Wie ein Wachposten Gottes

Kardinal Bertone in einer Pfarrpredigt über das Vertrauen Gottes in uns

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ROM, 2. August 2012 (ZENIT.org). – Kardinal Tarcisio Bertone, Staatssekretär des Vatikans, hielt gestern zur Abendmesse in der Pfarrkirche von Introd (Aostatal) eine Predigt über den heiligen Eusebius von Vercelli, Schutzpatron der Region Aostatal, dessen liturgisches Fest am ersten August begangen wird. Im Folgenden geben wir in eigener Übersetzung einen Artikel wieder, den der „Osservatore Romano“ über die Ansprache des Kardinals veröffentlichte.

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Im Einsatz für die Neuevangelisierung entdecken wir das große Vertrauen, das Gott in uns setzt, indem er uns in die Welt schickt, um unter den Menschen unserer Zeit das Evangelium zu verkünden, wie die ersten Apostel es mit den Heiden taten.

Deshalb ruft der Herr jeden Einzelnen, braucht unsere Kraft, unsere Fähigkeiten, unsere Gaben, um seine Pläne zu verwirklichen. Die Predigt, die Kardinal Tarcisio Bertone, Staatssekretär des Vatikans, für die Gläubigen der Pfarrgemeinde von Introd hielt, ist eine Aufforderung, das Vertrauen in die menschlichen Fähigkeiten wiederzuentdecken, die Erstaunliches vollbringen, wenn sie im Dienste Gottes eingesetzt werden. Die kleine Gemeinde in der Region Aostatal, in der sich der Kardinalstaatssekretär zur Zeit für seinen Sommerurlaub aufhält, feierte gestern den liturgischen Gedenktag des heiligen Eusebius von Vercelli, des Schutzheiligen der Region.

Jeder Einzelne, betonte der Kardinal, sei ein unersetzbares Werkzeug für die Ausbreitung des Glaubens an allen Orten, in jedem familiären und gesellschaftlichen Umfeld. „In diesem Licht erkennen wir die große Bedeutung der von Benedikt XVI. gemachten Ankündigung eines ‚Jahres des Glaubens‘, das im kommenden Oktober, fünfzig Jahre nach Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, beginnen soll. Es wird ein wichtiges Jahr werden, ein Jahr des Dienstes am Menschen, im Einklang mit dem Schöpfungsplan Gottes“, so Kardinal Bertone.

Um auf authentische und bewusste Weise der Neuevangelisierung zu dienen, braucht man vor allen Dingen „eine große Liebe zu Gott“. Aber, betonte der Kardinal weiter, „Wir müssen uns auch auf vielfältige Weise bemühen, die zahlreichen Schätze unserer Kultur und unseres Glaubens, die vielen von uns abhandengekommen und deshalb fast unkenntlich geworden sind, durch eine wahrhaft christliche Erziehung wiederzuentdecken.“

Zu Bemühungen dieser Art rufe auch die erste Lesung der gestrigen Messe auf, die dem Buch des Propheten Ezechiel entnommen ist und von der „schweren Verantwortung“ handelt, „die ein jeder trägt: jene zu warnen, die Fehler begehen.“

Hier lasse die Heilige Schrift deutlich den Wunsch Gottes erkennen, „uns als eine Gemeinde zu sehen, die bemüht ist, sein rettendes Wort weiterzugeben; eine Gemeinde, die ohne Furcht das Evangelium verkündet; eine Gemeinde, die wächst, sich durch die Einhaltung der Gesetze des Herrn stärkt und die Großartigkeit und Allgemeingültigkeit des christlichen Planes bezeugt, in Einheit und aufrichtiger brüderlicher Liebe zueinander.“

Daher die Bedeutung des Lebenswerks von Bischof Eusebius, mit dem Kardinal Bertone sich besonders verbunden fühle, da er selbst als einer seiner Nachfolger den Bischofssitz von Vercelli innegehabt und sich als bischöfliches Motto einen Spruch aus den Schriften gerade dieses Heiligen ausgesucht habe: „Fidem custodire, concordiam servare“ (den Glauben bewahren, die Eintracht behalten). Eusebius sei „mit seiner Art zu denken, zu handeln und den Glauben zu bezeugen ein großes Vorbild sowohl als Hirte als auch im Glauben. Auf ihn passt die Seite des Evangeliums, die vom ‚guten Hirten‘ spricht.“

Der Hirte, der seine Schafe weidet, zeige uns die Aufgabe eines Menschen, der eine Machtposition bekleidet und seine Pflicht mit Verantwortungsbewusstsein erfüllt, im Unterschied zum Söldner, der nur einen Beruf ausübe. Macht ausüben, so der Staatssekretär, bedeute „sich um die Menschen zu kümmern, die Schwachen und Armen zu beschützen und im Bild des ‚guten Hirten‘ die Königswürde Christi erleuchten lassen.“

In Christus trage auch der Bischof Verantwortung für das ihm anvertraute Volk, „und dies ist seine Pflicht, sein Amt im Dienste der Mitmenschen, die er zur Fülle des Lebens und der Freiheit führen soll, die Gott für den Menschen als sein Geschöpf gewollt hat.“

Durch seine Väterlichkeit und seinen seelsorgerischen Eifer sei Eusebius nicht nur Bischof von Vercelli gewesen, sondern ein „Bischof der Welt“. Er habe „das Evangelium überall und mit allen Mitteln verkündet“, sagte der Kardinal. „Bischof zur Zeit der Konzile und Synoden“, sei Eusebius „nie lange zuhause geblieben“. Er habe „beschwerliche Reisen auf sich genommen, Gefahren, Unverständnis und Anfeindungen ertragen, um das Evangelium und das Heil Christi überallhin zu tragen.“

Deshalb sei an Eusebius „der unbezähmbare Mut eines ‚Wachpostens Gottes‘“ zu bewundern, „der nicht nur ein Wegweiser auf dem Weg des Glaubens ist, sondern auch ein starker Rettungsanker in den Stürmen, die der Glaube inmitten der Probleme des menschlichen Alltags überstehen muss.“

Gerade dieser Mut zum Glauben sei es, aus dem „das piemontesische Volk jene geistigen und ethischen Werte bezog, die heute so erstrebenswert sind: die Herzlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, die gegenseitige Hilfe in der Suche nach der Wahrheit, die innere Ruhe und Kraft in allen schwierigen Lebenslagen, die Versöhnung mit sich selbst und dem Leben.“

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]