Wie Kinder dem Tod begegnen

Sterbende Kinder und Jugendliche suchen vor allem nach Normalität

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 446 klicks

Ulrich Laws ist Klinikseelsorger an der katholischen Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln und betreut Betroffene und ihre Familien. „Ich möchte sterbenden und gestorbenen Kindern eine Stimme geben“, begann er seinen Vortrag beim 11. Nordwestdeutschen Hospiztag am 4. Juni 2013. Kann eine Erkrankung nicht mehr geheilt werden, setzt die Palliativmedizin ein, um „die Lebensqualität des Patienten zu erhalten, Schmerzen zu lindern“. Bundesweit sind, so schätzt man, 22.000 Kinder und Jugendliche lebenslimitierend erkrankt. Das Kinderpalliativzentrum Datteln begleitet totkranke Kinder und Jugendliche, ihre Eltern und Geschwister auf ihrem schwierigen gemeinsamen Weg.

Beate Alefeld-Gerges, leitende Mitarbeiterin im „Trauerland Bremen“, fordert Eltern und Angehörige auf, offen mit den Kindern über den Tod zu sprechen: „Kinder haben da keine Berührungsängste.“ 

„Sterbende Kinder und Jugendliche suchen vor allem nach Normalität. Das bedeutet für sie Stabilisierung“, erklärt Pfarrer Laws. Wichtig sei, nichts zu beschönigen, sondern ehrlich und aufrichtig zu sein. Vielmehr sollten die Eltern dem sterbenden Kind offen ihre Gefühle zeigen und mitteilen: „Du bist für mich/uns wichtig und wirst es immer bleiben. Wenn du gehen willst, darfst du gehen. Erlaube mir/uns, traurig zu sein. ... Und sie brauchen nicht selbst gläubig zu sein. Aber sie müssen authentisch sein, denn sie haben bei Kindern und Jugendlichen nur eine Chance, keine zweite.“ 

„Wieso lässt Gott Tiere und Menschen sterben?“ Auf diese Frage solle man, so Laws weiter, offen antworten, auch wenn sich keine Antwort finden lasse, helfe man dem Kind, wenn es an seiner eigenen Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wut teilhaben lasse. Kinder spüren ganz deutlich, wie sehr ihre Familie unter der Situation leidet. Sie sorgen sich um die Familie, sie machen sich Gedanken über das Leben nach dem Tod. Deshalb müssten Eltern und Kindern gemeinsam lernen, das Sterben und den Verlust zu akzeptieren. Nicht „Loslassen“ sei das richtige Wort in diesem Zusammenhang, sondern „Zulassen“, erklärt Laws. „Das Zulassen des Todes ist schmerzhaft genug.“ Es gelte, „In der Annahme der Endlichkeit dem Leben zu begegnen.“

Sterbende Kinder äußerten meist ganz konkrete Wünsche, so Laws, die sie sich vor ihrem Tod erfüllen möchten: Fußball spielen, ein Fest veranstalten oder verreisen. „Daher wollen sie alles auskosten, etwas erleben. Da ticken sie wie alle anderen Kinder und Jugendlichen auch.“ Kinder seien dem Leben auch in der Nähe des Todes näher als Erwachsene.

„Die Bedürfnisse der Kinder verändern sich parallel zum Fortschreiten der Erkrankung. Gemäß dem Satz: ‚In ihren Schuhen stehen, mit ihren Augen sehen‘ ermutigen wir die im Deutschen Kinderhospizverein tätigenehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter, sich assistierend und liebevoll an die Seite der Kinder zu stellen: da zu sein, sich trauen Fehler zu machen, das Schöne und das Schwere mitzutragen. Indem wir versuchen, auf der Basis von Offenheit, Partnerschaftlichkeit und Integration im Dialog mit den Kindern ein Stück ihres Lebensweges mitzugehen, können Vertrauen und Zuneigung wachsen. Dies ist wohl die wichtigste Basis, damit die Themen Sterben, Tod und Trauer auch im Lebenszusammenhang der lebensverkürzend erkrankten Kinder ihren angemessenen festen Ort erhalten.“ 

Der Umgang mit dem Tod ist für uns Erwachsene häufig ein großes Tabuthema; eine natürliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist deshalb oft nicht möglich. Der Tod wird aus dem Alltag und Leben verdrängt und ausgeklammert. Aus diesem Grund fällt es vielen Erwachsenen in der Naherfahrung mit Tod auch so schwer, sich zu öffnen und sich dieser Erfahrung zu stellen.

Um den Dialog zu erleichtern, sollen deshalb bereits im schulischen Bereich Kinder und Jugendliche behutsam an das Thema herangeführt werden. Gerade das schulische Umfeld könne trauernden Kindern und Jugendlichen wichtigen Halt und Beistand geben. Der Tod eines Mitschülers überfordere oft viele Lehrkräfte. Der Deutsche Hospizverein erklärt: „Wünschenswert wäre eine Schule, in der die wichtigen Lebensthemen Sterben, Tod und Trauer ebenso ihren Platz zugewiesen bekommen wie Freude, Frohsinn und Leichtigkeit.“

Sprechen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen offen über den Tod, sind sie oftmals über die Unbefangenheit und das Interesse der Kinder überrascht. Kinder nähern sich dem Tod, indem sie viele Fragen stellen: „Wie ist es, wenn man tot ist? Wie geht es, dass der Körper unten bleibt und die Seele in den Himmel fliegt? Wie kommt es, dass man nicht von der Wolke herunterfällt? Kinder können durchaus als junge Philosophen betrachtet werden, die mit Entdeckerlust den wichtigen Lebensfragen nachgehen. Dazu gehören unbedingt die existenziellen Fragen des Lebens. (Deutscher Hospizverein)“