hoffe, dass sie zu Gesprächen führen kann, die – für jeden – von einer neuen Offenheit und von gegenseitiger Achtung gekennzeichnet ist, bei der wir viel voneinander lernen können. Denn hier geht es über nichts Geringeres als die grundlegende Wahrheit darüber, wer wir sind und wer wir nach Gottes Plan und Berufung werden sollen.“