Wie bekomme ich einen gnädigen Gott

Papst Benedikt im Augustinerkloster

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ERFURT, 23. September 2011 (ZENIT.org). – „Sind unsere Fehler wirklich so klein?“, fragte Papst Benedikt in Erfurt bei dem Treffen mit Vertretern des Rats der EKD im Augustinerkloster, dem Ort, wo Martin Luther studiert hatte und zum Priester geweiht worden war.

Dass die Frage Luthers „Wie kriege ich einen  gnädigen Gott“ die bewegende Kraft seines Weges gewesen sei, bewege ihn immer von neuem, dieses Ringen um Gott und mit Gott.

„Denn wen kümmert das eigentlich heute – auch unter Christenmenschen?“ , fragte Papst Benedikt. Die meisten Menschen, auch Christen, nähmen heute an, dass Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiere. Sofern man heute überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaube, setzten praktisch fast alle voraus, dass Gott großzügig sei und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen werde.

Aber, so der Papst, „wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken? Wird sie nicht verwüstet durch die Macht der Drogen, die von der Gier nach Leben und nach Geld einerseits, andererseits von der Genusssucht der ihr hingegebenen Menschen lebt? Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet? Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre?“

Das Böse sei keine Kleinigkeit, es könne nicht so mächtig werden, wenn wir Gott in die Mitte unseres Lebens stellten. Die Frage Luthers, -wie stehe ich vor Gott-, müsse aufs Neue auch unser aller Frage werden.

Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde sei etwas anderes als eine philosophische Hypothese über den Ursprung unseres Kosmos. Gott habe ein Gesicht: Jesus Christus. Auch Luther sei mit seinem Ansatz zur Schriftauslegung „Was Christum treibet“ durchaus christozentrisch gewesen. Dieses „Christus in den Mittelpunkt stellen“ sei eine wichtige, ökumenische Aufgabe.

Das Notwendigste für Christen sei heutzutage, sich nicht dem Säkularisierungsdruck der Gesellschaft zu unterwerfen und das christliche Ethos als unverlierbare gemeinsame Grundlage zu erkennen und zu bezeugen. Es bestehe nämlich die reale Gefahr, diese zu verlieren. Es breite sich als weltweites Phänomen ein Christentum mit beängstigender missionarischer Dynamik aus, das „ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, aber auch mit geringer Stabilität“ sei. Im Hinblick auf dieses Geschehen müsse man sich die ernsthafte Frage stellen, was das bleibend Gültige sei und was anders werden dürfe und könne.

In Deutschland sei die brennendere Frage der Kontext der säkularisierten Welt, in dem heute die Christen ihren Glauben leben und bezeugen müssten.

„Die Abwesenheit Gottes in unserer Gesellschaft wird drückender, die Geschichte seiner Offenbarung, von der uns die Schrift erzählt, scheint in einer immer weiter sich entfernenden Vergangenheit angesiedelt.“

Der Papst warnte davor, mit einer Verdünnung des Glaubens, mit einem „Modernwerden“ zu antworten. Der Glaube müsse zwar immer neu gedacht und neu gelebt werden, aber „nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur, ihn ganz zu leben in unserem Heute.“

Die zentrale Aufgabe der Ökumene sei also, sich gegenseitig zu helfen, tiefer und lebendiger zu glauben.

„Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt. Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zueinander geführt und die erste große ökumenische Öffnung bewirkt haben, so ist auch heute der in einer säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen“, schloss der Papst.[jb]