"Wie ein weiser Großvater"

Papst Franziskus über seinen Vorgänger. Offener Brief an Benedikt XVI. von einem Theologiestudenten

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 1172 klicks

Mehr als fünf Monate sind seit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. vergangen. Mit dem Amtsverzicht „entsagte“ er am 28. Februar jeglichen Privilegien, die er als Kirchenoberhaupt inne hatte, und kündigte an, die verbleibende Zeit bis zu seinem Tod in Klausur zu verbringen. Der Akt der Entsagung ist mit der Entkleidung des Franz von Assisi vor seinem Vater verglichen worden. Der spätere Ordensgründer überreichte diesem seine Kleider und demonstrierte so öffentlich den Verzicht auf das väterliche Erbe.

Die Befürchtungen mancher Beobachter, dass die Parallelexistenz von zwei Päpsten unter „einem Dach“ Regierungskonflikte verursachen könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Der emeritierte Benedikt XVI. gelobte seinem Nachfolger bedingungslosen Gehorsam und führt heute, wie angekündigt, ein äußerst zurückgezogenes Leben im vatikanischen Kloster „Mater Ecclesiae“. Der Sechsundachtzigjährige, geistig noch frisch, aber körperlich merklich gealtert – die enormen Anstrengungen des fast achtjährigen Pontifikats zeigen erst nachträglich ihre Auswirkung - lasse sich nur selten im Vatikan blicken, heißt es. Jedoch dringt nichts Genaueres über seinen gesundheitlichen Zustand, seine sporadischen Kontakte und täglichen Beschäftigungen durch die dicken Vatikanmauern. Der totale Rückzug Benedikts aus dem öffentlichen Leben schließt auch die Medien mit ein.

Papst Franziskus hat immer wieder bestätigt, dass das Verhältnis zu seinem Vorgänger herzlich und unkompliziert ist. Einen „Bruder“ nannte er ihn, als sie gemeinsam in der Hauskapelle in Castel Gandolfo bei der ersten offiziellen Begegnung am 23. März unmittelbar nach dem Konklave beteten. Das Bild der beiden in stiller Eintracht demütig niederknienden Pontifices ging rund um die Welt. Es war ein historisches Bild. Freilich erwartete niemand eine Ehrenhaft für den Emeritus, mit der Cölestin V. nach seiner freiwilligen Abdankung regelrecht bestraft wurde. Sein Nachfolger Bonifaz VIII. sah, solange Cölestin V. am Leben war, die Gefahr eines Kirchenschismas, die er unbedingt bannen wollte.

Was die menschliche Beziehung zwischen dem heutigen amtierenden Papst und seinem emeritierten Vorgänger außerhalb ihrer institutionellen Rolle betrifft, so stand jedoch keineswegs vonvornherein fest, dass sich diese einmal so harmonisch und fruchtbar gestalten würden. Zumal diese beiden Pontifices als Personen und in der Gewichtung und Ausübung ihres Hirtenamtes so unterschiedlich sind. Auf der einen Seite der scheue, vergeistigte „Traditionalist“, auf der anderen Seite der offene, unkonventionelle Argentinier, der von vielen als Revolutionär auf dem Petrusthron gefeiert wird.

Von Anfang an hat Papst Franziskus versucht, seinen Vorgänger miteinzubinden und die Erinnerung an sein Werk und seine Person trotz Klausur wach zu halten. Sein erster Gedanke und Gruß auf der Benediktionsloggia des Petersdoms galt dem abgedankten Benedikt XVI., für den er die Gläubigen aufrief zu beten. Neulich zitierte er ihn als „wunderbares Vorbild“ und lobte seine Entscheidung, als wollte er diejenigen versöhnen, die den Rücktritt Benedikts XVI. mit Unverständnis aufgenommen hatten. Beim Angelusgebet am 30. Juni sprach Papst Franziskus von der Notwendigkeit zu lernen, auf sein eigenes Gewissen zu hören. Benedikt XVI. hätte über das Gebet Gott zu sich sprechen lassen. Gott hätte ihm zu verstehen geben, welchen Schritt er zu tun hatte. Er hätte mit großer Einsicht und Mut seinem Gewissen gefolgt, das heißt dem Willen Gottes.

Als schönstes Zeichen der Kontinuität zwischen den beiden Pontifikate darf aber die kürzlich herausgegebene Enzyklika „Lumen Fidei“ gelten. Diese trage zwar Franziskus’ Namen, sei aber größtenteils von Ratzinger verfasst und von Bergoglio nur überarbeitet und ergänzt worden. „Sie ist ein von vier Händen geschriebenes Werk“, betonte Papst Franziskus ausdrücklich.

Bei der auf dem Rückflug aus Brasilien jüngst gehaltenen Pressekonferenz wurde Papst Franziskus sogar sehr persönlich und spontan. Unter den vielen neugierigen Fragen der mitreisenden Journalisten rund um die aktuellen Probleme des Pontifikats fiel auch die Frage nach dem Verhältnis zu dem „Mitpapst“.

Hier wiederholte er, dass für ihn die Anwesenheit Benedikts XVI. kein Problem darstelle, ganz im Gegenteil. Er würde ihn äußerst schätzen. „Ich war sehr glücklich, als er zum Papst gewählt wurde. Als er auf sein Amt verzichtet hat, war das für mich ein Zeichen der Größe.“ Benedikt XVI. sei für ihn ein „Mann Gottes“: Er sei demütig und bete viel, und er sei ein Mann von außerordentlicher Intelligenz.

„Einige hatten den Einwand gebracht, dass man nicht zwei Päpste im Vatikan haben könne! Macht er nicht eine Gegenrevolution?“, erinnerte Franziskus lachend. Benedikt sei ein kluger Mann, der sich überhaupt nicht einmische. Es sei, als habe man den Großvater im Haus, beschreibt er sein Verhältnis zu Benedikt. „Einen weisen Großvater, den ich anrufen und um Rat fragen kann, wenn ich ein Problem habe.“ Hierbei fällt unweigerlich der Gedanke auf den Vatileaks-Skandal und die minuziösen Aufzeichnungen darüber, die Benedikt XVI. seinem Nachfolger im März als schweres Erbe überreichte. Bergoglio gab zu, deswegen verschiedene beratende Gespräche mit seinem Vorgänger gehalten zu haben.

„Ich habe ihm mehrfach gesagt, Heiligkeit empfangen Sie Leute, führen Sie Ihr Leben, kommen Sie zu uns!“ Einen gemeinsamen Auftritt hatte es ja vor wenigen Tagen bei der Einweihung einer Statue des Erzengels Michael in den vatikanischen Gärten gegeben. Aber Benedikt zöge meistens die Stille und Ruhe seiner Klausur vor.

In diesem Zusammenhang möchten wir einen offenen Brief an Papst em. Benedikt XVI. publizieren, der von einem italienischen Theologiestudenten zu seinem Namenstag am 19. März verfasst wurde. Er spiegelt die Gefühle vieler Katholiken in den Wochen nach der epochemachenden Abdankung und der Wahl des neuen Papstes wieder. Aber er ist auch eine stille Huldigung an den für uns unsichtbar und unerreichbar gewordenen Benedikt XVI., die das Zenitteam vor der Sommerpause noch einmal wiederholen möchte.

Offener Brief an Papst Benedikt XVI.

Mein sanftmütiger Benedikt,

diese Tage sind seltsam, wissen Sie. Es herrscht eine eigenartige Atmosphäre hier im Lande.

Die Euphorie ist groß, die Welt scheint plötzlich im Umbruch zu sein. Vielleicht findet ein solcher wirklich statt, ich würde es mir wünschen. Dennoch vermag ich nicht glücklich zu sein.

Das spielt keine Rolle. Aber ich würde gerne verstehen, warum das so ist. Heute Nacht habe ich versucht, in mein Herz hineinzuhorchen. Da ich leider nicht Eure Heiligkeit besitze, kann ich all das nicht mit derselben Gelassenheit angehen.

Während ich mit der Schlaflosigkeit kämpfte, verstand ich plötzlich den Grund für diese subtile Traurigkeit. Die Hauptursache für diesen Seelenschmerz ist meine Undankbarkeit. Vielleicht ist das das größte Übel eines jeden Menschen. Und es ist unter all den Übeln dasjenige, das mich weniger Mensch sein lässt. Wir sind alle begeistert von der wiederentdeckten Armut in diesen Tagen. Aber wir haben aufgehört, an Sie zu denken, der Sie doch in diesem Moment der Ärmste von allen sind.

Sie haben die Einsamkeit und Stille gewählt. Ihre Armut zeigen Sie nicht gerne der Welt. Weil Sie nie Ihre Tugenden zur Schau stellen wollten. Sie haben sie hingegen in unseren Dienst und der der Kirche Christi gestellt. Sie haben Ihre Tugenden auf so diskrete und unpersönliche Weise gelebt, dass sie nicht einmal die Ihre zu sein schienen.

Wie undankbar und lieblos ich zu Ihnen war! Ich habe an Ihrer Entscheidung gezweifelt, war einen Augenblick geneigt, sie als Feigheit auszulegen. Jedoch leuchten diese Tage noch von Ihrer Größe. Tatsächlich klären sie diese, wenn auch auf unsichtbare Weise. Eure Heiligkeit hat das Schweigen, die Klausur gewählt.

Welche Größe, wie viel Mut. Keine Eigenliebe. Nur das Kreuz. Und wir fahren fort, ständig zu vergleichen. Verglichen haben wir Sie mit Ihrem geliebten Vorgänger Johannes Paul II., während Sie schweigend denkwürdigen Seiten über das Kirchenlehramt schrieben.

Wir vergleichen Sie noch jetzt, während Sie in Ihrer freiwilligen Klausur Ihre schönste Enzyklika verfassen. Die über die Demut. Heute ist Ihr Namenstag, geliebter Benedikt. Bitte vergeben Sie mir meine Undankbarkeit, vor allem meinen Mangel an Glauben.

Ich wünsche Ihnen glückliche Tage. Ich will versuchen, Papst Franziskus ein besserer Sohn zu sein als ich es für Sie war.

In Christus

Ivan Quintavalle

Ivan Quintavalle studiert an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Der Brief erschien erstmals am 18. März auf seinem Facebookprofil und wurde u.a. in der Juniausgabe der Universitätszeitung „Notizie dall’Apollinare“ gedruckt.