Wer zuhört und schweigt, versteht die Argumente anderer

Erzbischof Claudio Celli kommentiert die Botschaft Benedikts XVI. anlässlich des Welttages der Sozialen Kommunikationsmittel (Teil I)

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Von José Antonio Varela Vidal

VATIKANSTADT, 23. Mai 2012 (ZENIT.org). – Am Sonntag nach Himmelfahrt feiert die Weltkirche jedes Jahr den Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel. Für seine Botschaft, mit der er sich an die Menschheit wendet, hat Papst Benedikt dieses Jahr folgendes Thema gewählt: „Schweigen und Wort: Weg der Evangelisierung“.

Um über die Bedeutung des Lehramts Benedikts XVI. in diesem Bereich und über die Herausforderungen zu sprechen, denen sich die Kirche in der modernen Welt der Kommunikationsmittel gegenübergestellt sieht, hat ZENIT mit Erzbischof Claudio Celli, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für die Sozialen Kommunikationsmittel, ein Interview geführt.

ZENIT: Herr Erzbischof, wie kommt es, dass in der Botschaft des Papstes die Idee des Schweigens auftaucht?

Erzbischof Celli: Das Thema, das der Heilige Vater für diesen Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel gewählt hat, geht auf die heutigen Phänomene im Kommunikationsbereich ein und ruft uns alle dazu auf, über etwas Grundlegendes nachzudenken: Das Schweigen ist ein fester Bestandteil der Kommunikation. Das ist der springende Punkt. Darum geht es uns, wann immer wir darauf bestehen, dass die Kommunikation wahrhaft menschlich sein soll – denn sie geht von einem Menschen aus und richtet sich an andere Menschen – dieses Wort, das mitgeteilt wird, muss im Schweigen herangereift sein, damit es prägnanter, wahrer ist. Denn wenn man schweigt, hört man zu; wenn man schweigt, versteht man besser, worin die Forderungen, das Leid, die Suche nach dem Guten und Wahren bestehen, die im Herzen der anderen Menschen beheimatet und aktiv sind.

ZENIT: In der Botschaft heißt es, wir sollten es verstehen, zuzuhören. Wo und an welchen Orten soll dieses Zuhören genau stattfinden?

Erzbischof Celli: Ich glaube, wir stehen hier vor einem typischen Verhalten Papst Benedikts XVI. Als wir ihm vorgeschlagen haben, für den Vatikan einen Kanal in Youtube anzulegen, sagte der Papst sofort zu. Er will dort präsent sein, wo die Menschen von heute sich begegnen. Wir sind uns alle dieser rasanten und ins Unermessliche gehenden Weiterentwicklung der sozialen Netzwerke bewusst. Unseren Daten zufolge benutzen heute mehr als eine Milliarde Menschen Facebook. Es scheint uns wichtig, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein, denn der Mensch sucht nach Wahrheit, der Mensch versucht, die großen Fragen, die sich ihm im Leben stellen, zu beantworten: Wer bin ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Worauf gehe ich zu? Ich würde also sagen, dass wir in diesen Netzwerken präsent sein müssen, um dort Verkünder und Zeugen zu sein.

ZENIT: Was meint der Papst mit dem Wort „Ökosystem“?

Erzbischof Celli: Das Problem ist, dass es ein Hin und Her von Botschaften, Nachrichten, Informationen und Worten gibt. Nicht in jedem Falle handelt es sich dabei um authentische Worte, nicht alle sind Worte, die den Menschen auf den Weg der Wahrheit bringen. Wenn der Papst in Bezug auf das Kommunikationssystem von Ökologie redet, scheint er mir genau folgendes ausdrücken zu wollen: Im Rahmen unserer Möglichkeiten sollten wir dafür sorgen, dass die Worte, mit denen wir uns mitteilen, stets wahre und authentische Worte sind, Worte, die die Würde des Menschen, der sie ausspricht und die Würde des Menschen, der sie empfängt, respektieren.

ZENIT: Welche sollten – nach vielen Jahren der Erfahrung – die wichtigsten Eigenschaften katholischer Internetportale sein?

Erzbischof Celli: Genau das würde ich eben sagen, nämlich dass unsere Kommunikationsmittel sich immer mehr an die Wahrheit über den Menschen gewöhnen müssen, Wahrheit über den Menschen, die in Verbindung steht mit der Wahrheit über Gott. Heute ist das meiner Meinung nach eine Herausforderung für uns alle, denn sobald wir uns in einen Kommunikationsbereich begeben, sind wir einer Flut von Botschaften und Informationen ausgesetzt, von allen Seiten werden uns kleine Wahrheiten aufgedrängt, Wahrheiten mit „kleingeschriebenem w“. Genau deswegen – ich sage es noch einmal – lädt uns der Papst mit seiner Botschaft zum diesjährigen Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel dazu ein, zu lernen, die Dinge auf rechte Weise voneinander zu unterscheiden. Dazu ist Stille nötig, denn in der Stille kann ich auf angemessene Weise prüfen und herausfinden, ob das, was ich höre, was ich empfange, mir tatsächlich bei der Suche nach der Wahrheit hilft.

ZENIT: Meinen Sie, man riskiert, dass eine Begegnung ins Banale abrutscht?

Erzbischof Celli: Ich würde sagen, dass wir alle aufpassen müssen. Für mich besteht die Angelegenheit darin, zu vermeiden, dass die Begegnung banal wird, dafür zu sorgen, dass jede Begegnung eine Bereicherung ist, Vorschläge enthält, Menschlichkeit vermittelt, denn man riskiert gerade dies, nämlich dass unsere menschlichen Beziehungen verflachen

[Teil II des Interviews folgt am Donnerstag, dem 24. Mai]

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]