Wer ist Patriarch Kyrill, was sind seine Prioritäten?

Einblicke in die Aufgaben des neu gewählten Patriarchen von Moskau und ganzen Russland

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Von P. Sebastian Hacker OSB

WIEN/MOSKAU, 29. Januar 2009 (ZENIT.org).- Auf dem Landeskonzil der russisch-orthodoxen Kirche vor zwei Tagen nahm der damalige Patriarchenstatthalter und jetzige Patriarch Kyrill in seiner Rede zu mehreren kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen Stellung, die Schlüsse auf die Prioritäten seiner Amtszeit ziehen lassen. Er würdigte das Wirken des verstorbenen Patriarchen Aleksij II. und äußerte sich zur Mission der Kirche, zu aktuellen Fragen des innerkirchlichen Lebens und zur Zusammenarbeit zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft.

Er betonte, dass die russisch-orthodoxe Kirche in den letzten Jahren wie auch früher nach außen offen war. Patriarch Aleksij verhinderte einerseits eine fundamentalistische Verengung der Kirche, andererseits überhastete Reformen. „Die göttliche Gnade kann nicht in den Mauern von Kirchen und Klöstern zurückgehalten werden. Sie ergießt sich in die Welt, um das irdische Leben zu verwandeln und es auf die feste Grundlage der Gebote Christi zu stellen. Gerade diese Mission erfüllt die Kirche, indem sie mit der Gesellschaft zusammenarbeitet", betonte Metropolit Kyrill in seiner Rede. Die Kirche müsse sich weiter moderner Medien bedienen, die theologische Ausbildung der Mitarbeiter vertiefen, um das Evangelium wieder den Menschen zu bringen. Die Kanonisierung vieler Bekenner und Märtyrer in den letzten zwei Jahrzehnten sei eine Antwort auf die Frage dem geistlichen Erbe des Landes. Die Christen seien dazu berufen, „allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht" (Röm 12,17) zu sein und die Zusammenarbeit zu suchen, sei es im internationalen, interreligiösen, im interkonfessionellen Bereich oder im Kontakt mit staatlichen Behörden.

Das erste Ziel der Kirche sei, wie Patriarch Aleksij immer wieder betont hatte, die Wiederbelebung des Glaubens, die Umkehr der Herzen und die Vereinigung des Menschen mit seinem Schöpfer. Das beeinflusse wesentlich das äußere Handeln des Menschen. Die Stärkung der moralischen Grundregeln schütze die Gesellschaft vor der Selbstzerstörung und motiviere zu ihrer Vervollkommnung, stellte Metropolit Kyrill fest. Die Kirche habe in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag mit friedenstiftenden Maßnahmen in politischen und gesellschaftlichen Konfliktsituationen geleistet und rufe immer wieder zur Verteidigung sozialer Gerechtigkeit auf.

Internationale Organisationen: „Die Zusammenarbeit mit ihnen gibt breite Möglichkeiten, dass die Stimme unserer Kirche überzeugend und mit Autorität in der ganzen Welt zu hören ist." Die Teilnahme der Religionen an der Arbeit internationaler Organisationen sei erst seit wenigen Jahren möglich, als die Bedeutung der Religion im Leben der Völker erkannt worden sei. Die russisch-orthodoxe Kirche ist heute in der Europäischen Union, im Europarat und über das Weltweite Russische Volkskonzil in den Vereinten Nationen vertreten. Die vielfältigen Treffen des verstorbenen Patriarchen Aleksij II. mit ausländischen Staatsoberhäuptern und Regierungsdelegationen halfen, die Situation russisch-orthodoxer Gläubiger in vielen Ländern zu verbessern.

Interreligiöser Dialog: Religionen hätten ein Frieden stiftendes Potential, was in der Eindämmung des armenisch-azerbaidschanischen Konflikt, in Tschetschenien und nach dem Anschlag in Beslan durch die Kontakte zwischen orthodoxer Kirche und Islam deutlich zu Tage getreten sei. Obwohl sich die Vorstellungen über Gott und sein Verhältnis zu den Menschen in den Religionen unterschieden, teilten diese dennoch grundlegende Einstellungen in sittlichen Werten. Das ermögliche, gemeinsam den „Herausforderungen des moralischen Nihilismus, der aggressiven Gottlosigkeit, der Feindschaft" zwischen sozialen, politischen und nationalen Gruppen zu begegnen. So bemühten sich die Vertreter verschiedener Religionen um die Unterstützung der traditionellen Familie, um die Rückkehr der Moral in die Wirtschaft und in die Medien. Der interreligiöse Rat Russlands habe sich erfolgreich unter anderem für die Aufwertung des „Tags der Einheit" im Volk und die Einführung des neuen Feiertags der Familie, Treue und Liebe eingesetzt.

Im interkonfessionellen Dialog dürfe es nicht um irgendwelche Kompromisse in der Glaubenslehre gehen. Der politische Umbruch der 1980er- und 1990er-Jahre habe große Herausforderungen in den Beziehungen mit anderen Kirchen gebracht, als ein Strom von Missionaren in das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion drang. Das Klima der Unterstützung in der Zeit der Verfolgung sei gegenseitigem Verdrängen und Konkurrieren gewichen, als sich die Vorstellung breit machte, das russische Volk hätte seine geistlichen Wurzeln verloren und müsse von außen missioniert werden. Metropolit Kyrill bedauerte, dass nicht nur protestantische, sondern auch katholische Vertreter unter den Missionaren wären. Der Dialog mit den anderen Konfessionen sei aber heute umso wichtiger, da Christen sich Widerstand ausgesetzt fühlten. Dazu zähle der Säkularismus genauso wie die Tendenz in mehreren protestantischen Gemeinschaften, die christliche Glaubenslehre und die moralischen Vorstellungen des Evangeliums radikal zu revidieren. „Unser Dialog mit den anderen Konfessionen ist darauf ausgerichtet, die Partner zu unterstützen, die bereit sind, mit uns der Marginalisierung der Religion entgegenzuwirken, für die Verteidigung des Rechts der Gläubigen einzutreten, ihr Leben entsprechend ihren Überzeugungen zu gestalten und die grundlegende Bedeutung der Moral im Leben des Individuums und der Gesellschaft klarzustellen", so der ehemalige Patriarchenstatthalter wörtlich. Viele, so sagte er, sähen in der Festigkeit der Orthodoxie in der Glaubenslehre eine Hoffnung für das Christentum in Europa.

Die innerorthodoxen Beziehungen stünden im Dienst der kirchlichen Einheit. Metropolit Kyrill widmete dieser Frage besondere Aufmerksamkeit in seiner Rede. Er erinnerte an das Bestreben des verstorbenen Patriarchen Aleksij, die innerorthodoxen Beziehungen zu stärken und einander zu unterstützen, so gegenüber der serbischen Kirche nach dem Zerfall Jugoslawiens und gegenüber der bulgarischen Kirche in der Gefahr des Schismas, als sie noch nicht vom Staat anerkannt war. Metropolit Kyrill sprach im Rückblick neu entstandene Parallelstrukturen in der Hierarchie an sowie Konflikte mit der rumänischen Orthodoxie in Moldawien und mit dem Patriarchat von Konstantinopel bezüglich Estland, schismatischer Gruppen in der Ukraine und der Betreuung der weltweiten Diaspora. Oberstes Prinzip bleibe für die russisch-orthodoxe Kirche immer die Bewahrung des kirchlichen Friedens und die Beachtung des orthodoxen Prinzips der Konziliarität.

Metropolit Kirill trat für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen den orthodoxen Völkern nicht nur in der Wiederbelebung überlieferter moralischer Prinzipien, sondern auch im kulturellen, politischen und Frieden stiftenden Bereich ein.

Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, die seit den 1990er-Jahren einen starken Impuls erfahren hätten, sollten „aus unserer Sicht ... auf der Grundlage gegenseitiger Nichteinmischung kirchlicher und staatlicher Institutionen errichtet werden", sagte der Metropolit. Gleichzeitig sollte eine breite Partnerschaft zwischen Staat und Kirche in verschiedenen Bereichen begründet werden. Konkret bezog er sich auf positive Kooperation in der Russischen Föderation, in Lettland, Weißrussland, Litauen und der Mehrheit der Staaten des kanonischen Raums der russisch-orthodoxen Kirche. Schwierigkeiten sah er in der Ukraine, wenn sich der Staat in innerkirchliche Angelegenheiten menge und Einrichtungen der Kirche (Diözesen, Klöster, Pfarren) nicht den Status von juristischen Personen erhielten. In Russland fehle die rechtliche Basis für das Unterrichtsfach „Grundlagen orthodoxer Kultur" in weltlichen Schulen und für die systematische Arbeit von Militärgeistlichen. Die Rückgabe von Vermögen harre auch noch einer Klärung.

Lebenslauf und Würdigung
Metropolit Kyrill wurde am 20. November 1946 als Vladimir Michajlovič Gundjaev im damaligen Leningrad und heutigem Sankt Petersburg geboren. Sein Vater war Priester, seine Mutter Deutschlehrerin, sein Bruder ist Erzpriester, Pfarrer in St. Petersburg und Professor an der St.-Petersburger Geistlichen Akademie. Sein Großvater, ebenfalls Priester, stand im Konflikt mit den „Erneuerern" („Obnovlency"), die in der Zwischenkriegszeit mit dem sowjetischen Regime eng zusammenarbeiteten, wurde daraufhin inhaftiert und verbannt. Während seiner Schulzeit war der spätere Metropolit als Kartograph bei Expeditionen im Norden Russlands eingesetzt.

Nach Abschluss der Mittelschule trat er 1965 in das Leningrader Priesterseminar ein, danach in die Leningrader Geistliche Akademie, die er 1970 mit ausgezeichnetem Erfolg abschloss. Am 3. April 1969 wurde er von Metropolit Nikodim (Rotov) von Leningrad und Novgorod in den Mönchsstand aufgenommen und erhielt den Namen Kyrill. Von ihm wurde er am 7. April zum Diakon und am 1. Juni desselben Jahres zum Priester geweiht.

Von 1970 bis 1971 unterrichtete er dogmatische Theologie und war Assistent des Inspektors der Leningrader Geistlichen Schulen (Akademie und Seminar). Gleichzeitig war er persönlicher Sekretär von Metropolit Nikodim und Erzieher der Studenten im ersten Studienjahr des Priesterseminars. Am 12. September 1971 wurde er zum Archimandriten ernannt.

Von 1971 bis 1974 wirkte er als Vertreter des Moskauer Patriarchats beim Weltkirchenrat in Genf. Von 1974 bis 1984 hatte er die Funktion des Rektors der Leningrader Geistlichen Schulen (Priesterseminar und Akademie) inne. Am 14. März 1976 wurde er zum Bischof von Vyborg geweiht, am 2. September 1977 zum Erzbischof ernannt.

Seit 26. Dezember 1984 war er Erzbischof von Smolensk und Vjaz'ma, und seit 1986 Administrator der Pfarren des Kaliningrader Bezirks. Seit 1988 war er Erzbischof von Smolensk und Kaliningrad.

Seit dem 13. November 1989 war er Leiter des Amtes für Außenbeziehungen der Kirche des Moskauer Patriarchats und Ständiges Mitglied des Heiligen Sinods. Am 25. Februar 1991 wurde er zum Metropoliten ernannt.

Vom Heiligen Sinod wurde er am 6. Dezember 2008, dem Tag nach dem Tod von Patriarch Aleksij II., zum Patriarchenstatthalter ernannt. Am 27. Januar 2009 schließlich wurde Metropolit Kyrill auf dem Landeskonzil der russisch-orthodoxen Kirche mit 73 Prozent der Delegiertenstimmen zum 16. Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus' seit der Errichtung des Patriarchats im Jahr 1589 gewählt. Die russisch-orthodoxe Kirche ist mit rund 100 Millionen Mitgliedern die größte der 15 Landeskirchen der Orthodoxie.

Metropolit Kyrill war auch mehrmals in Österreich und nahm auch an Gesprächen an der Universität Wien und Treffen mit Erzbischof Kardinal Schönborn teil. Er hatte maßgeblich Anteil an der Erstellung des Sozialkonzepts der russisch-orthodoxen Kirche, das 2000 beim Bischofskonzil beschlossen wurde. Das Bischofskonzil 2008 verabschiedete ein beachtenswertes Dokument zur Würde des Menschen und den Menschenrechten, bei dem Metropolit Kyrill ebenfalls wesentlich mitgewirkt hatte. Sein Bestreben ist eine internationale Zusammenarbeit der Kirchen und des Staates zur Festigung der christlichen Werte in der Gesellschaft.

Metropolit Kirill wurde mehrfach mit Ehrendoktoraten, Titeln und Orden ausgezeichnet. Die vielfältigen Publikationen und Vorträge zeugen von seinem Wirken in Wissenschaft und Lehre. Seine Tätigkeit erstreckte sich auf interorthodoxem, interchristlichem und interreligiösem Gebiet, ebenso in internationalen gesellschaftlichen und friedensstiftenden Initiativen. Zusätzlich leitete er die Diözesen von Smolensk und Kaliningrad.