Widerstand aus Gewissensgründen

Interview mit P. Thomas Williams LC, Autor von „Knowing Right From Wrong: A Christian Guide to Conscience“

| 1119 klicks

ROM, 22. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Der amerikanische Theologe Thomas D. Williams LC erklärt im vorliegenden zweiten Teil eines ZENIT-Interviews über sein neuen Buch „Knowing Right From Wrong: A Christian Guide to Conscience“ („Recht und Unrecht unterscheiden: Eine christliche Hinführung zum Gewissen"), was unter dem Schlagwort „Widerstand aus Gewissensgründen“ zu verstehen ist.

Teil 1 erschien am Dienstag, dem 21. Oktober.



ZENIT: Sie behandeln in Ihrem neuen Buch auch das Thema Widerstand aus Gewissensgründen. Im Allgemeinen denkt man dabei an einen ethisch motivierten Protest gegen den Kriegseinsatz…


Pater Williams: Dies ist sicherlich eine der möglichen Situationen, in denen ein Widerstand aus Gewissensgründen geleistet werden kann, aber es geht viel weiter. Wann immer wir dazu gezwungen oder gedrängt werden, etwas zu tun, wovon wir wissen, dass es schlecht ist, haben wir die Pflicht, Widerstand zu leisten. Das ist mit Widerstand aus Gewissensgründen gemeint.

In der Regel geht es um den Widerstand gegen den Befehl eines Vorgesetzten beziehungsweise eben um die Entscheidung, einem ungerechten Gesetz nicht zu gehorchen, wenn es uns befiehlt, etwas Böses zu tun.

Als die jüdische Obrigkeit dem heiligen Paulus und den übrigen Aposteln befahl, nicht mehr von Jesus Christus zu predigen, sagten diese: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Ähnliche aktuelle Beispiele lassen sich etwa in der Medizin und Pharmazie finden, wo vom Personal manchmal verlangt wird, an sittlich verwerflichen Handlungen wie zum Beispiel Abtreibung oder Aushändigung von Verhütungsmitteln mitzuwirken.

In einem noch weiteren Sinn kann Widerstand aus Gewissensgründen auch bedeuten, gegen den Strom zu schwimmen, indem man gegen gewisse modische Trends angeht, die uns dazu nötigen würden, Böses zu tun oder die Evangelisation zu beeinträchtigen. Auch hier muss man dem Gewissen mehr gehorchen als der Macht und dem Einfluss der gängigen Meinung.

ZENIT: Was ist, wenn das eigene Gewissen von der Lehre der Kirche abweicht?


Pater Williams: In diesem Bereich herrscht große Verwirrung. Die Lehre der Kirche hat nichts mit Aufzwingen zu tun, sondern sie ist die Fortsetzung der Sendung Christi, der der echte Lehrer der Wahrheit ist. Dazu gehört auch die moralische Wahrheit. Katholiken sind verpflichtet, ihr Gewissen im Einklang mit dieser Lehre zu bilden.

Wenn die moralischen Kriterien eines Katholiken von den Inhalten des kirchlichen Lehramts abweichen, liegt das Problem in der Regel auf der Ebene des Glaubens. Wir hören auf, an die Kirche und an die göttliche Führung zu glauben, die Christus ihr verheißen hat, und beginnen statt dessen, die öffentliche Meinung und unser eigenes persönliches Urteil höher einzuschätzen als das, was uns das Lehramt vorlegt.

Die Morallehre der Kirche entspricht der Vernunft, aber das heißt nicht, dass jeder sie sofort verstünde oder spontan zu demselben moralischen Urteil kommen würde. Aber gerade hier leuchtet die göttliche Gabe des Lehramtes in all ihrem Glanz auf.

Wenn moralische Angelegenheiten klar und eindeutig wären, bräuchten wir in der Tat kein Lehramt. Erst dann, wenn gutwillige Gläubige verschiedener Auffassung sind und Verwirrung herrscht, kommt der wahre Wert des Lehramts so richtig zum Vorschein. Aber die Gläubigen müssen sich aus freien Stücken belehren lassen wollen. Sonst wäre das, was das Lehramt sagt, lediglich eine weitere Meinung auf dem Marktplatz der Ideen, und wir würden aufhören, Katholiken zu sein. Das heißt, wir wären es nur noch dem Namen nach.

ZENIT: Am Ende Ihres Buches gehen Sie auf schwierige moralische Fälle ein – moralische „Dilemmata“ – und versuchen, Lösungen aufzuzeigen. Worum handelt es sich hierbei?


Pater Williams: Wir sollten daran denken, dass viele Dinge, die man „moralisches Dilemma“ nennen, in Wirklichkeit nur Situationen sind, bei denen dem richtigen Tun Schwierigkeiten entgegenstehen. Das Gute heißt oft, dass man unangenehme Folgen in Kauf nehmen muss, was für uns alle hart ist. Aber das ist kein moralisches Dilemma. Tugenden wie Mut, Willenskraft und moralische Integrität sind notwendig, aber unsere Gewissensentscheidung ist klar.

Zu einem moralischen Dilemma gehört ein Zweifel auf der Ebene des Gewissens: Wir wissen nicht wirklich, was in dieser Situation das Rechte ist. Solche Fälle kommen nicht sehr oft vor, aber sie kommen vor, und hier brauchen wir Orientierung, um gut entscheiden zu können.

Zum Glück hat Gott für uns Quellen moralischer Unterweisung vorgesehen, um auch in schwierigen Situationen eine gute Entscheidung zu treffen. Wir haben das Wort Gottes, und dazu gehören auch die Zehn Gebote sowie eine immer engere Vertrautheit mit Christus und seinen moralischen Maßstäben. Wir haben das natürliche Sittengesetz, den ungeschriebenen Ausdruck von Gottes ewigem Gesetz, das er dem Menschen ins Herz geschrieben hat, und wir haben auch die Lehre der Kirche, die sich gerade im Hinblick auf die Lösung solcher moralischer Dilemmata als besonders wichtig erweist. Alles in allem: Für den Christen, der aufrichtig das Rechte tun will, stehen verlässliche Antworten zur Verfügung.