Wertschätzung für das Wort Gottes: Das Evangeliar

Christi Gegenwart im Wort ist real

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 3123 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

Frage: Unser neuer Pfarrer hat einen Menge Veränderungen eingeführt. Eine davon besteht darin, dass das Evangelium „inthronisiert“ wird, wobei nach der Verkündigung des Evangeliums das aufgeschlagene Evangeliar auf ein vor dem Ambo stehendes Podium, das mit Stoff bekleidet und einem Band in der liturgischen Farbe geschmückt ist, gelegt wird. Das Buch verbleibt dort auch nach Abschluss der Messfeier und ihm scheint mehr Ehre gezollt zu werden als dem Herrn, der nach der Kommunion im Tabernakel zugegen ist. Warum muss das Evangelium inthronisiert werden? -- R.J., College Station, Texas

P. Edward McNamara: In der Grundordnung des Römischen Messbuchs (GRM) wird die Verehrung, die dem Evangeliar entgegengebracht wird, folgendermaßen beschrieben:

„172. [Bei den Eröffnungsriten] Der Diakon geht auf dem Weg zum Altar, das Evangeliar ein wenig erhoben tragend, dem Priester voraus, andernfalls geht er an seiner Seite.“

„173. Beim Altar angekommen, tritt er, wenn er das Evangeliar trägt, ohne ein Zeichen der Verehrung zu machen, an den Altar. Wenn er dann das Evangeliar, wie es angemessen ist, auf dem Altar niedergelegt hat, verehrt er zusammen mit dem Priester den Altar durch einen Kuss.“

„175. [Bei der Liturgie des Wortes] Während das Halleluja oder der andere Gesang vorgetragen wird, hilft er, falls Weihrauch verwendet wird, dem Priester beim Einlegen des Weihrauchs. Dann erbittet er, indem er sich vor dem Priester tief verneigt, den Segen mit den leise gesprochenen Worten: Herr, sprich den Segen (Iube, domne, benedicere). Der Priester segnet ihn, indem er spricht: Der Herr sei in deinem Herzen (Dominus sit in corde tuo). Der Diakon bezeichnet sich mit dem Kreuzzeichen und antwortet: Amen. Nachdem er vor dem Altar eine Verneigung gemacht hat, nimmt er das auf dem Altar niedergelegte Evangeliar und begibt sich zum Ambo, wobei er das Buch leicht erhoben trägt. Voran gehen der Thuriferar mit dem rauchenden Weihrauchfass und die Ministranten mit den brennenden Kerzen. Dort grüßt er das Volk, indem er mit gefalteten Händen spricht: Der Herr sei mit euch (Dominus vobiscum), anschließend bezeichnet er bei den Worten: Lesung aus dem heiligen Evangelium (Lectio sancti Evangelii) mit dem Daumen das Buch und danach sich selbst auf Stirn, Mund und Brust mit dem Kreuz, inzensiert das Buch und verkündet das Evangelium. Ist es beendet, ruft er: Evangelium unseres Herrn Jesus Christus (Verbum Domini), worauf alle antworten: Lob sei dir, Christus (Laus tibi, Christe). Dann verehrt er das Buch durch einen Kuss, wobei er still spricht: Durch das Wort des Evangeliums (Per evangelica dicta), und geht zum Priester zurück.“

„Wenn der Diakon einem Bischof dient, bringt er ihm das Buch und reicht es ihm zum Kuss oder er küsst es selbst, wobei er still spricht: Durch das Wort des Evangeliums (Per evangelica dicta). In festlicheren Feiern erteilt der Bischof gegebenenfalls mit dem Evangeliar dem Volk den Segen.“

„Das Evangeliar kann schließlich zum Kredenztisch oder zu einem anderen geeigneten und würdigen Ort gebracht werden.“

Später heißt es im genannten Text bei der Beschreibung der Normen für alle Messfeiern:

„273. Überliefertem Brauch gemäß geschieht die Verehrung des Altares und des Evangeliars mit einem Kuss. Wo jedoch ein solches Zeichen nicht den Traditionen oder der Eigenart einer Region entspricht, ist es Sache der Bischofskonferenz, stattdessen mit Zustimmung des Apostolischen Stuhls die Verwendung eines anderen Zeichens festzulegen.“

Während also das Evangeliar oft bei ökumenischen Treffen, besonderen Wortgottesfeiern und großen Kirchenkonzilen wie jenen von Trient und dem II. Vatikanum inthronisiert wird, ist dieser Ritus während der Messe nicht vorgesehen.

Man könnte die unter Nr. 175 gegebene Norm der Grundordnung– dass nämlich das Evangeliar „zum Kredenztisch oder zu einem anderen geeigneten und würdigen Ort gebracht werden“ soll – großzügig auslegen, sodass die beschriebene Praxis erlaubt wäre, die Tatsache aber, dass der Kredenztisch erwähnt wird, weist darauf hin, dass der Gesetzgeber keine feierliche Inthronisierung vorsieht, sondern lediglich, dass das Buch nach seiner Benutzung mit gebührendem Respekt behandelt wird.

Während der Wortgottesliturgie wird dem Evangeliar anhand von Riten und Gesten, die jenen ähneln, die dem Altar und dem Allerheiligsten entgegengebracht werden, große Ehre gezollt.

Damit bringt die Kirche ihre Verehrung für das Wort Gottes und ihren Glauben zum Ausdruck, dass Christus in ihm gegenwärtig ist und während der liturgischen Verkündigung der Heiligen Schrift auf besondere Weise zu uns spricht. Wie Papst Paul VI. lehrte, ist Christi Gegenwart im Wort zwar real, doch dauert sie nicht länger an, als bis die Lesung abgeschlossen ist. Allein seine Gegenwart in der Eucharistie ist substanzhaft und real „im vollsten Sinne des Wortes“.

Daher ist es ganz logisch, dass vom Beginn der eucharistischen Liturgie ab dem Evangeliar keine weiteren liturgischen Ehren entgegengebracht werden.

Anders verhält es sich, wenn im Altarraum oder an einem anderen passenden Ort ein Evangeliar permanent oder für gewöhnlich ausgelegt ist. Der primäre Zweck einer solchen Ablegung des Buches ist die Förderung von Andacht und Respekt gegenüber der Heiligen Schrift. Wenn daher die Schrift permanent ausliegt, entspricht das in etwa der Funktion einer Statue oder Ikone und hat keine unmittelbare Auswirkung auf die liturgische Handlung.

Während der Mission, die von Papst Johannes Paul II. in der Stadt Rom zur Vorbereitung des Jubeljahres 2000 ausgerufen wurde, musste während der etwas mehr als zwei Jahre, für die die Mission andauerte, in jeder Pfarrei Roms das Evangeliar zur öffentlichen Verehrung ausgelegt werden.

Ebenso wird diese Praxis von der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten empfohlen, die sie in den von ihr erlassenen Richtlinien für den Kirchenbau außerhalb der Liturgie vorsieht:

„§ 62 Unsere Verehrung für das Wort Gottes kommt nicht allein durch unser aufmerksames Zuhören und Nachdenken über die Schrift, sondern auch durch unseren Umgang mit dem Evangeliar zum Ausdruck. Der Ambo kann daher so gestaltet sein, dass er sich nicht nur zum Lesen und Predigen eignet, sondern auch dafür, dass auf ihm das aufgeschlagene Evangeliar oder eine Kopie der Heiligen Schriften vor und nach der liturgischen Feier ausgelegt wird.“

(Vgl. aus der Reihe „Die Deutschen Bischöfe“: „Der Ambo selbst kann so gestaltet sein, dass man auf der dem Volk zugewandten Seite das Evangeliar nach der Verkündigung des Evangeliums ablegen kann.“ [Nr. 9: Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen - Handreichung der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz 25. Oktober 1988, S. 29])

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Originalartikel Enthronement of Gospel