Wie kann man ungeborene Kinder verteidigen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 452 klicks

Es würde mich freuen, wenn Sie auf meine Ungewissheit antworten würden, die ungewöhnlich erscheinen mag, aber, für mich ernsthaft und wichtig ist. Es interessiert mich, in welchem Maße sich der einzelne für den Schutz des (ungeborenen) Lebens (eines anderen Einzelnen) einsetzen soll. Wäre es normal und wünschenswert, wenn ich wüsste, dass irgendwo eine Abtreibung beabsichtigt wird, dorthin zu gehen und nicht zulassen (sei es auch mit Gewalt!), dass dies geschieht, und selbst wenn man deshalb ins Gefängnis müsste. Jedenfalls, würde das den Staub in der Öffentlichkeit aufwirbeln und auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen.

Ich überlege mir, wenn ich erfahren würde, dass irgendwo in Kroatien zum Beispiel Menschen   mit Glatze verfolgt werden, auch selber verlangen würde, eingesperrt zu werden (auch wenn ich nicht kahlköpfig bin), um den Opfern zu helfen und auf diese Weise gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen. Und deshalb frage ich mich, ob es nicht meine Pflicht ist, ungeschützte ungeborene vor Tötung zu schützen?

Ein verwirrter und unsicherer, aber trotziger Student 

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Ich nehme an, dass du ein katholischer Christ bist, deshalb unterhalte ich mich mit dir als mit einem Gläubigen, der menschliche Werte versteht, und den christlichen den Vorrang gibt. In zwei Abschnitten: - denken wir zunächst an einige wichtige ethische Grundsätze, ohne die wir die Richtlinien zur Durchführung nicht verstehen werden;  - betrachten wir danach auch die Richtlinien der möglichen Durchführung.

1. Gewisse ethische Grundsätze. Mit Recht quält dich die Ungerechtigkeit, weil die Würde jeder menschlichen Person nicht gleichermaßen geachtet wird. Ob die Person erwachsen ist, oder sich erst im Anfangsstadiumihrer Entwicklung, als Embryo, befindet: besitzt jede die gleichen Menschenrechte. Das erste davon ist Recht auf Leben; gleichermaßen eines schwachen betagten Menschen und eines empfangenen Kindes, das von Beginn der Verknüpfung der männlichen und der weiblichen Gamete an, menschliches Einzelwesen (Individuum) ist, das als Person behandelt werden muss.Durch Aufhebung dieses Rechtes, der betagte Mensch, für die „Gesellschaft unnütz“ und der empfangene Embryo/Fötus „neue Belastung für die Gesellschaft“, sind zum Tode verurteilt. Und, kein Mensch (Vater, Mutter, Arzt-Chirurge, Gesetzgeber) ist dazu berechtigt, auszuwählen und zu entscheiden, dass das Kind im Mutterleib leben oder durch Abtreibung sterben soll, auch dürfen (Frau, Kind, Verwandte, Ärzte, Freunde) nicht über das Leben eines unheilbarkranken Menschen verfügen und seinen Tod durch Anwendung der Euthanasie herbeiführen.

Die Wahl und die Entscheidung über das Leben und über den Tod des Menschen gehören ausschließlich dem absoluten Herrn, d.h. dem Schöpfer. Nur Gott, in dem wir „leben, wir uns bewegen und in dem wir sind“ (Apg 17, 28), ist der Herr über Leben und Tod.

Die Würde des menschlichen Lebens ist nicht an sein Anfangs- oder Endstadium gebunden: Embryo, Kindesalter, Präadolszenz und Asoleszenz, reifes Jugendalter, Mittelalter oder Mensch im betagten Alter, alle haben die gleiche Würde und die gleichen Menschenrechte, begründet auf der Natur der gleichen Würde. Jeder ist zur ewigen Gemeinschaft mit Gott bestimmt in Erkenntnis und der Liebe. Hier auf der Erde „Gottes Ehre ist der lebendige Mensch“, und in der Ewigkeit „das Leben des Menschen besteht im glückseligen Gottschauen“ (hl. Irenäus). So ist der Embryo/Fötus, wie auch der Erwachsene (du und ich),  zum ewigen Leben bestimmt, wodurch auch dieses irdische Leben seinen vollen Sinn erhält.

Heutzutage, verhalten sich leider viele Staaten so, als würden sie dem Menschen seine Menschenrechte „schenken“ oder „zuschneiden“, als würden diese Rechte nicht noch vor den staatlichen Rechten existieren. Menschenrechte sind prästaatlich und prägesetzlich, jedem Menschen angeboren, und keinesfalls dem Menschen durch das staatliche Gesetz „geschenkt“. Der Schöpfer hat sie in die menschliche Natur eingepflanzt. Einzelne Staaten treten nicht selten Menschenrecht mit Füssen, und achten nur diejenigen, die sie selbst „bestimmen“ (gesellschaft- liche, politische, wirtschaftliche...). Wie bestimmen sie diese Rechte? Sie berücksichtigen das Naturrecht nicht, sondern bestimmen die Rechte eigenwillig, nach dem „Willen der Mehrheit“, oder, wie es einer Regierung gefällt. Deshalb „verfügt jeder über das eigene Leben“, wie er will, und Mutter (Vater, Arzt und andere...) über das „Leben des ungeborenen Kindes“, Angehörige über das Leben des Schwerbehinderten, des unheilbar Kranken usw. Solches Vorgehen der Manipulierung mit dem Menschen betrachtete das römische Recht vor 2000 Jahren (das Gott der Offenbarung nicht kannte), aufgrund des gesunden Menschenverstandes und der normalen Schlussfolgerungen, als „schweren Delikt“ gegen den Menschen. Die heutigen Gesetzgebungen haben die Werte auf den Kopf gestellt, und haben Delikte als „Rechte“ proklamiert: „Recht der Mutter“, eigenes Kind zu töten, „Gesellschaftsrecht“, Geburten einzuschränken, „Regierungsrecht“, Sterilisierung der gebärfähigen Frauen vorzuschreiben und ähnliches.

Die heutigen Gesetzgebungen lassen sich nicht von der Wahrheit, die in der Natur der Würde der Person eingepflanzt ist, leiten. Es herrscht, weit weg von Gott, völlige Autonomie der modernen laizistischen Gesellschaft, des ethischen Subjektivismus und Relativismus. Wir leben im Zeitalter der Demokratie. Sie besteht in einem politischen Regierungssystem. Dieses System schließt das ganze Volk ein, sei es durch eine direkte Herrschaft durch die Bürger, sei es durch Machtdelegation an parlamentarische Vertreter. Sie kann verschiedene Formen haben (präsidiale, halbpräsidiale, parlamentarische). Ihre Aufgabe ist es, ein gutes Mittel (Instrument) des Regierens zu sein, im edelen Dienen den eigenen Bürgern, und nie selber Zweck zu sein. Ihre Ethik muss in der Achtung des sittlichen Naturgesetzes bestehen. Deshalb müssen zivile Gesetze, die in einer Demokratie beschlossen werden, im Einklang mit dem sittlichen Naturgesetz oder Naturrecht stehen, und aus ihm hervorgehen. Leider verwirft der so genannte Rechtspositivismus, seit der Französischen Revolution bis heute, das sittliche Naturgesetz als Grundlage für die Gesetzgebung. Und diese Form befolgen alle heutigen Demokratien.

Die Lehre der Kirche ist anderes und kann nicht geändert werden. Es ist die Rede vom Verhältnis der zivilen Gesetze irgendeines Staates, einerseits, und des sittlichen Naturgesetzes oder Naturrechtes, andererseits. Wie ist dieses Verhältnis? Die Aufgabe der zivilen Gesetze ist es, das Gemeinwohl der Personen zu sichern. Das Gesetz schafft das, indem es fundamentale Menschenrechte anerkennt und verteidigt, den Frieden fördert und sichert, öffentliche Moral verteidigt usw. Wir Katholiken müssen wissen, dass ein Zivilrecht nur dann legitim ist, wenn es auf dem Naturgesetz begründet ist. Wenn es dem Naturgesetz widerspricht, ist es kein Gesetz mehr, sondern Missbrauch der Autorität. Demzufolge sind beispielsweise die Gesetze, die die Abtreibung und Euthanasie „legalisieren“, Geburteneinschränkung befehlen, Sterilisation vorschreiben, den Minderjährigen „Pille des zweiten Tages“ auferlegen und ähnliches, nicht verpflichtend. Solche Gesetze widersprechen dem Naturgesetz und damit auch dem fundamentalen und ersten Recht des Menschen auf Leben. Sie können deshalb nicht im Gewissen verpflichten, weil sie gegen eigenes Wohl des Menschen und gegen das Wohl der ganzen Gesellschaft gerichtet sind. Demzufolge besitzen solche Gesetze keinen rechtlichen Wert. Der Katholik ist verpflichtet, sich solchen Gesetzen zu widersetzen, wenn das möglich ist, ihre Wirkungskraft einzuschränken, und er darf bei ihrer Schaffung und Verbreitung nicht mitwirken. Der Grundsatz ist klar: ein Katholik darf nie direkt in ethisch üblen Handlungen mitwirken, mit der Absicht solcher unmoralischen Gesetze einverstanden sein und ähnliches.

Der Katholik muss immer die Möglichkeit haben, nicht mitzumachen, sagen wir, durch “Gewissenseinwand“, was das gleiche Zivilgesetz vorsehen und garantieren muss.

2. Richtlinien zur Durchführung. Erstens, die Katholiken sollen nicht, wenn sie das irgendwann getan haben, Menschenrechte mit Gewalt verteidigen oder sogar mit physischer Gewalt. Unsere Waffe ist sozial-sittlich-spirituell: offenbartes Wort Gottes; Leben und Werk, Leiden, Tod, Auferstehung Jesu Christi; Gnade und Tapferkeit des Heiligen Geistes; Soziallehre der Kirche; Beispiel von Millionen der katholischen Heiligen und Märtyrer, die für die Gerechtigkeit und die Wahrheit Gottes gestorben sind. Nun, die Kirche ist Gemeinschaft der Glaubenden. Sie darf als Gemeinschaft, und manchmal muss sie, durch ihre Organe, Bewegungen organisieren „pro life - für Leben“, für „Kultur des Lebens“ und „Kultur der Liebe“, und auf diese systematische Weise einen sozial-moralischen Druck auf den Gesetzgeber ausüben.

Zweitens, um nur einige totalitäre Systeme aus der Geschichte zu erwähnen, die unseren Glauben und die Moral verfolgt haben: das Römische Reich, das Osmanische Reich, Französische Revolution, Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus... Heutzutage entwickelt sich einer der gefährlichsten Totalitarismen: dieser fördert nicht die „Kultur des Lebens“ und die „Kultur der Liebe“, sondern die Kultur „anti-life - gegen Leben“ und die „Kultur des Todes“, indem für diese Zwecke unglaubliche Geldsummen weggeworfen werden, während ein Drittel der Menschheit am Abend ins Bett ohne Abendessen gehen muss (unzählige Menschen haben Kein Bett zum Schlafen, unglaubliche Szenen derer, die auf dem Steinpflaster der Großstädte schlafen müssen). Die Kirche arbeitet gegen Elend und Armut mit Hilfe von  Caritas, Missionen, Schulen, Katechismus, Presse, Kommunikationsmittel überhaupt – wie viel es möglich ist, über wohltätige Institutionen, also, durch vielfältige soziale Arbeit, und immer vom Opfer und Gebet begleitet - vor allem jener kleinen Seelen, die anderes nicht helfen können. Die Kirche lebt in der Regel von den Gaben der Gläubigen, und hat nicht das große Geld zur Verfügung, um teuere und außerordentliche Aktionen zu finanzieren, obwohl die heutige Art zu evangelisieren das erfordern würde. Ihre Waffe ist und bleibt vor allem sozial-sittlich-spirituell.

Drittens, den Menschen auf eine gute, vernünftige, noch mehr, kluge Weise ermahnen, das ist in vielen Umständen unsere heilige Pflicht. Offenbarung Gottes, in der Bibel enthalten und vom Lehramt der Kirche erläutert, gibt uns viele Anweisungen. Erinnern wir uns an manche von ihnen: „Wer einen anderen zurechtweist, findet schließlich Dank, mehr als der Schmeichler“ (Spr 28, 23). „Besser offener Tadel als Liebe, die sich nicht zeigt. Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, doch trügerisch die Küsse eines Feindes“ (Spr 27, 5-6). An einer anderen Stelle: „Tadele nicht ehe du geprüft hast; Zuerst untersuche, dann weise zurecht“ (Sir 11, 7). „Stell den Freund zur Rede, ob er etwas getan hat, und wenn er es getan hat - damit er es nicht wieder tut... Trau nicht jedem Wort... Stell deinen Nächsten zur Rede, ehe du ihm Vorwürfe machst. Gib dem Gesetz des Höchsten Raum“ (Sir 19, 13-17). Jesus fordert uns beim Matthäus zur brüderlichen Ermahnung auf: „Wenn dein Bruder sündigt, dann gehe zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“ (Mt 18, 15-17).

Also, mit solchen Maßstäben der Klugheit Gottes und der menschlichen Vernunft, im reinen und guten Gewissen, nicht im Zorn, im negativen Affekt, in Drohungen, immer unter gegebenen Umständen, muss jeder von uns sich bemühen und sich für die Verteidigung des unschuldigen Lebens unter dem Mutterherz oder in der letzten Krankheit einsetzen, wenn der betreffende sich in Gefahr befindet. Viele Krankenschwestern in den Kliniken und Ambulanzen, auch Ärzte, haben nicht nur eine Frau oder ein Mädchen von der Abtreibung des eigenen Kindes abgebracht. Ich wiederhole, dazu benötigt man Vernunft, Klugheit, und dann Tapferkeit, Liebe und entschiedenen pädagogisch-psychologischen Takt. Das ist, was die chirurgischen Abtreibungen betrifft. Und, was ist mit den chemischen Abtreibungen, die mit Hilfe von Pillen verschiedener Art ausgeführt werden, mit Spirale und mit anderen Mitteln? Auch hier sind wir verpflichtet, brüderlich, human und christlich zu helfen, wenn wir dazu die Möglichkeit haben. Größer ist die Gefahr, dass wir in solchen Fällen aus falscher Rücksicht schweigen. Haben wir keine Angst. In einen solchen „Kampf“ müssen wir mit reiner Seele und mit dem Gebet im Herzen gehen. Gott wird uns das richtige Wort eingeben und die rechte Weise zeigen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 279 - 282)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.