Wie sich Christus heute zu erkennen gibt: P. Raniero Cantalamessa zum Fest der Erscheinung des Herrn

Kommentar des Predigers des Päpstlichen Hauses

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ROM, 6. Januar 2007 (ZENIT.org).- In seinem Kommentar zum Fest der Erscheinung des Herrn (Jes 60,1-6; Eph 3,2-31.5-6; Mt 2,1-12) fordert P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, dazu auf, Jesus in den Armen zu erkennen. Sie seien besondere „Zeichen der Zeit“, die es zu schätzen gelte.



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Die Zeichen der Zeit

„Drei Wunder heiligen diesen Tag: Heute führte der Stern die Weisen zum Kind in der Krippe. Heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit. Heute wurde Christus im Jordan getauft, uns zum Heil.“ Mit diesen Worten fasst die Liturgie den Inhalt des heutigen Fests zusammen. Er besteht in der dreifachen Offenbarung Christi: gegenüber den Weisen, während der Hochzeit von Kana und bei der Taufe Jesu im Jordan. Was die Liturgie seit Alters her dazu veranlasst hat, diese drei Ereignisse in einem einzigen Fest zu vereinen und somit auch die ihnen gemeinsame Bedeutung von Erscheinung (auf Griechisch: epifania), ist, dass sich Jesus dabei immer mehr als derjenige zu erkennen gibt, der er wirklich ist, das heißt als Messias und Heiland.

Christus offenbart sich jedem Volk und jeder Kategorie Mensch, und zwar durch Zeichen, die ganz genau auf sie zugeschnitten sind und die sie verstehen können. Den einfachen Hirten schickt er einen Engel; den Weisen, die gewohnt sind, den Gang der Gestirne zu erforschen, einen Stern; den Juden, die an Zeichen hängen, gibt er ein Zeichen, das heißt ein Wunder: Er verwandelt Wasser zu Wein.

Mit welchen Zeichen offenbart sich Christus dem heutigen Menschen?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat große Aufmerksamkeit auf die „Zeichen der Zeit“ gelegt (vgl. Gaudium et Spes, 11). Zu ihnen zählte es den Sinn für die Solidarität und die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Völkern, den Ökumenismus unter den Christen, die Förderung des Laienstands, die Befreiung der Freu, den neuen Sinn der Religionsfreiheit.

Als Jesus von den „Zeichen der Zeit“ sprach, meinte er vor allem die messianischen Zeichen: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Gibt es auch heute solche Zeichen? Natürlich gibt es sie! Blinde, die durch den Kontakt mit dem Wort Gottes das Licht des Glaubens und der Hoffnung wieder neu entdecken; geistig (und vielleicht auch körperlich) Lahme, die sich aufraffen und wieder gehen; solche, die von sich selbst, vom Bösen oder von anderen Menschen gefangen gehalten worden sind, aber ihre Ketten abschütteln können – Menschen also, die durch die Macht Christi und seines Geistes umkehren und leben.

Eines dieser Zeichen hebt Jesus in besonderer Weise hervor: „Den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Lk 7,22). Ist es nicht ein Zeichen, dass in der Kirche diese gerade für die heutige Zeit so bezeichnende Sorge, dass die Frohe Botschaft zu den Armen gelange, lebendig ist? Vielleicht sind wir heute in der Lage, die Worte Jesu „Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer“ (Mt 26,11) neu zu verstehen – so, als würde er sagen: Wenn ich physisch nicht mehr unter euch weile, werden es die Armen sein, die mich verkörpern: Behandelt sie so, wie ihr mich hättet behandeln wollen!

Es mag den Anschein haben, dass das Evangelium die Armen nicht schnell genug erreicht, dass die Wege zu ihnen zu unsicher sind und nicht immer konsequent verfolgt werden. Aber es wäre ungerecht zu leugnen, dass in der ganzen Kirche ein besonderes Interesse, ein besonderer Eifer und – selbst das ist ein positives Zeichen! – Gewissensbisse hinsichtlich der Armen vorhanden sind, seien es nun Einzelpersonen oder ganze Völker. Es ist dieses neue Bewusstsein, das die Macht des Wortes Christi „erscheinen“ lässt.

Das sind einige Zeichen der Erscheinung des Herrn, die um uns herum weitergeht. Jedem ist es aufgetragen, diese Zeichen zu entdecken, sie in ihrem Wert zu schätzen und selbst ein Zeichen der Gegenwart Christi in der Welt zu werden!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]