Wie das Latein als „Band der Einheit“ dienen könnte

Sakralsprache als Hinführung zur Transzendenz

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Von P. Uwe Michael Lang CO

ROM, Mittwoch, 1. Juni 2011 (ZENIT.org). - Sprache ist nicht nur ein Instrument, das dazu dient, auf möglichst einfache und effiziente Weise Fakten zu kommunizieren, sondern auch ein Mittel, unserem Geist auf eine Art und Weise Ausdruck zu verleihen, die die ganze Person mit einbezieht. Demzufolge ist Sprache auch das Werkzeug, mit dem wir Gedanken und religiöse Erfahrungen artikulieren.

Christine Mohrmann, die große Historikerin der lateinischen Sprache der Christen, bekräftigte, dass eine „heilige Sprache“, die in Gottesdiensten Verwendung findet, eine spezifische Art sei, religiöse Erfahrung zu „organisieren“. Mohrmann behauptet sogar, dass jede Form des Glaubens an eine übernatürliche Wirklichkeit, an die Existenz eines transzendenten Seins, zwangsläufig zur Aneignung einer Art heiliger Sprache führen müsse, während der radikale Säkularismus jegliche Form davon ablehnen würde.

In diesem Zusammenhang erklärte Albert Kardinal Malcolm Ranjith, der Erzbischof von Colombo, Sri Lanka, in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ im Juli 2009, dass „die Verwendung einer Sakralsprache eine Tradition auf der ganzen Welt ist. Im Hinduismus ist Sanskrit die Sprache des Gebets, die seit längerem nicht mehr gebraucht wird. Im Buddhismus wird Pali verwendet, eine Sprache, die heute nur noch von buddhistischen Mönchen studiert wird. Im Islam wird das Arabisch des Korans verwendet. Der Gebrauch einer heiligen Sprache hilft uns, die Wahrnehmung des Transzendenten zu erleben.“

Die Verwendung einer heiligen Sprache in der liturgischen Feier ist Teil dessen, was Thomas von Aquin in der Summa Theologiae „sollemnitas“ (Feierlichkeit) nennt. Der Doctor Angelicus lehrt: „Was in den Sakramenten durch menschliche Einrichtung etabliert wird, ist für die Gültigkeit des Sakraments nicht notwendig, sondern verleiht ihm eine gewisse Feierlichkeit, welche in den Sakramenten jenen von Nutzen ist, Hingabe und Respekt zu üben, die sie empfangen“ (Summa Theologiae III, 64, 2; vgl. 83, 4).

Die sakrale Sprache, die nicht nur ein Ausdrucksmittel des Einzelnen, sondern vielmehr einer Gemeinschaft ist, die ihrer Traditionen folgt, ist konservativ: Sie bewahrt die archaischen Sprachformen mit Beharrlichkeit. Darüber hinaus werden externe Elemente nur eingeführt, insofern sie mit einer alten religiösen Tradition verbunden sind. Ein paradigmatischer Fall ist die Einführung des hebräischen Wortschatzes der Bibel ins Lateinische, das die Christen verwendeten (Amen, Halleluja, Hosianna, etc.), wie Augustinus das schon beobachtet hatte (vgl. „De doctrina christiana“, II, 34-35 [11, 16]).

Im Laufe der Geschichte wurde eine Vielzahl von Sprachen im christlichen Gottesdienst verwendet: Griechisch in der byzantinischen Tradition; die verschiedenen Sprachen der östlichen Traditionen wie Syrisch, Armenisch, Georgisch, Koptisch und Äthiopisch; Paleo-Slawisch, das Latein des römischen Ritus und der übrigen westlichen Riten.

In all diesen Sprachen werden stilistische Formen etabliert, die sie von der „normalen“ oder populären Sprache unterscheiden. Oft ist diese Trennung Folge einer sprachlichen Entwicklung in der gemeinsamen Sprache, die dann in der liturgischen Sprache aufgrund des heiligen Charakters keine Aufnahme findet.

Doch im Fall des Lateins als Sprache der römischen Liturgie hat es von Anfang an gewisse Trennungen gegeben: Die Römer sprachen nicht im Stil des Kanons oder der Messgebete. Sobald in der römischen Liturgie das Griechische durch das Latein ersetzt wurde, wurde eine stark stilisierte Sprache geschaffen, die dem Gottesdienst diente und die für einen durchschnittlichen Christen von Rom in der Spätantike schwer verständlich gewesen wäre.

Außerdem hätte die Entwicklung der christlichen „Latinitas“ die Liturgie nur für die Menschen in Rom oder Mailand besser zugänglich machen können, jedoch nicht unbedingt für diejenigen, deren Muttersprache Gotisch, Keltisch, Iberisch oder Punisch war. Dennoch, dank dem Ansehen der Kirche von Rom und der einigenden Kraft des Papsttums, wurde das Latein die einzigartige liturgische Sprache des Christentums, und folglich eine der Grundlagen der westlichen Kultur.

Der Abstand zwischen dem liturgischen Latein und der Volkssprache wurde mit der Entwicklung der nationalen Kulturen und Sprachen in Europa immer größer, ganz zu schweigen von den Missionsgebieten. Diese Situation förderte die Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie nicht, weshalb das Zweite Vatikanische Konzil die Verwendung der Muttersprache ausweiten wollte, da sie bereits zu einem gewissen Grad in den vorangegangenen Jahrzehnten in der Feier der Sakramente eingeführt worden war (Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“, Art. 36, Nr. 2). Gleichzeitig betonte das Konzil, „der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben” (ebd., Art. 36, Nr. 1, vgl. auch Art. 54.).

Allerdings hatten die Konzilsväter sich nicht vorgestellt, dass die heilige Sprache der westlichen Kirche durch die Muttersprache völlig ersetzt werden würde. Die sprachliche Zersplitterung des katholischen Gottesdienstes wurde so weit vorangetrieben, dass viele Gläubige heutzutage kaum mehr ein „Paternoster“ zusammen mit anderen Gebeten rezitieren können, wie das auf den internationalen Zusammenkünften in Rom und auch anderswo offenkundig wird.

In einem Zeitalter, das von großer Mobilität und Globalisierung geprägt wird, könnte eine gemeinsame liturgische Sprache als Band der Einheit zwischen den Völkern und Kulturen dienen, abgesehen davon, dass die lateinische Liturgie ein einzigartiger geistlicher Schatz ist, der das Leben der Kirche seit Jahrhunderten genährt hat. Zweifellos trägt Latein zum „heiligen und stabilen Charakter bei, die viele zur alten Verwendung zieht“, wie Benedikt XVI. (am 7. Juli 2007) in seinem Brief an die Bischöfe anlässlich der Veröffentlichung des „Summorum Pontificum“ schrieb. Mit der breiteren Verwendung der lateinischen Sprache, einer ganz legitimen, jedoch wenig genutzten Wahl, könnte in der Messfeier nach dem Messbuch von Paul VI. diese Heiligkeit in einer stärkeren Weise als bislang offenkundig werden (ebd.).

Schließlich ist es notwendig, den heiligen Charakter der liturgischen Sprache in der Volkssprache zu erhalten, wie das bereits mit beispielhafter Klarheit bei der Instruktion der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung für die Übersetzung der liturgischen Bücher „Liturgiam Authenticam“ 2001 vermerkt wurde. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser Anweisung ist die neue englische Übersetzung des römischen Messbuchs, das im Laufe dieses Jahres in vielen englischsprachigen Ländern eingeführt werden wird.

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Der Oratorianer Pater Uwe Michael Lang ist Mitglied der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung und Berater des Amtes für liturgische Feiern des Papstes.

[Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Czupy]