Wer ist Mutter Teresa? Pater Werenfried machte den „Engel von Kalkutta“ in Europa bekannt

Von Prof. Dr. Rudolf Grulich

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KÖNIGSTEIN, 4. September 2007 (ZENIT.org).- Am 5. September jährt sich der Todestag der seligen Mutter Teresa zum zehnten Mal. Schon zu Lebzeiten war sie als Engel der Sterbenden in Kalkutta in aller Welt bekannt. Pater Werenfried van Straaten, der Gründer des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, hat sie über mehrere Jahrzehnte hinweg unterstützt, seit er sie das erste Mal auf seiner Asienreise im Jahr 1959 in Indien besucht hatte.



In seinem Buch „Sie nennen mich Speckpater“ berichtete Pater Werenfried sehr betroffen von seinen Erlebnissen in Kalkutta. Der Prämonstratenser prangerte darin die Unmenschlichkeit an, die er in Indien erlebt hatte. Zugleich drückte er seine Bewunderung für die Arbeit von Mutter Teresa und der von ihr gegründeten Ordensgemeinschaft „Missionarinnen der Nächstenliebe“ aus. Bei seiner ersten Begegnung mit Mutter Teresa in Kalkutta nutzte Pater Werenfried die Gelegenheit, ein sterbendes Kind zu taufen: „Niemand hat es gemerkt. Ich gab ihm den Namen Werenfried. Zehn Minuten später war der kleine Werenfried tot.“

Pater Werenfried zeigte sich über die, seiner Meinung nach, pietätlose Einäscherung der Toten und das Zerstreuen der Asche im Fluss schockiert, die ohne Achtung des Menschen vonstatten ging. „Wie kommt es, dass dieses Volk nach vier Jahrhunderten Kontakt mit dem Christentum noch immer nicht christlich ist? Das kommt daher, weil wir Christen es auf fürchterliche Weise an der wahren Liebe und brüderlichen Hilfsbereitschaft haben fehlen lassen. Vor allem die christlichen Völker, die jahrhundertelang als kolonisierende Mächte die Verantwortung für die Entwicklung, die Erziehung und die religiöse Formung der so genannten unterentwickelten Länder hatten.“

Pater Werenfried gilt als „Entdecker“ Mutter Teresas. Er machte sie und ihr Wirken nach seiner Indienreise in Europa bekannt. Bis heute hilft „Kirche in Not“ den Missionarinnen der Nächstenliebe in ihrer Arbeit.

Mutter Teresa hieß mit bürgerlichem Namen Agnes Gonxha Bojaxhiu. Ihr Vorname Gonxha kann mit Rosa übersetzt werden; der türkische Familienname bedeutet „Färber“. Als sie am 27. August 1910 geboren wurde, war ihre Geburtsstadt Skopje noch unter der osmanisch-türkischen Herrschaft des Sultans in Istanbul. Erst im Jahr 1912 wurde sie nach dem Ersten Balkankrieg serbisch und gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das seit 1929 Jugoslawien hieß. Heute ist Skopje Hauptstadt der Republik Mazedonien.

Entgegen der üblichen Darstellung ihrer Biografien war die albanisch-katholische Familie Mutter Teresas nicht arm. Ihr Vater Kole (Nikolaus) war ein weit gereister Kaufmann, der außer Albanisch und Serbisch auch Türkisch, Italienisch und Französisch sprach. Auf seinen Geschäftsreisen kam er bis nach Arabien und Ägypten. Die Familie war begütert. Täglich bekam eine Reihe von Armen der Stadt von ihr etwas zu essen, um zu überleben. Der Vater starb schon im Jahre 1919, als Gonxha erst neun Jahre alt war. Der einzige Sohn Lazar ging nach dem Tode des Vaters als Geschäftsmann in den 1912 entstandenen Staat Albanien, wohin ihm 1934 auch die Mutter Drana und die Schwester Age folgten. Gonxha hatte bereits mit 18 Jahren Skopje verlassen und war als Novizin des Loreto-Ordens unter ihrem neuen Ordensnamen Teresa über Irland nach Indien gereist. Bei einer Volksmission, die kroatische und slowenische Jesuiten in Skopje durchgeführt hatten, war die Berufung zur Missionarin in der jungen Frau geweckt worden.

Während ihr Bruder Lazar 1939 im Gefolge der italienischen Besetzung Albaniens nach Italien kam und wegen der Kriegsereignisse bis zu seinem Tod im Jahr 1969 in Palermo blieb, mussten Mutter und Schwester in Albanien bleiben. Age war als Übersetzerin und Radiosprecherin in Tirana tätig. Beide Frauen erlebten die blutige kommunistische Verfolgung der Nachkriegs¬zeit und die Erklärung Albaniens zum ersten atheistischen Land der Welt durch Enver Hoxha vor vierzig Jahren. Die Mutter starb am 12. Juli 1972, die Schwester kurz darauf. Alle Versuche Mutter Teresas, über große Politiker wie John F. Kennedy, Charles de Gaulle oder lndira Gandhi eine Möglichkeit zu finden, die beiden noch einmal sehen zu dürfen, wurden damals von den Behörden in der albanischen Hauptstadt Tirana abgelehnt. Mutter Teresa war es sogar untersagt, die albanische Gesandtschaft in Rom betreten. Augenzeugen berichteten, dass Mutter Teresa einmal Tränen in den Augen hatte, als sie vor der diplomatischen Vertretung Albaniens in Rom bereits am Eingang abgewiesen wurde. Zu ihrer Begleiterin sagte sie: „Es gibt in dieser Welt Mauern, die auch die Liebe nicht übersteigen kann.“

Im Jahr 1950 gründete Mutter Teresa die Gemeinschaft der „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Die bedeutendsten Auszeichnungen für Mutter Teresa waren der Balzan-Preis für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkern im Jahr 1978 und der Friedensnobelpreis ein Jahr später. Nach ihrem Tod beschleunigte Papst Johannes Paul II. das Seligsprechungsverfahren. Er nahm diese Seligsprechung selbst am 19. Oktober 2003 vor. In einem Gespräch mit Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner sagte der Heilige Vater, es könne um die Kirche nicht so schlecht bestellt sein, wenn sie Frauen und Männer wie Mutter Teresa und Pater Werenfried hervorbringe.

[Der Autor lehrt Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Gießen. Das Buch „Sie nennen mich Speckpater“ kann unentgeltlich bei Kirche in Not bestellt werden: Telefon 0 89 / 7 60 70 55, Fax: 0 89 / 7 69 62 62]