"Werdet Architekten einer besseren Welt": Benedikt XVI. würdigt den Dienst der neuen Geistlichen Bewegungen und ruft sie zur Treue gegenüber Papst und Kirche auf

Papstbotschaft zum II. Weltkongress der kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften

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ROM, 31. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Botschaft, die Papst Benedikt XVI. heute Vormittag den Teilnehmern des II. Weltkongresses der kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften zukommen ließ. Der dreitägige Kongress, der diesen Mittwoch in Rocca di Papa bei Rom eröffnet worden ist, steht unter dem Motto "Die Schönheit, Christ zu sein, und die Freude, es anderen mitzuteilen".



In seiner Botschaft sprach der Heilige Vater den Bewegungen – "leuchtende Zeichen für die Schönheit Christi und der Kirche" – seinen Dank aus: "Ihr gehört zur lebendigen Struktur der Kirche. Sie dankt Euch für eure missionarische Anstrengung, für die Bildungstätigkeiten, die Ihr im zunehmenden Maße zugunsten der christlichen Familien ausübt, sowie für die Förderung der Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben, die Ihr in Eurem Innern heranreifen lässt. Sie dankt Euch auch für die von Euch gezeigte Bereitschaft, nicht nur die operativen Weisungen des Nachfolgers Petri, sondern auch die der Bischöfe der verschiedenen Ortskirchen anzunehmen, die zusammen und in Einheit mit dem Papst Hüter der Wahrheit und der Liebe sind."

Benedikt XVI. vertraut auf den "bereitwilligen Gehorsam" der Mitglieder der verschiedenen neuen kirchlichen Bewegungen. "Die Teilnahme am Gebet der Kirche, deren Liturgie die höchste Ausdrucksform der Schönheit der Herrlichkeit Gottes und in gewisser Weise ein Sich-Offenbaren des Himmels auf Erden ist, möge Euch eine Stütze sein."

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Liebe Brüder und Schwestern!

In Erwartung der für Samstag, den 3. Juni, auf dem Petersplatz vorgesehenen Begegnung mit den Anhängern von über 100 kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften bin ich hoch erfreut, Euch, den in Rocca di Papa zum Weltkongress versammelten Vertretern dieser kirchlichen Wirklichkeiten, mit Worten des Apostels einen herzlichen Gruß übermitteln zu dürfen: "Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes" (Röm 15,13).

In meiner Erinnerung und in meinem Herzen ist noch der vorhergehende Weltkongress der kirchlichen Bewegung lebendig, der vom 26. bis zum 29. Mai 1998 in Rom stattfand und zu dem ich in meiner damaligen Funktion als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre eingeladen wurde, mit einem Vortrag beizutragen, der sich auf den theologischen Standort der Bewegungen bezog. Der damalige Kongress erfuhr seine Krönung in der denkwürdigen Begegnung mit dem geliebten Papst Johannes Paul II. am 30. Mai 1998 auf dem Petersplatz, während derer mein Vorgänger seine Wertschätzung für die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften bestätigte, die er als "Zeichen der Hoffnung" für das Wohl der Kirche und der Menschen definierte.

Im Bewusstsein des Wegs, der seit damals auf dem von der pastoralen Sorge, der Zuneigung und den Lehren Johannes Pauls II. gekennzeichneten Pfad zurückgelegt worden ist, möchte ich heute gegenüber dem Päpstliche Rat für die Laien in den Personen seines Präsidenten Erzbischof Stanislaw Rylko, des Sekretärs Erzbischof Joseph Clemens sowie ihrer Mitarbeiter meinen Glückwunsch für die wichtige und wertvolle Initiative dieses Weltkongresses zum Ausdruck bringen, dessen Thema "Die Schönheit, Christ zu sein, und die Freude, es anderen mitzuteilen", von einer meiner Aussagen in der Predigt zu Beginn meines Petrusamtes ausgeht.

Es handelt sich um ein Thema, das zum Nachdenken darüber einlädt, was das christliche Ereignis wesentlich charakterisiert: In ihm kommt uns in der Tat derjenige entgegen, der in Fleisch und Blut, sichtbar geworden in der Geschichte, den Glanz der Herrlichkeit Gottes auf die Erde gebracht hat. Auf ihn sind die Worte des Psalms 45 anzuwenden: "Du bist der Schönste von allen Menschen." Und auf ihn beziehen sich paradoxerweise auch die Worte des Propheten: "Er hatte keine schöne und edle Gestalt. So dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm" (Jes 53,2).

In Christus treffen die Schönheit der Wahrheit und die Schönheit der Liebe aufeinander; die Liebe aber schließt, wie wir wissen, auch die Bereitschaft zum Leiden ein – eine Bereitschaft, die für diejenigen, die man liebt, bis zur Hingabe des eigenen Lebens gehen kann (vgl. Joh 15,13). Christus, der die "Schönheit aller Schönheit" ist, wie der heilige Bonaventura sagt ("Sermones dominicales" 1,7), wird im Herzen des Menschen gegenwärtig und zieht ihn hin zu seiner Berufung, die die Liebe ist. Dank dieser außerordentlichen Anziehungskraft wird die Vernunft ihrer Stumpfheit entzogen und offen für das Geheimnis. Es offenbart sich so die höchste Schönheit der barmherzigen Liebe Gottes und gleichzeitig die Schönheit des Menschen, der – als Ebenbild Gottes geschaffen und von der Gnade erneuert – zur ewigen Herrlichkeit bestimmt ist.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Christentum dank der Neuheit des Lebens von Personen und Gemeinschaften weitergegeben und konnte sich auf diese Weise ausbreiten. Diese Menschen waren fähig, ein Zeugnis der Liebe, der Einheit und der Freude abzulegen, das Spuren hinterließ. Gerade diese Kraft war es, die in der Abfolge der Generationen so viele Menschen "in Bewegung" versetzte. Ist es nicht vielleicht jene Schönheit gewesen, die der Glaube auf dem Antlitz der Heiligen hinterlassen hat, die viele Männer und Frauen dazu führte, ihren Spuren zu folgen? Im Grunde gilt das auch für Euch: Durch die Gründer und Initiatoren Euerer Bewegungen und Gemeinschaften habt Ihr mit einzigartiger Klarheit das Antlitz Christi gesehen und Euch auf den Weg gemacht. Auch heute lässt Christus im Herzen vieler jenes "Komm, und folge mir nach" ertönen, das über ihr ganzes Schicksal entscheidet. Das geschieht normalerweise durch das Zeugnis dessen, der eine persönliche Erfahrung der Gegenwart Christi gemacht hat. Auf dem Antlitz und im Wort dieser "neuen Geschöpfe" werden das Licht Jesu sichtbar und seine Einladung hörbar.

Deshalb sage ich Euch, liebe Freunde der Bewegungen: Lasst diese Wirklichkeiten immer Schulen der Gemeinschaft sein; Vereinigungen, die auf dem Weg sind und in denen man lernt, aus jener Wahrheit und Liebe heraus zu leben, die uns Christus durch das Zeugnis der Apostel geoffenbart und mitgegeben hat, im Schoß der großen Familie seiner Schüler. In Eurer Seele möge immer die Mahnung Christi widerhallen: "So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen" (Mt 5,16).

Tragt das Licht Christi in jedes soziale und kulturelle Umfeld, in dem Ihr lebt. Der missionarische Eifer ist Beweis für die Radikalität der Treue zum eigenen Charisma, die immer wieder erneuert wird, und befreit von jedem müden und egoistischen Rückzug in sich selbst. Erhellt das Dunkel einer Welt, die von den widersprüchlichen Botschaften der Ideologien in Verwirrung versetzt wird! Es gibt keine Schönheit, die sich lohnte, wenn es keine Wahrheit gäbe, die man erkennen und befolgen kann; wenn die Liebe zum vorübergehenden Gefühl verkommt; wenn das Glück zu einem Blendwerk wird, das man nicht greifen kann; wenn die Freiheit zum Instinkt degradiert wird. Wie viel Übel kann die Gier nach Macht, nach Besitz und nach Lust im Leben des Menschen und der Nationen hervorrufen! Tragt das Zeugnis jener Freiheit in diese verstörte Welt, mit der uns Christus befreit hat (vgl. Gal 5,1).

Die wunderbare Verschmelzung der Liebe Gottes und der Liebe zum Nächsten macht das Leben schön und lässt die Steppe erblühen, in wir uns oftmals vorfinden. Wo die Liebe als Leidenschaft für das Leben und das Schicksal der anderen zum Ausdruck gebracht wird und auf diese Weise in die Gefühlswelt und in die Arbeit ausstrahlt und zu jener Kraft wird, dank derer eine gerechtere soziale Ordnung aufgebaut wird, dort wird eine Zivilisation errichtet, die in der Lage ist, dem Vormarsch der Barbarei entgegenzutreten. Werdet Architekten einer besseren Welt, die der "Ordo Amoris" [der "Ordnung der Liebe", Anm. d. Übers.] entspricht, in der die Schönheit des menschlichen Lebens Gestalt annimmt.

Die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften sind heute ein leuchtendes Zeichen für die Schönheit Christi und der Kirche, seiner Braut. Ihr gehört zur lebendigen Struktur der Kirche. Sie dankt Euch für eure missionarische Anstrengung, für die Bildungstätigkeiten, die Ihr im zunehmenden Maße zugunsten der christlichen Familien ausübt, sowie für die Förderung der Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben, die Ihr in Eurem Innern heranreifen lässt. Sie dankt Euch auch für die von Euch gezeigte Bereitschaft, nicht nur die operativen Weisungen des Nachfolgers Petri, sondern auch die der Bischöfe der verschiedenen Ortskirchen anzunehmen, die zusammen mit dem Papst in der Einheit Hüter der Wahrheit und der Liebe sind.

Ich vertraue auf Euren bereitwilligen Gehorsam. Die Errichtung des Leibes Christi unter den Menschen muss – jenseits des Beharrens auf jedem Eigenrecht – allezeit den Vorrang bekommen, einen Vorrang, über den nicht diskutiert werden kann. Die Bewegungen müssen jedes Problem in einer Gesinnung der tiefen Gemeinschaft und im Geist der Verbundenheit mit den legitimen Hirten in Angriff nehmen. Die Teilnahme am Gebet der Kirche, deren Liturgie die höchste Ausdrucksform der Schönheit der Herrlichkeit Gottes und in gewisser Weise ein Sich-Offenbaren des Himmels auf Erden ist, möge Euch eine Stütze sein.

Ich vertraue Euch der Fürsprache derjenigen an, die wir unter dem Namen "Tota pulchra" anrufen, der "ganz Schönen" – ein Schönheitsideal, das die Künstler in ihren Werken immer zu reproduzieren versuchten; die "mit der Sonne bekleidete Frau" (Offb 12,1), in der sich die menschliche Schönheit mit der Schönheit Gottes verbindet. Mit diesen Gefühlen übermittle ich allen als Pfand meiner steten Zuneigung einen besonderen Apostolischen Segen.

Gegeben im Vatikan, am 22. Mai 2006

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]