Wie schwer fällt uns doch die Demut!

Von Msgr. Luciano Alimandi

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ROM, 12. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Der wahre Konflikt im Herzen des Menschen ist der Konflikt zwischen Demut und Stolz. Unser Herr Jesus kennt das Herz der Menschen genau, deshalb ruft sein Evangelium von Anfang bis zum Ende dazu auf, sich klein zu machen, arm zu sein vor Gott; und die erste der Seligpreisungen besagt: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3).



Sich darum zu bemühen „durch die enge Tür zu gelangen“ (Lk 13,24), bedeutet vor allem, demütig zu sein vor Gott und den Mitmenschen. Wer sich den anderen überlegen fühlt, ist auf dem falschen Weg, und dieser bringt uns zum „weiten Tor, das ins Verderben führt“ (Mt 7,13).

Es gibt eine Pforte zum Himmelreich, auf der geschrieben steht: „Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3). Wieviel kostet uns die Demut! Es ist vielleicht die Tugend, die uns am meisten kostet, gerade weil sie so wertvoll ist. Denn man gibt so viel, wenn man erniedrigt wird! Es geht so viel Zeit vorbei, bevor man um Vergebung bittet! Der Frieden zwischen zwei Konfliktparteien – ganz gleich, ob es sich um Einzelpersonen oder um Nationen handelt – ist so schwierig zu erlangen, da es „keinen Frieden gibt, wo es kein Vergeben gibt“ (Johannes Paul II.) – und Vergebung ist die Frucht der Demut!

Es gibt keine christliche Heiligkeit ohne radikale Demut, außerhalb jener Selbsterniedrigung des eigenen „Ego“, die zu dem Bewusstsein dazu führt, dass wir nichts sind ohne Jesus und ohne ihn nichts können. Der gute Verbrecher, die Frau von Kana, der Steuereintreiber… gehören zu den leuchtenden Figuren des Evangeliums, die uns immer wieder zeigen, dass nur die Demütigen Gottes Segen erhalten, angefangen bei der Demütigen im reinsten Sinne des Wortes, der Jungfrau Maria!

Das Evangelium zeigt uns auch Figuren, die der eigene Stolz verfinstert: Judas, Kaifa, Herodes, der Pharisäer aus dem Gleichnis, der junge Reiche… Es gibt eine Demarkationslinie, die das Evangelium durchquert: Auf der einen Seite befinden sich diejenigen, die bei Jesus sind, die arm sind vor Gott, und auf der anderen Seite die anderen, die zum Teufel gehören. Das Böse hat sie durch den Stolz hervorgebracht, während die Kleinen durch die Demut Jesu und Maria hervorgebracht wurden: das Lamm und die Magd.

Jeden Tag müssen wir die Demut von neuem suchen, wie eine wertvolle Perle. Es gibt unzählige Einladungen Christi in diesem Sinne: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten“ (Mt 20,16). „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mk 10,44). „Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29).

Welch wunderbare Beispiele der Demut liefert uns das Evangelium! Denken wir nur an den Täufer, der von sich selbst sagt: „Er (Jesus) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30), oder natürlich umso mehr die Mutter Jesu, die sagt: „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38), die auserwählt wurde, weil Gott „auf die Niedrigkeit seiner Magd“ geschaut hat (vgl. Lk 1,48).

Der Weg der Demut beginnt bei Jesus, der „Gott gleich“ war, aber nicht daran festhielt, „wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave …er erniedrigte sich …bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 6-9).

Für die Apostel war es nicht einfach, demütig zu sein und zu glauben – „weil euer Glaube aber nur so groß ist, wie ein Senfkorn“ (Mt. 17,20) – und dem Herrn bereitwillig zu folgen, was das genaue Gegenteil der Selbstgenügsamkeit bedeutet.

Davon wusste auch Simon Petrus, der erste einer langen Reihe von Päpsten, die sich „Diener der Diener Gottes“ nennen sollten. Aus seiner eigenen Erfahrung lernte er die wichtigste Lektion, so dass er schreiben konnte: „Alle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade“ (1 Petr 5,5).

Dies hatte er vor allem auch erfahren, nachdem er seinen Herrn verleugnet hatte: Wenn man den tiefsten Punkt erreicht und Reue zeigt, dann kann man dank des göttlichen Erbarmens eine bislang unvorstellbare Demut erlangen: die Demut desjenigen, der weiß, dass er allein durch Barmherzigkeit zur Gnade gelangen kann! Abgesehen vom freien Willen des Petrus scheint dies der Grund zu sein, weshalb er leugnete: Gott wollte, dass er noch demütiger sein sollte!

Auch Papst Benedikt XVI. sprach vor kurzem bei der Generalaudienz in seiner Katechese über die Figur des heiligen Aphrahat, einer großen Gestalt der syrischen Kirche des IV. Jahrhunderts, über die Demut und sagte: „Eine der Tugenden, die sich für den Jünger Christi am meisten ziemt, ist die Demut. Sie ist kein nebensächlicher Aspekt im geistlichen Leben des Christen: Die Natur des Menschen ist niedrig, und es ist Gott, der sie zu seiner Herrlichkeit erhebt. Die Demut ist kein negativer Wert, bemerkt Aphrahat: »Wenn die Wurzel des Menschen in die Erde gepflanzt ist, steigen seine Früchte vor dem Herrn der Größe auf« (Demonstratio 9,14). Bleibt der Christ demütig, kann er auch in der irdischen Wirklichkeit, in der er lebt, in eine Beziehung zum Herrn eintreten: »Der Niedrige ist niedrig, aber sein Herz hebt sich empor zu herausragenden Höhen. Die Augen seines Antlitzes beobachten die Erde, und die Augen des Geistes die herausragende Höhe« (Demonstratio 9,2)“ (Papst Benedikt XVI., Generalaudienz am 21. November 2007).

Die Demut Jesu und Mariens soll der Polarstern unseres Lebens sein, damit wir den Geist der so eben begonnen Adventszeit erleben können.

[Von der Nachrichtenagentur „Fides“ übernommene deutsche Fassung; geringfügige formale Änderungen durch ZENIT]