Wider das kränkelnde abendländische Denken: Theologentagung über Regensburger Vorlesung

Von Regina Einig

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WÜRZBURG, 21. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Zum ersten Jahrestag der Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. über Glaube und Vernunft haben Theologen in der vergangenen Woche Reaktionen deutscher Gelehrter auf die päpstlichen Ausführungen beleuchtet. Während einer Tagung im Bildungshaus der Diözese Regensburg Schloss Spindlhof unter der Schirmherrschaft des früheren Regensburger Universitätsrektors Helmut Altner stellten sie Erwiderungen von Jürgen Habermas, Wolfgang Huber und Gesine Schwan auf die Papstvorlesung sowie Texte von Karl Kardinal Lehmann und Robert Spaemann zur einschlägigen Debatte vom Herbst 2006 vor.



Die facettenreiche Tagung mit teilweise brillanten Beiträgen verdeutlichte die uneingeschränkt positiv zu wertenden Folgen der Papstvorlesung: Auch wenn die Rede des Papstes durchaus unterschiedliche wissenschaftliche Beurteilungen erhalten hat, so zeugt doch die Bandbreite der Reaktionen von christlichen, nichtchristlichen und muslimischen Gelehrten von der Fähigkeit Benedikts XVI., Theologen und Philosophen über die Universitäts- und Kulturgrenzen hinweg in einen Diskurs über den Glauben einzubinden. Eine dem Offenen Brief von 38 muslimischen Gelehrten vom Oktober 2006 vergleichbar öffentlichkeitswirksame Absage an Gewalt im Namen des Islams hat es weder vor noch nach der Regensburger Vorlesung gegeben.

Angesichts der in westlichen Ländern häufig tabuisierten Rede über die Grenzen der Wissenschaft bedeutete die Rede des Papstes auch einen geglückten Stich durch den Damm intellektueller Selbstbescheidung im Bereich der Wissenschaft. Insbesondere Benedikts Ausführungen über die Rolle der Universitäten haben ökumenisches Potenzial: Über die Konfessionsgrenzen hinweg existiert ein christlicher Konsens darüber, dass Wissenschaftler nur mit Bezug auf die absolute Wahrheit verantwortlich forschen und Versuchen zur Fremdbestimmung widerstehen können. Darüber hinaus hat die politische Entwicklung der vergangenen Monate bestätigt, wie berechtigt der unmissverständliche Verweis Benedikts XVI. auf „uns bedrohende Pathologien der Religion und Vernunft“ war. Die mediengesteuerte Aufregung um das Zitat des Kaisers Manuel II. Palaeologos hat die Gelehrten im deutschsprachigen Raum naturgemäß weniger herausgefordert als die päpstlichen Bedenken gegenüber den Enthellenisierungsschüben der Neuzeit und Benedikts Sicht der Reformatoren.

Die während der Diskussionen in Schloss Spindlhof auch geäußerte Kritik gegenüber dem vermeintlich ängstlichen Blick des Gelehrten im Apostolischen Palast auf die Wirklichkeit jenseits der Vatikanmauern spiegelte gängige Klischees einer selbstzufriedenen Wohlstandsgesellschaft, die zeitkritische Formulierungen aus päpstlichem Mund allzu leicht als ungebetene Einmischung empfindet und im Gegenzug als undifferenziert abzuwerten sucht. Doch vor dem Hintergrund der bioethischen und sicherheitspolitischen Großwetterlage überzeugte sie nicht.

Der „religiös unmusikalische“ Philosoph interpretiert den Papst

Diakon Gereon Piller vom Philosophischen Institut der Universität Regensburg bewertete die Erwiderung des Philosophen Jürgen Habermas („Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. Februar 2007) als Fortführung der Diskussion zwischen dem Präfekten der Glaubenskongregation und Habermas in der Katholischen Akademie vom Januar 2004. Habermas zufolge darf sich „die säkulare Vernunft nicht zur Richterin über die Glaubenswahrheiten aufwerfen, auch wenn sie im Ergebnis nur das, was sie in ihre eigenen, im Prinzip allgemein zugänglichen Diskurse übersetzen kann, als vernünftig akzeptiert“. Zwar fordert der führende säkulare Aufklärer den Dialog zwischen säkularer Vernunft und Religion, doch grenzt er sich mit seinem auf die Situiertheit des heutigen Denkens gemünzten Schlagwort vom „nachmetaphysischen Denken“ zugleich von der Position des Papstes ab: Denn im Gegensatz zu Benedikt XVI. glaubt der sich als religiös unmusikalisch bezeichnende Habermas an das Ende der Metaphysik. Es bedeutet für ihn nicht nur eine Verabschiedung vom griechischen Denken, sondern auch eine Chance: Der metaphysikfreien Verfasstheit der Vernunft schreibt Habermas die Möglichkeit zu, unvoreingenommener und freier mit der Religion, vor allem mit der christlichen, in Dialog treten zu können. Diese Haltung dürfte dem Denken des Papstes mindestens ebenso fremd sein wie Habermas optimistische Annahme, das säkulare Denken werde mit den Pathologien der Vernunft wie Nihilismus und Relativismus sowie den Fehlentwicklungen im wissenschaftlichen Bereich selbst fertig. Piller wies in diesem Zusammenhang auf „die erstaunliche Zuversicht Habermas“ hin. Der Wunsch, „die moderne Vernunft gegen den Defätismus, der in ihr selber brütet, zu mobilisieren“ treibe den Agnostiker Habermas zur Beschäftigung mit dem Thema Glauben und Wissen. Er setzt auf den Dialog zwischen säkularer Vernunft und Religion, um dem Dilemma des nachmetaphysischen Denkens – den Mangel an Altruismus und gelebter Solidarität in profanen Gemütern zu lösen.

Holzschnittartig fällt Habermas Darstellung der päpstlichen Ausführungen über die Enthellenisierungswellen der Neuzeit aus. Der Papst habe „damit auch eine negative Antwort auf die Frage gegeben, ob sich die christliche Theologie an den Herausforderungen der modernen, der nachmetaphysischen Vernunft abarbeiten muss“ behauptet der Philosoph. Eine These, auf die Piller die Gegenfrage stellte: Wie anders solle man denn die Regensburger Vorlesung und den Großteil des Gesamtwerks von Joseph Ratzinger kennzeichnen als ein einziges „Sich-Abarbeiten“ an den Herausforderungen des modernen Denkens? Auch Habermas Kritik, der Papst habe die „drei Enthellenisierungsschübe, die zum modernen Selbstverständnis der säkularen Vernunft beigetragen habe, aus der gemeinsamen Genealogie der ,gemeinsamen Vernunft‘ von Gläubigen, Ungläubigen und Andersgläubigen ausgeblendet“ überzeugt aus Pillers Sicht nicht. Unbeeindruckt von einer vielleicht auch bei Habermas immer noch zu wenig bewusst gemachten durchaus unkritischen Verherrlichung der Moderne suche Benedikt XVI. „mit einer im besten Sinn kritischen Aufklärung unserer wirklichen Lage, derartige Entwicklungen gerade nicht auszublenden, sondern vielmehr einzuordnen“, um das Hier und Heute besser zu verstehen.

Der päpstliche Blickwinkel auf die Enthellenisierungswelle im Zug der Reformation hat allerdings nicht nur den Widerspruch von Habermas erregt. Der evangelisch-lutherische Regensburger Regionalbischof Hans-Martin Weiss und sein Referent Werner Thiede zeigten sich in ihrem Beitrag über Wolfgang Hubers Artikel „Glaube und Vernunft“ (FAZ, 31.10.2006) verwundert darüber, dass sich nach der Regensburger Vorlesung nur sanfter Protest auf protestantischer Seite erhoben habe. Benedikt XVI. habe den Reformatoren attestiert, programmatisch mit der traditionellen Ausrichtung des Glaubens an der Kategorie der Vernunft, wie sie sich in der griechischen Philosophie etabliert hatte, gebrochen zu haben. Weiss und Thiede sahen im spätmittelalterlichen Nominalismus einen viel eher programmatisch zu nennenden Angriff auf die vom Papst verteidigte Synthese als in den Anliegen der Reformatoren. Den Hinweis des Papstes auf die tendenzielle Aufsprengung der Synthese von Griechischem und Christlichen bei Duns Scotus in der Vorlesung bewerteten sie als zu beiläufig, um der Gesamtdarstellung historische Korrektheit zubilligen zu können.

Nicht minder erstaunt zeigten sich die protestantischen Vertreter darüber, dass der Papst Nietzsche bei der Aufzählung der Enthellenisierungsschübe übergangen hatte und Kant nicht als Verursacher einer Enthellenisierungswelle identifiziert, sondern ihn lediglich der von der Reformation ausgegangenen zugeordnet habe. Weiss zufolge hat Huber in seiner Erwiderung immerhin bemerkt, dass der Papst Kant falsch zitierte mit der angeblichen „Aussage, er habe das Denken beiseite schaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen“. Korrekt laute der Satz aus der Vorrede der zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ Mit Recht habe Huber zudem unterstrichen, dass Kant den Gottesgedanken mit diesen Worten nicht außerhalb des Denkens stelle oder einen vermeintlich vernunftlosen Raum durch den Glauben besetze, sondern den Gottesgedanken aus dem Einzugsbereich des Erfahrungswissens herausgelöst habe. Um die These zu begründen, die Aufklärung habe die Verbindung zwischen Vernunft und Glauben definitiv aufgelöst, sollte man sich Hubers Auffassung nach jedenfalls nicht auf die Aufklärungsphilosophie im Sinne Kants berufen.

Das Resümee des EKD-Vorsitzenden greift aus der Sicht von Weiss und Thiede allerdings zu kurz: „Gerade mit Blick auf Kant genügt es nicht, sich bei der Alternative einer Verbindung oder einer Trennung von Glaube und Vernunft aufzuhalten“, so Weiss. Angesichts der Kantschen Religionsphilosophie tue sich mit einem „aufgeklärten Vernunftglauben“ eine bedeutsame Alternative auf. Auch die innere Nähe Kants zur Metaphysik habe Benedikt XVI. nicht wahrgenommen. Kants Anliegen, Metaphysik aus vernunftkritischen Gründen künftig nur noch als wissenschaftliche Größe zu akzeptieren, bedeute noch nicht die Streichung der Metaphysik.

Nicht nachvollziehbar erschien Weiss und Thiede Hubers Verteidigung Kants. Das Argument des EKD-Ratsvorsitzenden, der Philosoph habe Vernunft und Glauben nicht auseinandergerissen, sondern einen Weg dazu gebahnt „dass der Gottesgedanke auch vor dem Forum der philosophischen Vernunft Bestand haben könne“ unterschlage, dass bei Kant nur noch ein schemenhafter Gottesgedanke übrig bleibe, „der gerade noch zur Unterscheidung von blankem Atheismus taugt“. Mit biblischem Glaubensverständnis habe die dann noch mögliche Liaison von Vernunft und Glaube nicht mehr allzu viel zu tun. Negativ fiel das Urteil von Weiss und Thiede über Hubers Apologetik des liberaltheologischen Ansatzes angesichts der päpstlichen Kritik an Adolf von Harnack aus. Benedikts Sicht einer „Reduktion des Christentums“ hatte Huber die These entgegengehalten, Fragment sei nicht bloß ein liberaltheologisch aufbereitetes Christentum, sondern Paulus zufolge alles theologische Erkennen schlechthin. Hubers Hinweis auf das Fragmentarische menschlicher Vernunft gelte jedoch auf jedes theologische Denken zu jeder Zeit und tauge daher nicht, um den grundlegenden Unterschied zwischen altkirchlicher und liberaltheologischer Ausrichtung in der Gotteslehre auszudrücken. Gerade das Konzil von Chalkedon habe mit seinen Formulierungen von der Doppelnatur Christi ein beredtes Zeugnis von dem Bewusstsein um die Begrenztheit menschlicher Vernunft abgelegt, unterstrich Weiss. „Die Argumentation des Papstes sticht in dieser Hinsicht. Man könnte geradezu formulieren, Benedikt XVI. sei in Sachen Gotteslehre lutherischer orientiert als der EKD-Ratsvorsitzende“ lautete das Fazit von Weiss und Thiede.

Konfessionelle Unterschiede zwischen Huber und dem Papst beleuchtete auch der Bonner Dogmatiker Michael Schulz. Während der Papst darum besorgt sei, die endliche Vernunft könne sich innerhalb ihrer Grenzen einnisten und jede Grenzüberschreitung des endlichen Bereichs vergessen, sehe Huber eher das Problem, dass die Vernunft sich überschätze und absolut setze. „Typisch protestantisch ist die Vorstellung vom Sünder, der sich unentwegt zu Gott macht. Der Glaube befreit von dieser Selbstvergottung. Typisch katholisch ist die Auffassung, dass trotz aller Sünde der Mensch in der Lage ist, Gott mit seiner Vernunft in der Lage ist, Gott mit seiner Vernunft zu erkennen, also auch von sich aus das Endliche auf Gott hin übersteigen kann“, so Schulz. In seinem Vortrag über die Publikation „Mut zur Weite der Vernunft – Braucht die Wissenschaft Religion?“ von Gesine Schwan, Präsidentin der Universität Frankfurt/Oder stellte Schulz fest, die Katholikin Schwan teile die Sorge des Papstes. Beide oben genannten Positionen gehörten aber gewissermaßen zusammen: Vernunft verabsolutiere sich gerade dann, wenn sie nicht bereit sei, den Bereich des Endlichen auf die Wahrheit zu übersteigen.

Die demokratieförderliche Dimension der Vorlesung

Die Politikwissenschaftlerin Schwan habe dem Papst auch mit ihrer These, die gegenwärtige Wissenschaft brauche Religion zu ihrer Befreiung beigepflichtet. Die Unfreiheit der Wissenschaft besteht für Schwan in zahlreichen Zwängen und institutionellen Behinderungen, die Grundsatzdebatten und eine derartige Wahrheitssuche im Keim ersticken. „Wer die unbedingte Verpflichtung zur Wahrheit ernst nimmt setzt Schwan zufolge einen religiösen Akt, denn er transzendiert das Endliche“, unterstrich Schulz. Die Kirchen bitte Schwan um die Bereitschaft zu einem hochqualifizierten Dialog mit den Wissenschaften – den Wissenschaften und der Religion zuliebe.

Schwans Erwiderung auf die Regensburger Vorlesungen erhellt zudem die politische Qualität des Textes: Mit seinem Anliegen, den Vernunftbegriff zu weiten, finde der Papst nicht zuletzt um der demokratieförderlichen Dimension willen bei Schwan offene Ohren, bilanzierte Schulz.

Auch Peter Reifenberg aus Mainz beleuchtete mit Blick auf Karl Kardinal Lehmanns Beitrag „Chancen und Grenzen des Dialogs zwischen den ,abrahamitischen Religionen‘“ die politische Seite der Papstrede. Der Verzweckung der Religionen entgegenzutreten gehöre für Lehmann zum interreligiösen Dialog. Dieser dürfe keineswegs zum „Hilfsaggregat der Politik werden. Benedikt XVI. sei es aus der Sicht der Kardinals keineswegs darum gegangen, „der Vernünftigkeit des christlichen Glaubens die fehlende Vernünftigkeit anderer Religionen – namentlich des Islam entgegenzusetzen“. Vielmehr sei es gerade die „universale Verbindlichkeit der Vernunft“, welche die Religionen im Innersten verbinde, gerade auch wenn jede Religion „eingedenk ihrer spezifisch historischen Prägungen die sich in der Tat zeigende praktische Vernunft und ihre theologischen und ethischen Implikationen je eigens entfalten, um sie dann in den gemeinsamen Dialog einbringen zu können“.

Von einer direkten Replik auf den Papst wollte Reifenberg bei Lehmanns für den St. Michaels-Jahresempfang in Berlin 2006 verfassten Text jedoch nicht sprechen. Ebenso wenig seien zwei Artikel Robert Spaemanns in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott und die Spaßgesellschaft keine „Erwiderung“ auf die Regensburger Vorlesung, unterstrich der Bochumer Philosoph Walter Schweidler. Auch Spaemann habe die Grenzen der Wissenschaft thematisiert und die Position Benedikts XVI. verteidigt. Einseitige wissenschaftliche Fixiertheit berge Spaemann zufolge die Gefahr, dass alles Gedachte Hypothese wird, auch Wahrheitsüberzeugungen des Menschen. Die Überzeugung, etwas Wahres sagen zu können und die Frage nach absoluter Wahrheit bringen aus Sicht des Stuttgarter Philosophen notwendigerweise den Gottesgedanken ins Spiel.

Die Tagung war ein durchaus erfolgreicher Versuch, aus zeitlicher Distanz hartnäckige Missverständnisse um die Regensburger Vorlesung auszuräumen: Benedikt XVI. geht es nicht um die Suche nach einem vernünftigen Glauben, wie beispielsweise der Philosoph Habermas kolportierte. Der Glaube an Gott ist für den Papst in höchstem Maß vernünftig. Das kränkelnde Denken des Abendlandes wieder zur Vernunft zu bringen bleibt das Ziel des Nachfolgers Petri.

[© Die Tagespost vom 20. September 2007]