Westen

In seiner Adaption vom Roman "Lagerfeuer" von Julia Franck, beschreibt der Regisseur Christian Schwochow den Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie einer jungen Frau, die in den 70ern mit ihrem Sohn aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik ausreiste

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 360 klicks

Nelly Senff (Jördis Triebel) hat es geschafft, mit ihrem Sohn Alexej (Tristan Göbel) in den Westen, in die lang ersehnte Freiheit zu gelangen. Doch zunächst steckt sie in einer Art Niemandsland fest: Im Aufnahmelager wird sie von den alliierten Geheimdiensten, insbesondere vom CIA-Mann John Bird (Jacky Ido), durchleuchtet. Während Nelly um ihre Würde und ihre Freiheit kämpft, kümmert sich der geheimnisvolle, bereits seit zwei Jahren dort wohnende Hans (Alexander Scheer) rührend um Alexej – und zeigt auch Interesse an Nelly.

Die unauffällige Kamera beobachtet Nellys Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie im vermeintlich gelobten Land. Jördis Triebels an Nuancen reiches Spiel spiegelt unterschiedliche Emotionen von Regungslosigkeit bis zur Verzweiflung, aber auch den Willen wider, allem zum Trotz den Traum von Freiheit zu verwirklichen. Die akribische Ausstattung beschwört vergangene, aber mit der deutschen Geschichte untrennbar verbundene Zustände her-auf. Daran erinnert Schwochows fein austarierter, nie Partei ergreifender Film.

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Interview mit Regisseur Christian Schwochow und Hauptdarstellerin Jördis Triebel

Was hat Sie an dem Roman von Julia Franck „Lagerfeuer“ so interessiert, dass Sie ihn adaptieren wollten?

Christian Schwochow: Eine ganze Menge. Erstens ist es ein spannendes Buch. Dann spielt es in dem Jahr (1978), in dem ich geboren bin. Der Roman erzählt von vier Figuren, die im Niemandsland zwischen Ost und West, zwischen Diktatur und der sogenannten Freiheit stecken geblieben sind, und sehr unterschiedlich damit umgehen. Literarisch fand ich großartig, dass der Roman immer in die Innenperspektive der jeweiligen Figur wechselt. Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist ein Notaufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR und den Staaten des Ostblocks. Durch die Beschreibung des Notaufnahmelagers fand ich vieles wieder, was ich mit meiner Familie erlebt habe: Wir sind 1989 ausgereist. Wir mussten zwar nicht in ein Lager, aber es war auch sehr eng, denn wir wohnten in Hannover zu dritt in einem winzigen Raum bei einer entfernten Bekannten. Wir lernten eine Welt kennen, wo die Menschen Deine Sprache sprechen und trotzdem verstehst Du sie nicht, und sie verstehen Dich nicht. Du hast das Gefühl, Du musst ständig erklären, wer Du bist, was Du hier eigentlich willst. Davon erzählt der Roman unter anderem.

Haben Sie Erinnerungen aus der DDR?

Christian Schwochow: Viele. Ich bin an der Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg großgeworden. Ich bin als Kind sehr viel in der Gethsemane-Kirche gewesen, die eine Brutstätte des Widerstandes war. Dort habe ich mit meiner Familie die ersten Mahnwachen im Spätsommer 89 besucht. Am Anfang waren es zwanzig Leute, die sich dort versammelt haben. Später waren es Tausende Menschen. Wir waren politisierte Kinder. Meine Eltern haben über Jahre über nichts anderes abends gesprochen, als über den Zustand des Landes. Sie haben 1987 den Ausreiseantrag gestellt. Sie haben sich darüber mit Freunden auseinandergesetzt, und das bekamen wir als Kinder natürlich mit. Es gab auch Diskussionen mit den Lehrern in der Schule, auch unter uns Kindern. Ich wusste, dass der Vater eines Schulkameraden Polizist war. Ich habe vom Wohnungsbalkon aus gesehen, wie Polizisten mit Wasserwerfern und Knüppeln auf Demonstranten losgegangen sind. Diese Bilder vergisst man einfach nicht.

Jördis Triebel: Die DDR ist einfach ein Teil meiner Biografie. Ich merke immer noch heute, wie sehr es mich geprägt hat, aus diesem Land zu kommen. Ich habe dort meine Kindheit verbracht und bin mit bestimmten Werten großgeworden. Was mich auch geprägt hat, als die Mauer dann fiel, ist die Zeit einer großen Verunsicherung, weil wir vom Westen überrannt worden sind. Plötzlich war das Alte schlecht und das Neue gut. Bis heute hat mich das Gefühl geprägt, mit zwölf in einer Zeit der Unsicherheit gelebt zu haben. Niemand um mich herum konnte mir Sicherheit vermitteln. Auch wenn ich in Berlin lebe und immer wieder an die Orte meiner Kindheit zurückkehre, gibt es das nicht mehr. Das macht mich zum Teil auch traurig.

Nelly erhofft sich ein neues Leben, sie erhofft sich die Freiheit, erlebt sie aber zunächst gar nicht.

Jördis Triebel: Im Gegenteil. Die Verhöre fangen wieder an. Sie ist nicht gewollt, sie ist nicht willkommen. Für die Figur konnte ich einen Teil meiner eigenen Biografie benutzen. Der Film behandelt aber auch ein hoch aktuelles Thema: Menschen, die aus einem anderen Land kommen. Sie hoffen, woanders ein Leben führen und ihren Kindern bieten zu können, und stellen vielleicht fest, dass es nicht geht. Für mich waren dies wichtige Momente, um die Figur der Nelly zu entwickeln: Wie reagiert sie darauf? Sie begreift, dass ein freies, selbstbestimmtes Leben daher kommt, dass man etwas abschließt.

Sie kommt aber zunächst einmal mit den Geheimdiensten zu tun. Viele Menschen wissen es nicht, aber in den Notaufnahmelagern waren alle Informationsdienste von der CIA bis zur Stasi vertreten …

Christian Schwochow: Das weiß fast keiner, stimmt. Dort waren alle vertreten, die westdeutschen Geheimdienste, die Alliierten… Aber auch die Stasi war im Lager und außerhalb des Lagers. Im heutigen Museum im Notaufnahmelager Marienfelde kann man sehen, wie um das Lager herum Leute mit Fotoapparaten auf Spielplätzen standen und Menschen im Lager fotografierten. Es hingen Schilder „Achtung Spitzelgefahr! Menschenraub!“ Es muss eine wahnsinnige Atmosphäre des Misstrauens und des gegenseitigen Verdächtigens geherrscht haben.

Nelly weiß nun nicht, ob ihr Mann noch lebt. Kann sie einen Schlussstricht unter ihre Vergangenheit ziehen und ein neues Leben beginnen?

Jördis Triebel: Der Mann, den sie sehr geliebt hat, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Darauf hatte sie keine Antwort. Wenn ich mir vorstelle, dass sie mit diesem Schmerz leben muss, dass alles um sie herum an diesen Menschen erinnert. Sie weiß nicht, was wirklich mit ihm passiert ist, und wird immer wieder über ihn verhört.

Christian Schwochow: Es ist ein doppelter Wahnsinn, den die CIA mit ihr treibt. Man äußert den Verdacht, dass er noch lebt, und zweitens: Er war möglicherweise ein Doppelagent. Und sie weiß nichts davon. Wie Nellys Leben in der Zukunft aussehen kann, ist schwer zusagen. Ich arbeite nicht aus einem Pessimismus heraus, sondern wollte für die Figur immer Hoffnung haben, weil sie jung und sehr stark ist. Sie lässt sich nicht brechen. Deshalb glaube ich, sie wird es schwer haben, aber sie wird es schaffen, ein Leben zu führen, das man in irgendeiner Art und Weise als glücklich bezeichnen kann. Sie ist eine kämpferische Frau. Sie wird sich nicht mit Dingen zufrieden geben, sondern sie wird weiter an das Ziel herankommen, das sie sich gesteckt hat. Ich glaube nicht, dass sie zehn Jahre später eine Alkoholikerin ist und von Arbeitslosengeld lebt.

Hans wohnt bereits seit zwei Jahren im Notaufnahmelager, aus dem er sich gar nicht mehr traut. Eigentlich wollte er in den Westen der Freiheit willen. Was ist Hans für ein Mensch?

Christian Schwochow: Es ist sogar noch extremer. Er war in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis, kommt jetzt an diesen merkwürdigen Zwischenort. Das Lager erinnert ihn an das Gefängnis in der DDR und ausgerechnet dort fühlt er sich sicherer als draußen in dieser neuen Welt der Freiheit. Es haben sich so große Ängste entwickelt, nicht zu bestehen, dass er im Lager bleibt, dass er es psychologisch nicht schafft, den Fuß draußen zu setzen. Ich empfand Hans immer als ambivalenten Charakter, weil auch wir nie erfahren werden, ob seine Geschichte stimmt, ob seine Geschichte eine Fiktion ist, ob er mit dem Geheimdienst der DDR zusammengearbeitet hat oder nicht. Nelly muss sich trotzdem entscheiden, ob sie ihm vertraut oder nicht. Für mich ist Hans immer ein starkes Sinnbild für diejenigen gewesen, die es bis heute nicht geschafft haben, in dieser wiedervereinigten Welt anzukommen – und davon gibt es eine ganze Menge. Ich denke häufig daran, dass es Menschen gibt, die sich zwischen den beiden Systemen – DDR und wiedervereinigtem Deutschland – nicht gefunden und keine Heimat haben.

Jördis Triebel: Nelly findet in Hans jemanden, bei dem neben dem Misstrauen auch Vertrauen da ist, weil sie spürt, dass er sie tief versteht. Dass er versteht, wie schmerzhaft es ist, sein Land verlassen zu haben, eine Illusion von Freiheit zu haben, die so nicht existiert. Deswegen finde ich es gut, dass es im Film nicht um eine Liebesgeschichte geht. Es geht einfach darum, dass sich zwei Menschen treffen, die sich finden, weil sie einander Halt geben können.

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Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Christian Schwochow
Darsteller: Jördis Triebel, Alexander Scheer, Tristan Göbel, Jacky Ido, Anja Antonowic
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 102 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: X

im Kino: 3/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.