Wie der Wind sich hebt

Der offiziell letzte Animationsfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki stellt ein Novum dar: Erstmals erzählt er aus dem Leben einer historischen Persönlichkeit, des Flugzeugbauers Jiro Horikoshi

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 351 klicks

Der 1941 geborene japanische Regisseur Hayao Miyazaki, der 1985 das Ghibli-Studio gründete, gilt als Pionier in Sachen Animationsfilm. Der japanische Regisseur wurde im Jahre 2005 beim Filmfestival Venedig als erster Animationsfilm-Regisseur mit dem Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Drei Jahre zuvor war ihm eine ähnliche Pionierleistung gelungen: Mit „Chihiros Reise ins Zauberland“ wurde zum ersten Mal bei einer Berlinale (2002) der Goldene Bär an einen Animationsfilm verliehen. Hayao Miyazaki öffnete den Animationsfilm für ein erwachsenes Publikum. Nicht zuletzt durch seine Einwirkung auf den Gründer der Pixar-Studios John Lasseter – der 2009 ebenfalls in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt – kann der japanische Regiealtmeister als der einflussreichste Animationsregisseur überhaupt angesehen werden.

Nun hat Miyazaki seinen Rückzug aus dem Regiefach angekündigt. Vier Jahre nach seinem letzten Film „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“ (siehe Filmarchiv) präsentiert er seinen offiziell letzten Film „Wie der Wind sich hebt“, der allerdings ein Novum darstellt: Erstmals erzählt Hayao Miyazaki in einem Film aus dem Leben einer historischen Persönlichkeit, des Flugzeugbauers Jiro Horikoshi (1903-1982), basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des Dichters Tatsuo Hori. Während Japans Taisho-Ära (1912-1926) entscheidet sich der junge Jiro, Flugzeugdesigner zu werden. Er träumt davon, nach seinem italienischen Vorreiter Gianni Caproni – mit dem er durch eine Freundschaft über Ort und Zeit hinweg verbunden ist – ein Flugzeug zu bauen, das so wundervoll fliegt wie der Wind. In den 1920er Jahren beginnt Jiro denn auch, bei einem japanischen Ingenieursbüro zu arbeiten.

Bald überzeugt er mit seinen neuartigen Ideen seinen Vorgesetzten Herr Kurokawa, der ihn nach Deutschland schickt, um mit Hugo Junkers zu kooperieren. Mit den in Deutschland gemachten Erfahrungen wird Jiro Horikoshi später die Mitsubishi A6M Zero entwerfen, die zum japanischen Kampfflugzeug des Zweiten Weltkriegs schlechthin werden sollte. Mit ihm wurde etwa im Jahre 1941 der Überraschungsangriff auf Pearl Harbor geflogen. „Wie der Wind sich hebt“ erzählt darüber hinaus Jiros Liebesgeschichte zu Nahoko, die er während des verheerenden Erdbebens von Kanto 1923 kennenlernt. Eine tragische Liebesgeschichte, denn Nahoko leidet an Tuberkulose.

Die kriegerische Verwendung von Jiros Erfindung wird bereits in der Anfangssequenz vorweggenommen: In seinem Traum, in dem ihm sein großes Vorbild Gianni Caproni erscheint, verwandeln sich die Flugobjekte in Bomben abwerfende Kampfflugzeuge, die alles zerstören. Zu den möglichen Interpretationen seines Filmes in Bezug auf den Krieg führt Hayao Miyazaki aus: „Unser Protagonist Jiro engagiert sich im Flugzeugdesign zu einer Zeit, als sich das Japanische Reich auf seine Zerstörung und ultimativen Niedergang zubewegt. Dennoch ist es weder die Intention des Films, den Krieg zu verurteilen, noch Jugendliche mit der Exzellenz des Zeros zu beeindrucken. Ich habe auch nicht die Absicht, die Hauptfigur zu verteidigen, indem ich zum Beispiel behaupte, er hätte eigentlich zivile Flugzeuge erfinden wollen.“ Für den japanischen Regisseur geht es vielmehr um die Geschichte eines Menschen, „der seine Träume verfolgt, koste es was es wolle. Träume besitzen ein Element des Wahnsinns und solch ein Gift soll nicht verschleiert werden. Die Sehnsucht nach etwas zu Schönem kann einen ruinieren. Jiro wird schließlich besiegt, seine Designkarriere kommt zu einem Ende. Dennoch war Jiro ein Talent von herausragender Originalität. Dies ist es, was wir mit dem Film zeigen wollen.“

Ähnlich früheren Miyazaki-Filmen – von „Nausicäa – Aus dem Tal der Winde“ (1984) bis „Das wandelnde Schloss“ (2004) – stellt auch der Beginn von „Wie der Wind sich hebt“ den Traum vom Fliegen in den Mittelpunkt. Die eigentümlichen Flugobjekte in Jiros Träumen, die sich um den italienischen Flugpionier Gianni drehen, erweisen sich als ein Widerhall der magischen Flugwesen, die in den erwähnten Filmen Miyazakis die Lüfte kreuzten. Dennoch weicht die phantastische Eingangssequenz einer realistischen Darstellung des damaligen Japans. Dazu sagt Miyazaki selbst: „Ich möchte die Architektur nicht durch Sepiatöne verschleiern; folglich werden kräftige ostasiatische Farben der Moderne dominieren. Die Straßen sind holprig und uneben. Schilder und Plakate ergeben ein chaotisches Bild. Durcheinander gewürfelte Strommasten sind überall.“

Miyazakis Film handelt nicht nur von der japanischen Geschichte zwischen etwa 1920 und 1950. „Wie der Wind sich hebt“ stellt auch andere Bezüge beispielsweise zur deutschen Kultur her, so etwa als Jiro einem Auslandsdeutschen mit dem Namen Castorp begegnet. Dieser trägt nicht nur den Namen der Hauptfigur aus Thomas Manns „Der Zauberberg“. Darüber hinaus zitiert dieser auch aus diesem Roman. „Wie der Wind sich hebt“ erweist sich als ein würdiger Film für Hayao Miyazakis Abschied vom Filmemachen. Anders als seine früheren Animationsfilme über phantastische Wesen aus der japanischen Mythologie nimmt sich Miyazakis neuester Film als ein komplexes Werk aus, das vielschichtige geschichtliche Fragen anspricht.

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Filmische Qualität: Vier Sterne (max. fünf Sterne)
Regie: Hayao Miyazaki
Land, Jahr: Japan 2013
Laufzeit: 126 Minuten
Genre: Animation
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --

im Kino: 7/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.