Wie Mose wird Benedikt XVI. betend auf den Berg steigen, um für die Kämpfenden Fürsprache zu halten

Eröffnung der geistlichen Exerzitien für den Papst und die römische Kurie durch Kardinal Ravasi

Rom, (ZENIT.org) | 1136 klicks

Wie Mose auf dem Berg, während sein Volk im Tal kämpft - mit diesem biblischen Bild hat Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Papst Benedikt XVI. vor der Eröffnung der geistlichen Exerzitien für den Papst und die Römische Kurie die Ehre erwiesen, indem er dieses alttestamentliche Ereignis mit dem Rücktritt des Papstes verknüpfte. Die Exerzitien begannen am Sonntagabend in der Kapelle „Redemptoris Mater“ des Apostolischen Palastes im Vatikan.

Im Namen aller Anwesenden gab Kardinal Ravasi seiner „Zuneigung“ Ausdruck, der „Dankbarkeit“ und „Bewunderung“ gegenüber dem zurücktretenden Papst. Mit Bezug auf das zitierte Alte Testament (vgl. Ex 17) führte er aus: „Wir bleiben im Tal, wo Amalek ist, wo der Staub ist, wo die Angst herrscht, Terror, Boshaftigkeit; wo aber es auch Hoffnung gibt, wo der Papst in den letzten acht Jahren ausgeharrt hat. Seit diesem Zeitpunkt wissen wir aber auch, dass auf dem Berg seine Fürsprache für uns stattfindet.“

Das Thema der diesjährigen geistlichen Exerzitien, gepredigt von Kardinal Ravasi, lautet „Ars orandi, ars credendi. Il volto di Dio e il volto dell’uomo nella preghiera salmica (Kunst des Betens, Kunst des Glaubens. Das Antlitz Gottes und das Antlitz des Menschen im Psalmen-Gebet). Wie Ravasi mit Verweis auf die Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola in Erinnerung rief, bestehe deren Aufgabe darin „das Gewissen zu erforschen“,  zu meditieren und „alle ungeordneten Anhänglichkeiten von sich abzustreifen“.

Der Kardinal zitierte dann eine Erfahrung der jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum, einem Holocaust-Opfer (schon von Benedikt XVI. während der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch erwähnt), die in ihrem Tagebuch in Auschwitz über die Herausforderung schrieb, in sich selber diese „tiefe Quelle“ entdeckt zu haben, in der Gott wohnt, die oft von Sand und Steinen verdeckt sei.

Gleichzeitig seien die Exerzitien für die Katholiken eine Möglichkeit „die Seele vom Schmutz zu reinigen, vom Schlamm der Sünde, vom Sand der Oberflächlichkeit, und vom Lärm des Geschwätzes, der vor allem in unseren Tagen unsere Ohren volldröhnt.“

Die Exerzitien, so fuhr der Bibelgelehrte fort, implizierten einen „Zugang“ (im griechischen sei genau dies die Bedeutung von „Exerzitium“), und gleichzeitig nährten sie die „Kreativität“ des Gebets, das natürlich auf theologischen Grundfesten basieren müsse.

Die zentralen Momente des Gebetes wurden von Ravasi mit vier Tätigkeiten zusammengefasst: 1) „atmen“; 2) „denken“; 3) „kämpfen“; 4) „lieben“.

Das Gebet sei in erster Linie das „Atmen“, besser gesagt, ein wesentlicher Glaubensakt, wie es das Atmen für das Leben sei. Kardinal Yves Congar habe dies in der Vergangenheit hervorgehoben: Das Gebet sei das Atmen, während die Sakramente die Nahrung seien.

„Denken“ sei ein nicht weniger wesentlicher Akt des Gebetes, in dem Moment, wo es nicht nur „Emotion“ oder „Instinkt“ sei, sondern zu einem Teil unseres „Strebens nach Gott“ werde. Der hl. Thomas von Aquin stelle diesbezüglich fest: „Das Gebet ist ein Akt der Vernunft, das das Streben des Willens auf denjenigen ausrichtet, der nicht in unserer Macht steht, sondern über uns“, also Gott.

Das Verb „kämpfen“, so Ravasi, erinnere an Jakob und den Engel, „das Hosea, Jahrhunderte später, als ein Gebet interpretiert“. Dem Propheten nach kämpfte Jakob mit dem Engel, „siegte, weinte und bat um Gnade“ (Hos 12, 5).

Das authentische Gebet bedeute Leiden und Unterwerfung vor Gott. Im Gebet existiere eine Art leidvolles Element, das aus der Schwierigkeit erwachse, den Willen Gottes zu verstehen, der „den Fluch hasst“. Da Gott aber „in der Tiefe lesen kann“, hört er eher auf einen Fluch, der mit Glauben im Herzen gesprochen wurde als auf viele „heruntergeleierte Gebete am Sonntagmorgen“.

Das vierte Wort sei „lieben“. Die Erfahrung Gottes als die Liebe ist dem Christentum Eigen, während die anderen Religionen ihn „nicht als so nahe verstehen, dass er umarmt werden kann“. Der christliche Gott bleibe kein ferner „Weltmotor“, wie ihn Aristoteles nannte, er „ist kein Gott ‚über‘ den man reden kann, sondern ‚zu‘ dem man reden will“, so Ravasi.

Aus diesem Grund sei für den Christen „das Gebet eine Dimension der liebenden Innigkeit, des Gesprächs“, das, wie Ravasi hervorhob, sich durch diese drei Phasen auszeichne: „das Atmen, das Denken und das Kämpfen“.

Eine fünfte Komponente, die in gewissem Sinn alle vier Worte zusammenhalte, sei das „Schweigen“. „Zwei Liebende“, erklärte Ravasi, „wenn sie alle Dimensionen der gegenseitigen Liebe erfahren haben, auch die Stereotype der Liebe, wenn sie wirklich verliebt sind, schauen sie einander in die Augen und berühren sich.“

Das Gebet sei im Endeffekt nichts anderes: „Es ist ein sich schweigendes In-die-Augen-Schauen, das wahre betende Betrachtung hervorruft“, so schloss der Bibelgelehrte.

Die geistlichen Exerzitien des Papstes und der Römischen Kurie schließen am Morgen des 23. Februar. Für die gesamte Dauer der Exerzitien sind alle Audienzen, auch die Generalaudienz, abgesagt.