"Wie kann eine solche Kirche heilig sein?"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 474 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus ganz Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Ansprache stellte der Papst die Heiligkeit der Kirche in das Zentrum seiner Betrachtungen. Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus besondere Grüße an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das im „Credo“ formulierte Bekenntnis: „ich glaube an […] die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ enthält das Adjektiv „heilig“. Dabei wollen wir heute verweilen; mit diesem Wort bekunden wir unsere Anerkennung der Heiligkeit der Kirche. Diese Eigenschaft war bereits im Bewusstsein der ersten Christen verankert, die schlichtweg als „die Heiligen“ bezeichnet wurden (vgl. Apg 9,13.32.41; Röm 8,27; 1 Kor 6,1), denn sie waren von der Gewissheit getragen, dass das Wirken Gottes, der Heilige Geist, die Kirche heiligt.

Bei dem Gedanken an die vielen Schwierigkeiten, Probleme und dunklen Augenblicke der Kirche auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte stellt sich jedoch die Frage, worin ihre Heiligkeit besteht. Wie kann eine Kirche heilig sein, die aus Menschen, Sündern – sündigenden Männern und Frauen, sündigenden Priestern und Ordensfrauen, sündigenden Bischöfen und Kardinälen und einem sündigenden Papst – besteht? Alle sind Sünder. Wie kann eine solche Kirche heilig sein?

In Anlehnung an eine Stelle aus dem Brief des hl. Paulus an die Christen von Ephesus möchte ich eine Beantwortung dieser Frage versuchen. Der Apostel behauptet am Beispiel der familiären Beziehungen, dass „Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen“ (5,25-26). Christus hat die Kirche geliebt und sich am Kreuz hingegeben. Das bedeutet, dass die Kirche heilig ist, da sie von Gott ausgeht. Dieser ist heilig, hält ihr die Treue und überlässt sie nicht der Macht des Todes und des Bösen (vgl. Mt 16,18). Sie ist heilig, da Jesus Christus, der Heilige Gottes (vgl. Mk 1,24) untrennbar mit ihr verbunden ist (vgl. Mt 28,20). Sie ist heilig, da der läuternde, verwandelnde und erneuernde Heilige Geist ihr Führung gibt. Sie ist nicht aufgrund unserer Verdienste heilig. Vielmehr wird sie von Gott geheiligt und ist eine Frucht des Heiligen Geistes und dessen Gaben. Nicht wir heiligen sie. Gott, der Heilige Geist, heiligt die Kirche in seiner Liebe.  

Ihr könnt mir Folgendes sagen: Tag für Tag wird uns vor Augen geführt, dass die Kirche aus Sündern besteht. Und es ist wahr: Wir sind eine aus Sündern zusammengesetzte Kirche; und als Sünder sind wir dazu berufen, uns von Gott verwandeln, erneuern und heiligen zu lassen. Im Laufe der Geschichte kam es zur Versuchung durch einige, die behaupteten, die Kirche sei allein die Kirche der Reinen, der vollkommen Kohärenten, und die anderen seien zu entfernen. Das ist nicht wahr! Das ist eine Irrlehre! Die heilige Kirche begegnet den Sündern nicht mit Zurückweisung; wir werden nicht alle zurückgewiesen; die Kirche weist uns nicht zurück, sondern ruft uns, nimmt uns auf und ist auch den am weitesten Entfernten offen. Sie ruft uns alle dazu auf, uns von der Barmherzigkeit, der Zärtlichkeit und der Vergebung des Vaters umgeben zu lassen, der allen die Möglichkeit gibt, ihm zu begegnen und den Weg der Heiligkeit zu gehen. „Aber Vater, ich bin ein Sünder. Ich habe schwere Sünden begangen. Wie kann ich mich als Teil der Kirche begreifen?“ Lieber Bruder, liebe Schwester. Genau das wünscht sich der Vater: Dass du zu ihm sagst: „Verzeih mir. Hilf mir dabei, meinen Weg zu gehen, verwandle mein Herz!“. Und der Herr vermag es, das Herz zu verwandeln. In der Kirche ist der Gott, dem wir begegnen, kein erbarmungsloser Richter, sondern wie der Vater des Gleichnisses aus dem Evangelium. Du kannst wie der Sohn sein, der das Haus verlassen hat, der in die Tiefe der Gottesferne gelangte. Wenn du die Kraft hast zu sagen: Ich will nach Hause zurückkehren, so wirst du die Türe offen vorfinden; Gott kommt auf dich zu, weil er immer auf dich wartet. Gott erwartet dich immer! Er umarmt dich, küsst dich und feiert ein Fest.“ So ist der Herr, so ist die Zärtlichkeit unseres himmlischen Vaters. Der Herr will, dass wir Teil einer Kirche sind, die ihre Arme öffnen kann, um alle darin aufzunehmen. Sie ist nicht das Zuhause einiger weniger, sondern aller. Sie ist der Ort, an dem alle erneuert, verwandelt und geheiligt werden von seiner Liebe, die Stärkeren, Schwächeren, Sünder, Gleichgültigen und jene, die sich entmutigt und verloren fühlen. Die Kirche bietet uns allen die Möglichkeit, den Weg der Heiligkeit zu beschreiten, den Weg des Christen: Sie lässt uns Christus begegnen: in den Sakramenten, vor allem in der Beichte und in der Eucharistie. Sie teilt uns das Wort Gottes mit und schenkt uns die Barmherzigkeit, die Liebe Gottes zu allen Menschen. Betrachten wir daher die folgende Frage: Lassen wir uns heiligen? Sind wir eine Kirche, die die Sünder ruft, mit offenen Armen aufnimmt und ihnen Mut und Hoffnung schenkt, oder sind wir eine in sich selbst verschlossene Kirche? Sind wir eine Kirche, in der die Liebe Gottes lebendig wird und in der wir einander mit Achtsamkeit begegnen und für einander beten?

Betrachten wir noch folgende letzte Frage: Ich bin ein schwacher, zerbrechlicher und sündiger Mensch. Was kann ich tun? Gott gibt folgende Antwort darauf: Hab keine Angst vor der Heiligkeit, hab keine Angst davor, nach Höherem zu streben, die Liebe und die Läuterung Gottes zu erfahren. Hab keine Angst, dich vom Heiligen Geist führen zu lassen. Lassen wir uns von der Heiligkeit Gottes anstecken. Jeder Christ ist zur Heiligkeit berufen (vgl. Dogm. Konst. „Lumen Gentium, 39-42); die Heiligkeit besteht nicht vordergründig darin, Außergewöhnliches zu vollbringen, sondern darin, Gott wirken zu lassen. Sie liegt darin, auf Gottes Handeln zu vertrauen, der mit seiner Gnade unserer Schwachheit zu Hilfe kommt. Kraft dieses Vertrauens leben wir in der Barmherzigkeit und vollbringen alles zur Herrlichkeit Gottes und im Dienst am Nächsten mit Freude und Demut zu tun. An dieser Stelle möchte ich einen berühmten Satz des französischen Schriftstellers Léon Bloy zitieren. In den letzten Augenblicken seines Lebens sagte er: „Es gibt nur einen Grund zur Traurigkeit im Leben: den Umstand, dass wir nicht heilig sind.“ Lasst uns die Hoffnung auf die Heiligkeit nicht verlieren; beschreiten wir alle diesen Weg. Wollen wir heilig sein? Der Herr erwartet uns alle mit offenen Armen. Er erwartet uns, um uns auf diesem Weg der Heiligkeit zu begleiten. Leben wir voll Freude unseren Glauben; lassen wir uns vom Herrn lieben! Bitten wir Gott um dieses Geschenk im Gebet, für uns und für die anderen.“