Wie der Bioethik ihre religiösen Wurzeln abhanden kamen

Interview mit Priester und Arzt Joseph Tham

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2. November 2007 (ZENIT.org).- Nachrichten über die Herstellung hybrider Embryonen in England und die Debatte in den Vereinigten Staaten über die Verwendung von Embryonen in der Forschung und zum Klonen, all dies deutet darauf hin, dass bei Themen, die das menschliche Leben betreffen, nach einer säkularen Agenda vorgegangen wird.



Priester, Arzt und Bioethiker P. Joseph Tham LC hat sich in seiner Doktorarbeit „The Secularization of Bioethics: A Critical History“ („Die Säkularisierung der Bioethik – ein kritischer historischer Abriss“) eingehend mit dieser Frage befasst. Er betrachtet die neuesten Entwicklungen als eine Folge des aktuellen Trends, die Religion aus der gesellschaftlichen Sphäre zu verdrängen.

P. Tham ist auch Autor von „The missing Cornerstone – Der abhanden gekommene Eckstein“, einem Buch über natürliche Familienplanung. Er unterrichtet an der Fakultät für Bioethik der Päpstlichen Universität Regina Apostolorum in Rom.

ZENIT: Könnten Sie uns etwas über die religiösen Wurzeln der Bioethik sagen?

P. Tham: Seit Menschengedenken ist die Religion integraler Bestandteil der ärztlichen Ethik. Neuere Studien haben erwiesen, dass auch der hippokratische Eid aus einer religiösen Gemeinschaft hervorgegangen ist, die von Pythagoras gegründet wurde.

Im Westen standen die Gründung von Krankenhäusern und die Sorge um die Kranken eindeutig unter dem Einfluss des Christentums. Es gibt eine lange Tradition medizinischer Ethik, die sich seit dem Mittelalter auf die Sakramente und die Tugenden stützt.

Viele Sittenkodices, zu denen sich die Ärzte heute bekennen, verdanken wir ohne Zweifel der christlichen Inspiration. Und Katholiken haben bis vor kurzem sehr anspruchsvolle Handbücher über Ethik in der Medizin verfasst.

Wenn man sich die Vorreiter der Bioethik ansieht, die Ende der Sechzigerjahre in den USA entstand, stellt man fest, dass es in der Mehrheit Geistliche oder sehr religiöse Menschen waren.

ZENIT: Wie kam es dazu, dass die Bioethik ihren transzendenten Bezug verlor?

P. Tham: Zum Teil kam es daher, dass seit der Aufklärung immer wieder Versuche unternommen wurden, um Religion aus allen Bereichen der Gesellschaft zu eliminieren. Das lässt sich sehr deutlich in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Recht, Philosophie und im Bildungswesen erkennen.

Die meisten Menschen würden dem zustimmen, dass Europa und viele Länder der Welt sehr diesseitsbezogen geworden sind, und Benedikt XVI. kommt wiederholt auf diesen Tatbestand zu sprechen.

Was in den Sechziger- und Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts passierte, war, dass viele Theologen und Religionsethiker sich von der Transzendenz verabschiedeten. Ohne sich dessen bewusst zu sein, gaben sie der säkularen Kultur nach, die auf sie einen erheblichen Anpassungsdruck ausübte.

ZENIT: Könnten Sie einige Gründe dafür nennen, weswegen sie sich von ihren religiösen Grundlagen abkehrten?

P. Tham: Die Ursachen sind komplex, und einige von ihnen liegen, wie gesagt, am kulturellen Milieu der damaligen Zeit. Sie werden sich erinnern, dass die Sechzigerjahre irgendwie verrückte Zeiten waren. Zwei Dinge, die sich in dieser Zeit ereigneten, scheinen mir besonders folgenschwer gewesen zu sein: zum einen die Säkularisierung der Universitäten und zum andern die damaligen theologischen Diskussionen.

Viele „Ivy League“-Universitäten (eine Gruppe renommierter Universitäten im Nordosten der USA), wie zum Beispiel Princeton, Yale und Harvard, waren ursprünglich Gründungen protestantischer Denominationen. Ursprünglich wurde an diesen Hochschulen die Religion praktiziert und gefördert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch gaben viele von ihnen, teils wegen wirtschaftlicher Zwänge, teils um im zunehmend pluralistischen Umfeld nicht mehr als engstirnig und nicht weltoffen genug zu gelten, ihre christliche Identität auf.

Katholische Kollegs und Universitäten wurden ebenfalls von diesem Wunsch befallen, ihr Image als „konfessionsgebundene“ Einrichtungen abzuschütteln. So wurden viele höhere Bildungsanstalten von ihren religiösen Wurzeln getrennt. Dieses Thema wird heute immer noch unter katholischen Erziehern heftig diskutiert; davon zeugen die Schwierigkeiten, die bei der Befolgung der Apostolischen Konstitution Ex corde ecclesiae von Johannes Paul II. auftreten.

Da die meisten Bioethiker in diesem akademischen Umfeld ausgebildet wurden, gingen viele von ihnen zusammen mit ihren Ausbildungsstätten den Weg in Richtung Säkularisierung.

Die Sechzigerjahre waren auch eine Zeit der theologischen Experimente und Kontroversen. Um die Jahrhundertwende wurden die protestantischen Denominationen in die Probleme der Entmythologisierung der Heiligen Schrift, den protestantischen Liberalismus, die „Social Gospel Bewegung“ und die Theologien vom „Tod Gottes“ verwickelt. Ihr katholisches Gegenstück waren ungefähr zur gleichen Zeit der Modernismus und der Semirationalismus. All diese Tendenzen traten in den Sechzigerjahren in führenden theologischen Strömungen in den Vordergrund.

Das Zweite Vatikanische Konzil bemühte sich im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Postmodernismus, viele dieser Themen anzusprechen. Doch ein noch einschneidenderes Vorkommnis, das die Entwicklung der Moraltheologie stark beeinflusste, kam hinzu: die Kontroverse um die Empfängnisverhütung, besonders im Zusammenhang mit dem Erscheinen der Enzyklika Humanae vitae im Jahr 1968.

ZENIT: Wie wirkte sich diese Enzyklika auf die Bioethik aus?

P. Tham: Wie Sie sich wohl erinnern werden, wurde „Humanae vitae“ von vielen Katholiken nicht gut aufgenommen. Ungefähr 600 Theologen unterzeichneten einen Protestbrief, der von Pater Charles Curran aufgesetzt worden war. Diese Reaktion untergrub zweifellos die Autorität der Kirche, wenn sie sich zu Fragen der Moral äußerte.

Die Folge dieser Zurückweisung der offiziellen Lehre der Kirche war, dass viele Theologen begannen, die Naturrechtslehre zu kritisieren; besonders ihr Insistieren darauf, dass es objektiv moralisch Böses gibt und auch absolute Normen.

Aus dieser Unzufriedenheit mit der Lehre der Kirche entstand das, was sich „new morality“ oder „proportionalism“ nannte. In Deutschland sprach man beispielsweise von „autonomer Moral“ und von „Konsequentialismus“ oder „konsequentialistischer Moral“, was seitdem in vielen Seminarien und theologischen Fakultäten herumspukt. Diese Entwicklung war es, die Johannes Paul II. besonders im Auge hatte, als er seine Enzyklika Veritatis splendor (1994) auf den Weg brachte. Aber das Problem bleibt in vielen Teilen der Kirche weiter bestehen.

ZENIT: Ist die Bioethik davon direkt beeinflusst worden?

P. Tham: Ganz sicher. Der „Proportionalismus“ oder „Konsequentialismus“ neigt dazu, die Konsequenzen einer moralisch zu bewertenden Handlung und die jeweilige Lebenssituation zu betonen. Wenn man das zu weit treibt, könnte man damit die Abtreibung oder die Euthanasie rechtfertigen, mit der Begründung, dass sie mehr gute als schlechte Auswirkungen haben. Das sind die Gründe, die heute in vielen bioethischen Debatten vorgebracht werden; das ihnen zugrunde liegende Prinzip lautet: Das Ziel heiligt die Mittel.

Tatsache ist, dass viele Väter der Bioethik desillusionierte Katholiken waren, die sich von den kirchlichen Strukturen lossagten, um alternative weltliche Institutionen zu gründen, und dabei den Input der Theologie – das, was die Theologie zu geben hat – hintanstellten.

ZENIT: Könnten Sie uns einige Namen nennen?

P. Tham: André Hellegers zum Beispiel. Er war Gynäkologe und Mitglied der Päpstlichen Kommission für Geburtenkontrolle. Dieses Gremium war eingesetzt worden, um dem Papst Informationen für die Entscheidung zu liefern, ob die Pille ethisch vertretbar ist oder nicht. Hellegers war sehr enttäuscht über „Humanae vitae“ und gründete schließlich das „Kennedy Institute of Ethics“ in Georgetown.

Daniel Callahan war Herausgeber des „Commonwealth Magazin“. Auch er war über die Enzyklika empört, und wurde zum Mitbegründer des „Hastings Center“. Sowohl das „Kennedy Institute“ als auch das „Hastings Center“ waren in den frühen Jahren der Bioethik von großem Einfluss.

Albert Jonsen, Warren Reich und Daniel Maguire waren alle ehemals Priester, die Bioethiker wurden. Sie alle waren auf ihrem Wissenschaftsgebiet weithin als säkular orientiert bekannt.

ZENIT: In Ihrer Dissertation erwähnen Sie, die Bioethik habe einen „säkularisierenden Effekt“ auf Theologen gehabt…

P. Tham: Ja, ein eklatantes Beispiel dafür ist Joseph Fletcher. Er begann in den 1950er-Jahren über dieses Thema zu schreiben, zu einer Zeit also, als das Wort „Bioethik“ noch gar nicht existierte. Damals war er Priester der Episkopalkirche. Aber spätestens in den 1980ern hatte er seinen Dienst quittiert und wurde Atheist, Humanist und Mitglied der „Euthanasia Society“.

Schließlich befürwortete er nicht nur die Euthanasie, sondern auch Zwangssterilisation, Infantizid (Kindestötung), eugenische Programme und reproduktives Klonen. Er ging sogar so weit, die Erzeugung von Hybriden aus Mensch und Tier und die Herstellung von Chimären oder Cyborgs („cybernetic organisms“) vorzuschlagen, um Soldaten oder Arbeiter zu produzieren oder Organe zu ernten.

Er starb schließlich als erklärter Atheist.

ZENIT: Gibt es eine Zukunft für die Religion in der Bioethik?

P. Tham: Eine säkulare Bioethik, also eine Bioethik ohne Religion, gilt für viele rechtschaffene Menschen als unangemessen, besonders, wenn gewisse Universitätsprofessoren so abscheuliche Ideen wie Kindestötung und Eugenik in die Welt setzen. Außerdem ist es vielen Menschen nicht wohl dabei, dass die Bioethik, wie sie heute in Erscheinung tritt, nicht in der Lage ist, sich der Fragen nach dem Wesen des Menschen, nach dem Sinn von Leid und Tod, der Frage danach, was zu einem geglückten Leben gehört, nach Gesundheit und den Zielen der Medizin anzunehmen.

Religion befasst sich mit all diesen Themen seit Jahrhunderten. Von da her scheint ein Hoffnungsschimmer für die Theologie aufzuleuchten, dass sie in Zukunft eine markantere Rolle in der Bioethikdebatte wird spielen können. Das ist allerdings eine große Herausforderung. Dazu sind theologisch kompetente Bioethiker vonnöten und damit auch die Wiedererlangung einer soliden, verlässlichen Forschung, besonders an den religiös geprägten Universitäten.

Ich habe den Eindruck, dass sich allmählich das Blatt zu wenden beginnt – dank einer neuen Generation von Laien und Geistlichen, die bereit und gewillt sind, dieser säkularen und relativistischen Geisteshaltung entgegenzutreten.