Wie alles begann: Kardinal Cordes über die Entstehung der Weltjugendtage

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ROM, 16. Juli 2008 (ZENIT.org).- Als man 1983 daran dachte, einen Weltjugendtag einzuberufen, erschien diese Idee im Vatikan absurd. Man war der Ansicht, so etwas sei nicht zu verwirklichen. Heute, wie dies auch Sydney zeigt, hat der Weltjugendtag sich zu einem der bedeutendsten kirchlichen Ereignisse im Dienst der Evangelisierung entwickelt.

Kardinal Paul Josef Cordes, heute Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“ und damals stellvertretender Präsident des Päpstlichen Rates für die Laien, erzählte die Geschichte der Weltjugendtage am vergangenen 15. März anlässlich der Feier zum 25jährigen Bestehen des Internationalen Jugendzentrums San Lorenzo in Rom, das zum Heiligen Stuhl gehört.

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Die Idee der Schaffung der Weltjugendtage wurde im besonderen Heiligen Jahr 1983/84 geboren. Die Ewige Stadt erlebte eine Invasion von Verbänden, Gemeinschaften und Gruppen aller Art. Einer der Freiwilligen des Internationalen Jugendzentrums San Lorenzo (das von Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren in der Nähe des Vatikan errichtet worden ist), Don Massimo Camisasca von „Gemeinschaft und Befreiung“ („Comunione e Liberazione“), fragte: „Warum veranstalten wir in diesem Heiligen Jahr nicht auch ein internationales Jugendtreffen?“ Ich antwortete: „Die Idee ist interessant, aber wer könnte das organisieren?“ Es schien klar, dass eine solche Angelegenheit völlig außerhalb der Möglichkeiten des Päpstlichen Rates für die Laien lag – und dass sie nur unter der Bedingung gelingen könnte, dass sich alle neuen geistlichen Initiativen einbrächten und als Partner im Zentrum zusammenarbeiteten. Wir brachten sie alle zusammen, und wir konnten uns ihrer Verfügbarkeit versichern – gegen den Rat einiger der wichtigsten Führer. Diese hatten wegen schrecklichen Erfahrungen mit einem ähnlichen Treffen im Heiligen Jahr 1975 viele Vorbehalte. Aber – Gott sei Dank – die Skeptiker brachten die frische Ernsthaftigkeit und jugendlichen Impulse der anderen nicht zum Erlöschen.

Je näher der erste Weltjugendtag rückte, desto stärker wurde der externe Widerstand. Aus einigen Diözesen, die wir eingeladen hatten, kamen kritische Bemerkungen wie: „Es gehört nicht in den Kompetenzbereich des Vatikan, sich um unsere Jugend zu kümmern.“ Der (kommunistische) Bürgermeister von Rom zog in der letzten Minute bereits erteilte Genehmigungen zurück, so dass es weder möglich war, die Camping-Zelte wie geplant im Park der Pineta Sacchetti von Rom aufzustellen, noch die Unterkünfte einzuteilen. Zu den Umweltschützern gesellten sich Journalisten, die vor der unmittelbaren Zerstörung der Gärten und öffentlichen Bereichen der Stadt warnten. Es gab Zeitungsartikel mit Titeln wie „Die Hunnen kommen“. Und trotz unserer Unerfahrenheit in Sachen Mega-Versammlungen wie dieser wurde allen Hindernissen zum Trotz die große Zusammenkunft ein triumphaler Erfolg.

Etwa 300.000 junge Menschen begrüßten die Einladung des Papstes und nahmen an der Palmsonntagsmesse auf dem Petersplatz teil. Die Anzahl der Ausländer war viel höher als erwartet, und doch lief alles so geordnet und so vorbildlich ab, dass die ganze Welt staunte. Der 90jährige Kardinaldekan Carlo Confalonieri, der einen Teil des Jugendfestes von der Terrasse der Vatikanischen Basilika aus mitverfolgt hatte, bemerkte: „Nicht einmal die ältesten Römer können sich an etwas Ähnliches erinnern.“

Wir vom Rat für die Laien brauchten unsere letzten Kräfte auf. Ein halbes Jahr lang hatten wir nichts anderes im Sinn als den Weltjugendtag. Alles andere hatten wir ad acta gelegt. Damit man uns ins Gesicht sagen konnte: Wir glaubten an ihn, wollten ihn und organisierten ihn mit all unserer Kraft. In der Tat hatten wir unsere Schulden mit der Jugend der Welt bis auf den letzten Pfennig bezahlt. Natürlich dachte Papst Johannes Paul II. anders. Kurz vor den Sommerferien ließ er uns wissen: „Das nächste Jahr wurde von der UNO zum Jahr der Jugend ausgerufen. Wäre das nicht eine Gelegenheit, die Jugend der Welt wieder nach Rom einzuladen?“

Beim Hören dieses Vorschlags hielt sich unsere Begeisterung verständlicherweise in Grenzen. Es blieb wenig Zeit für Vorbereitungen, stand doch die Sommerpause mit einer zweimonatigen Unterbrechung vor der Tür, und der Tag würde wieder auf Palmsonntag fallen. Ganz davon zu schweigen, dass wir unmöglich aufs Neue in einem halben Jahr die Kräfte aller Gruppen für einen Jugendtag vereinen konnten. Andererseits mussten wir zum Papst Ja sagen, vor allem weil es der Papst war, und dann, weil wir selbst gesehen hatten, welch wichtigen Impuls des Glaubens der erste Jugendtag für viele junge Menschen gebracht hatte. Unsere Bereitschaft zum Gehorsam fand schon bald ein unerwartetes Echo, das uns viele Sorgen abnahm: Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, setze alle zur Verfügung stehenden Kräfte der Bewegung ein, so dass wir uns auf eine Organisation verlassen konnten, die bereits stand.

Zum zweiten Mal war die Teilnahme der Jugendlichen berauschend: Bei der Abschlussmesse vor der Lateran-Basilika waren es an die 250.000 Menschen. Der Rat für die Laien hätte das Kapitel „Jugend“ gerne für ein wenig geschlossen, denn wir hatten viele andere Verpflichtungen. Am Montag der Osterwoche floh ich am Rande der Erschöpfung nach Deutschland, um endlich schlafen zu können und mich ein bisschen von der Müdigkeit zu erholen. Am Ostersonntag verfolgte ich die Fernsehübertragung der Liturgie auf dem Petersplatz. Die Predigt des noch jungen Papstes begeisterte mich. Aber eine Passage irritierte mich: Mit viel Energie sprach der Papst diese Sätze: „Ich habe mich am vergangenen Sonntag mit Hunderttausenden von jungen Menschen getroffen, und das Bild ihrer rauschenden Begeisterung hat sich in meine Seele eingeprägt. Der Wunsch, dass diese wunderbare Erfahrung in der Zukunft wiederholt wird, wird zum Ursprung für den Weltjugendtag am Palmsonntag…“ Der Heilige Vater hatte Geschmack gefunden und führte nun eine neue Praxis in der katholischen Kirche ein.

So begann die Feier der Weltjugendtage, die in verschiedenen Ländern der Erde, im Wechsel mit dem internationalen Treffen der Ortskirchen, durchgeführt wurden. Die Einweihung fand in Buenos Aires in Argentinien statt. Danach folgten Spanien, die USA, Europa und Asien. Von besonderer Bedeutung war das Treffen in Paris und Rom im Heiligen Jahr 2000. Zum numerischen Höhepunkt kam es auf den Philippinen, wo sich etwa vier Millionen Menschen zur Feier versammelten. Die Medien kommentieren einstimmig, dass die Menschheitsfamilie ein solches Ereignis noch nie gesehen hätte, an dem – freiwillig und mit großer Freude – eine so große Menschenmenge teilnahm.


Übersetzt ins Deutsche von Katharina Karl