Widerspruch gegen den Beschluss über Verhütungsmittel

Religionsfreiheit in den USA gefährdet

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Von P. John Flynn, LC

ROM, 31. Januar 2012 (ZENIT.org).- Der Beschluss der US-Bundesregierung von letzter Woche, Verhütungsmittel über die Krankenversicherungen zu bezahlen, ist auf viel Widerspruch gestoßen.

Das vom Kongress neu verabschiedete Gesundheitsgesetz überließ es dem „Department of Health and Human Services (HHS)“ (Institut für Gesundheits- und Humandienste) zu entscheiden, welche Institute davon befreit sein müssten, in ihren Gesundheitsplanungen die Kosten für Verhütungsmittel zu übernehmen.

Letzten Freitag entschied das HHS, dass zwar Kirchen die Kosten für Verhütungsmittel nicht zu zahlen hätten, wohl aber Institute wie Schulen, Krankenhäuser und wohltätige Vereine, auch wenn sie Verbindungen zu Kirchen haben.

Das einzige Zugeständnis bestand darin, den Arbeitgebern bis August 2013 Zeit zu geben, um ihre Planungen dem Gesetz anzupassen: ein Trick, so manche Beobachter, um vorsichtshalber das Inkrafttreten bis nach den bevorstehenden Wahlen zu verschieben.

„Ich glaube, dieser Vorschlag trifft das richtige Gleichgewicht zwischen der Wahrung von Religionsfreiheit und dem Zugang zu wichtigen Mitteln des Gesundheitsschutzes“, erklärte die Sekretärin des HHS, Kathleen Sebelius, in einer Pressekonferenz über den Beschluss.
Eine Einstellung, die von vielen, die in den folgenden Tagen ihre Meinung zu diesem Thema geäußert haben, nicht geteilt wird.

„Im Klartext erklärt uns der Präsident damit, dass wir ein Jahr Zeit haben, um zu entscheiden, auf welche Weise wir unser Gewissen verletzen wollen“, erklärte Kardinal Timothy Dolan, Erzbischof von New York und Vorsitzender der US-Bischofskonferenz, in einer Pressekonferenz am 20 Januar.

Er gab zu bedenken, dass diese Regelung verlangt, auch Sterilisierung und Abtreibungsmittel unter die von den Gesundheitsplanungen zu tragenden Kosten zu führen.

Eine Krankheit

„Die Regierung sollte die Amerikaner nicht zwingen, so zu handeln, als ob Schwangerschaft eine Krankheit wäre, der man um jeden Preis vorbeugen muss“, fügte Kardinal Dolan hinzu.
„Nie zuvor in der Geschichte der U.S.A. hat die Bundesregierung ihre Bürger gezwungen, zu kaufen, was ihrem Glauben widerspricht“, klagte auch auch Kardinal Daniel DiNardo in seiner Predigt während der heiligen Messe zur Eröffnung der Nationalen Gebetsvigil für das Leben am 22. Januar.

Auf dem Spiel stehe laut Kardinal DiNardo, „das Überleben einer wichtigen, verfassungsrechtlich geschützten Freiheit, welche die Achtung vor Gewissen und Glauben schützt“.

Schwester Carol Keehan DC, Vorsitzende der Katholischen Gesundheitsorganisation der U.S.A., äußerte ebenfalls ihre Enttäuschung über diesen Beschluss. „Dies ist eine verpasste Gelegenheit, Klarheit in Bezug auf echten Schutz der Gewissensfreiheit zu machen“, erklärte sie.

Kritik kam aus allen Lagern. „Ich kann mir keinen direkteren Frontalangriff auf die Gewissensfreiheit vorstellen als diese Regelung“, äußerte sich Kardinal Roger Mahony in einem Eintrag vom 20. Januar in seinem Blog. Der kürzlich emeritierte Erzbischof von Los Angeles erklärte: „Für mich gibt es kein wichtigeres Thema als dieses, in Hinblick auf die bevorstehenden Präsidentschafts- und Kongresswahlen“.

Sogar die Washington Post beurteilte den Beschluss der HHS negativ. In einem Leitartikel vom 23. Januar heißt es: „Die Kompromisslösung der Regierung, den Arbeitgebern ein Jahr Zeit zu geben, um einen Weg zu finden, sich dem Gesetz anzupassen, ist unproduktiv und geht am Wesen des Problems vorbei, das darin besteht, dass man von religiös geführten Instituten verlangt, ihr Geld für Dinge auszugeben, die den Grundlagen ihres Glaubens widersprechen“.

Ferner sei es „gegen die tiefste Überzeugung eines vom Glauben geprägten Arbeitsgebers, sein Geld auf eine Art einzusetzen, die seinen religiösen Grundsätzen widerspricht“.

Am Tag vor dem Beschluss des HHS sagte Papst Benedikt XVI. in einer Ansprache an die amerikanischen Bischöfe: „Es ist dringend notwendig, dass die gesamte katholische Gemeinschaft der Vereinigten Staaten einsieht, welch schwere Gefährdung für die von der Kirche bezeugte Moral von diesem radikalen Säkularismus ausgeht, der sich immer mehr in der politischen und kulturellen Sphäre breitmacht“.

„Besonders Besorgnis erregend sind die Versuche, jene beliebteste aller amerikanischer Freiheiten einzuschränken: die Religionsfreiheit“, fügte der Heilige Vater hinzu.

Die Wahlen

Es ist unklar, welche Auswirkungen dieser Beschluss auf die bevorstehenden Wahlen im November haben wird.

In einem Eintrag vom 24. Januar auf der Webseite des Wall Street Journal kommentierte William McGurn, Barack Obama habe 2008 die Mehrheit der katholischen Wähler für sich gewonnen.

Jetzt aber seien viele Katholiken, die zuvor Obama befürwortet hatten, entsetzt über den Beschluss des HHS. Darunter auch Menschen wie der Rektor von Notre Dame, Rev. John Jenkins, der viel Kritik auf sich gezogen hatte, als er den Präsidenten einlud, eine Rede an der Universität zu halten und ihm einen akademischen Ehrentitel verlieh.

„Die Ironie liegt natürlich darin, dass die Regelung von Kathleen Sebelius, einer katholischen Sekretärin des HHS, durchgesetzt wurde, die für eine Regierung arbeitet, deren Vizepräsident Joe Biden ebenfalls katholisch ist“, bemerkte McGurn.

Nicht nur die Katholiken sind aufgebracht. Am vergangenen 21. Dezember haben mehr als 60 protestantische und orthodoxe jüdische Religionsführer einen Brief an Präsident Obama verfasst mit der Bitte, er möge nicht von allen privaten Versicherern verlangen, Verhütungsmittel und Sterilisierung in ihr Angebot aufzunehmen.

„Bei weitem nicht nur die Katholiken sind zutiefst empört über die Forderung, dass die von ihnen gekauften Gesundheitsplanungen auch Verhütungs- und sogar Abtreibungsmittel abdecken müssen“, heißt es in dem Schreiben.

„Wir glauben, dass die Bundesregierung durch das ‚First Amendment‘ dazu verpflichtet ist, die Glaubensüberzeugungen religiöser Organisationen aller Art zu schützen, der katholischen wie der nicht-katholischen“.

Eine Forderung, die mit Sicherheit in den kommenden Monaten, mit dem Näherrücken der Wahlen, noch oft zu hören sein wird.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]