Wie tickt die Kirche in Frankreich?

Interview mit Jean-Baptiste Maillard, Autor des Buches „Gott ist zurück"

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ROM, 20. Oktober 2009 (ZENIT.org).- Wie halten es die Franzosen mit dem, was ihren Glauben angeht? Gibt es objektive Gründe zu behaupten, das Christen heute alles zur Verfügung stehende tun, um „die Welt zu verändern“? Das Evangelium hat diese großartige „Macht“, behauptet Jean-Baptiste Maillard. Der Franzose ist Autor des Buches „Dieu est de retour" (Gott ist zurück). Sein Werk hat er anhand einer aktuellen Umfrage über den aktuellen Zustand der Kirche in Frankreich geschrieben. Was ist in der Kirche in Frankreich los? Für ZENIT sprach Gisèle Plantec mit ihm darüber.

ZENIT: Dieses Buch ist das Ergebnis einer Meinungsumfrage. Wollten Sie mit eigenen Augen sehen, was in der Kirche in Frankreich los ist? Was sind Ihre Eindrücke?

--Jean-Baptiste Maillard: Maillard: Ich habe festgestellt, dass die Kirche in Frankreich sich wohlfühlt, wenn sie evangelisiert. Viele ungeahnte Schätze gibt es in ihr! Stellen Sie sich ein Kabarett vor zur Evangelisierung: Das macht Pater Axel jedes Wochenende. Ich hatte die Ehre, ihn zu begleiten, und konnte so die Gegenwart Gottes an einem Ort entdecken, von dem ich es am wenigsten erwarten hätte. Und es ist wahr, Gott ist überall, Gott ist wieder zurück, und wir sind seine Zeugen! Was würden Sie sagen, wenn Sie einen trampenden jungen Seminaristen in ihr Auto aufnehmen würden, der Sie zu Jesus führen will und für Sie zu „Unserer Lieben Frau der Tramper“ beten würde? Oder wenn Ihnen während einer Wallfahrt nach Medjugorje mit Club Medj der Fahrer den Vorschlag machen würde, auf dem Motorrad nach Hause zu fahren, damit er im Bus Menschen mitnehmen kann, die noch nicht zum Glauben gefunden haben? Würden Sie einem jungen Rabbiner, der kürzlich zum Katholizismus konvertierte, glauben, dass er schon mit acht Jahren heimlich die Bibel gelesen habe? Können Sie sich vorstellen, einer Ordensschwester aus dem Zisterzienserinnenkloster Unserer Lieben Frau von Bonneval von Evangelisierung zu sprechen, die seit dreißig Jahren keine Berufungen mehr hatten? Und mehr noch, da ist diese neue Gemeinschaft der Gesellschaft der Missionare von der göttlichen Barmherzigkeit, die sich an die außerordentliche Form des Ritus angeschlossen haben - und für die der Bischof soeben zwei von zehn Seminaristen zum Priester geweiht hatte – damit sie Christus den Muslimen verkünden? Das alles sind Menschen, die ich in "Gott ist zurück" interviewt habe.

Die Feststellung ist ganz einfach: Christus kann allen verkündet werden, den Obdachlosen, Paaren, Kindern, Arbeitskollegen, Passanten … Und es funktioniert! Es gibt aufflammende oder diskrete Gespräche. Das heißt, „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter“ (Mt 9,37). „Die Kirche braucht eine Dynamik des Wachstums“, um die Worte von Pater Mario Saint Pierre, einem Doktor der Theologie zu gebrauchen, den ich zum Thema Ausbildung befragt habe. Dies gilt für alle Art von Evangelisierung: "Der Jünger steht nicht über seinem Meister" (Lk 6,40): Wenn Jesus geht, um jedes Schaf eins nach dem anderen zu suchen, müssen wir das Gleiche tun!

ZENIT: Welchen Rat würden Sie einem Christen, einem Priester oder sogar einem Bischof geben, der das Gefühl hat, dass die Kirche um ihn herum im Begriff ist, zu verschwinden?

--Jean-Baptiste Maillard: Maillard: Ich bin für diese Aufgabe wenig vorbereitet, aber wenn mich jemand um meinen Rat fragen würde, würde ich sagen, dass den Christen heute alles zur Verfügung steht, „die Welt zu verändern“. Das Evangelium hat diese großartige „Macht“. Gott kehrt in die Herzen unserer Zeitgenossen, die ihn früher abgelehnt hatten, zurück. Es gibt viele Anzeichen dafür, die das Tag für Tag bezeugen. Die Ernte der Seelen ist reichlich, es muss nur geerntet werden, d.h. verkündet werden. Einen Christen würde ich daran erinnern, dass er in Gefahr ist, wenn er alleine bleibt. Er sollte sich besser einer Kirchengemeinde anschließen oder einer Bewegung, in der die Evangelisation Priorität hat, damit er die Unterstützung seiner Glaubensgeschwister bekommt, und in Gebetsleben und Apostolat gefördert wird. Einem Priester würde ich raten intensiver zu dem zu beten, der sein Leben für ihn hingegeben hat und nach konkreten Möglichkeiten zu suchen, mit den Gläubigen den Bezirk zu evangelisieren, an den ihn der Herr gesetzt hat. Einem Bischof würde ich gerne sagen, dass seine Mission als Nachfolger der Apostel, ihn zum ersten Glied einer Kette der Evangelisation gemacht hat. Mit der Hilfe des Heiligen Geistes wird er die Kraft erhalten, weit ab von unseren Gewohnheiten neue Steinbrüche zu öffnen!

ZENIT: Was sind Ihrer Meinung nach die positivsten Anzeichen für die Vitalität der Kirche in Frankreich?

--Jean-Baptiste Maillard: Maillard: Schauen Sie sich diese Kinder an, die monatlich ihr „Missionspaket“ erhalten und ihre Umgebung, ja, sogar Ihre Mitschüler evangelisieren! Ist das nicht ein Zeichen für Vitalität? Überall gibt es unerkannte “Samen der Hoffnung”, die das Reich Gottes vorantreiben. Das ist, was ich mit dem Buch „Gott ist zurück“ zeigen wollte. Eine neue Generation von Katholiken ist dabei zu erwachen, wie das „Glorious“ [ein Entwurf zur Jugendpastoral] gut erklärt, und deren Formel in der Pfarrei „Lyon-Zentrum“ einen großen Erfolg erlebt. Ein weiteres Beispiel bietet das Festival „Verkündung“, das seit zwei Jahren in jedem Sommer mehr als dreihundert jungen Menschen eine erste Evangelisierungserfahrung in ihrem Einsatzgebiet ermöglicht: eine sehr bedeutungsreiche Initiative. Und vergessen wir nicht das internationale Marienfestival, das als ein „Zeichen“ der Erfüllung der Weissagung Marthe Robins interpretiert werden kann: Sie sah, wie sich Frankreich wieder erhebt und dabei auf die Hilfe der Jungfrau Maria zurückgreift. Aber für mich ist das positivste Zeichen die wachsende Zahl von Anbetungsorten genauso wie ein neues Bewusstsein für unsere primäre Aufgabe: die Verkündigung Christi.

ZENIT: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten, die Haupthindernisse in der Evangelisierung?

-- Jean-Baptiste Maillard: Maillard: Das größte Hindernis für die Evangelisierung sowie für die Heiligkeit ist der Mensch selber. Wie geht es unserer Beziehung zu Jesus? Nutzen wir wirklich die Sakramente, die er uns durch seine Diener gibt? Lassen wir uns in der Anbetung von ihm anschauen? In seiner Enzyklika "Redemptoris Missio" über die Mission Christi des Erlösers, das derzeit im Jahr der Priester äußerst aktuell ist, sagte Johannes Paul II., dass der Heilige der größte Missionar sei. Er zeigte außerdem auf, dass die Kontemplation der Motor der Evangelisierung sei. Es sei notwendig, dass die Realpräsenz und die Anbetung das Herzstück unserer Pfarreien, unserer Vorrichtungen und Sitzungen bildeten.

Jeder - und ich als Erster! - sollte sich daran erinnern, wie Papst Benedikt XVI. sagte, dass die Liebe die Seele der Mission sei. Wir müssen außerdem an der Türschwelle und in der Kirche, bis hinein in unseren Familien mehr lieben. Möglicherweise ist die Gnade des Zeitalters, in dem wir leben, die Fähigkeit, die Mission Christi, die er uns anvertraut hat, besser zu verstehen, sagt Schwester Anne-Claire in meinem Buch. Wir müssen uns demgegenüber „öffnen“.

ZENIT: In Europa geht im Allgemeinen die Zahl der Berufungen sowie die religiöse Praxis zurück. In einigen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens, ist der Anstieg im Gegensatz dazu überraschend. Glauben Sie, dass Europa eine Lehre daraus ziehen könnte? Evangelisieren diese Länder mehr?

-- Jean-Baptiste Maillard: Es ist wahr, dass diese Länder mit einer „neuen Jugendzeit“ vertraut sind. Dies verdanken sie wohl einer neueren Evangelisierung, während Europa auf spiritueller Ebene eine "alte Dame" ist. Das bedeutet, dass eine gegenseitige Bereicherung möglich ist.

Nehmen wir zum Beispiel Brasilien. Ich kenne zwar dieses Land nicht sehr gut, aber im Jahr 2007 durfte ich einen französischen Bischof begleiten, um neue Gemeinschaften zu besuchen. Obwohl alle sehr verschieden waren, war ich von ihrem missionarischen Eifer und der Anzahl der Berufungen beeindruckt. In all diesen Gemeinschaften hat mich die Existenz lebendiger Kapellen, die ständig von der betenden Präsenz seiner Mitglieder bewohnt waren, zum Nachdenken gebracht. Ich besuchte vor allem die Fernsehanstalt der Gemeinschaft Canção Nova, der eine nationale Frequenzwelle zusteht, und die nur von Spenden lebt, wie Zenit.

Sie wurde mit dem Ziel der Evangelisierung durch Medien ins Leben gerufen, nachdem sein Gründer sich mit dem apostolischen Schreiben von Papst Paul VI. "Evangelii Nuntiandi" beschäftigt hatte, das der Evangelisierung in der modernen Welt gewidmet ist (Benedikt XVI zitiert es in seiner jüngsten Enzyklika und in seiner Botschaft zum Weltmissionssonntag am 18. Oktober 2009).

Heute erreicht Canção Nova 50 Millionen Zuschauer und 2,5 Millionen Internet-Nutzer pro Woche. Bei der Organisation von landesweiten Veranstaltungen für junge Menschen werden die 70.000 Sitzplätze der Halle gefüllt. Aus diesem Beispiel können viele Lehren gezogen werden: Natürlich muss der Inhalt der brasilianischen Sendungen einem europäischen Publikum angepasst werden: Eine Inkulturation ist immer notwendig. Dies sollte aber nicht als Vorwand dienen, mit unseren heutigen Medien zufrieden zu sein und einfach den Glauben der „bereits existierenden“ Katholiken neu zu beleben. In diesem Fachbereich wäre es nötig, dass jedem Land eine Reihe von Medien der Evangelisierung in den nationalen Fernsehstationen, im Radio und Internet zur Verfügung stehen würde, um die Massen evangelisieren zu können.

Ein weiteres Beispiel: Ende September gab es in Brasilien ein diözesanes Ereignis für die Massenevangelisierung, das 14. "Hallel" (Halleluja), das erste Treffen christlicher Musik in Lateinamerika.

Ein französischer Seminarist studiert dort, der uns in Anuncioblog sagte: „Mit der Verstärkung durch katholische Künstler und zahlreiche Redner aus Brasilien sind während des ganzen Tages mehr als 200.000 Menschen an dem Ort vorbeigekommen. Die Veranstaltung wurde mit einer Messe feierlich eröffnet, in der der Erzbischof von Brasilien den Vorsitz hatte. Eine große Kapelle wurde für diesen Anlass eingerichtet, in der das Allerheiligste für die gesamte Dauer der Veranstaltung ausgesetzt war. Neben der Anbetungskapelle gab es einen Ort mit Beichtgelegenheiten, wo zwei oder drei Tausend Menschen sich mit Gott versöhnen konnten.

Alle pastoralen Bewegungen, Ordensgemeinschaften, neue Gemeinschaften und Pfarreien der Diözese waren anwesend, um ihren Glauben zu bezeugen und das Evangelium allen zu verkünden, die vorbeikamen.“

Dieses Konzept kam ursprünglich aus Frankreich, aber die Brasilianer konnten es mit einem neuen Eifer weiterentwickeln. Generell muss Europa lernen, wie sie, alle anzusprechen. Vor allem muss es lernen, sich von seinem Intellektualismus zu trennen. Frankreich war sehr kartesisch geblieben. Alles musste erklärt werden, sogar die großen Geheimnisse Gottes.

Aber jetzt lässt sich der Glaube nicht mehr erklären! Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, und es bedarf der Einwilligung eines jeden. Diese Gemeinschaften lehren uns: Wir müssen uns von der Liebe Gottes ergreifen lassen. Deshalb braucht die Evangelisierung in Frankreich und Europa einen Paradigmenwechsel bezüglich ihrer Methoden: Sie erfordert eine ausdrückliche, kerygmatische Verkündigung der frohen Botschaft vom Seelenheil allen unseren Zeitgenossen, die sich von Gott entfernt haben, ohne Ausnahme.

Wir können nicht in uns selbst, in unseren Pfarrgemeinden, Bewegungen und Vereinen eingeschlossen bleiben, sondern müssen uns im Geiste unablässig um alle Seelen kümmern, die in unserer Nähe, - etwa von Tür zu Tür – darauf warten, dass wir ihnen von Christus sprechen. Evangelisierung ist nicht eine Frage der Sensibilität oder gar der Emotionen. Evangelisieren bedeutet vor allem zu lieben. Eine Begegnung vorschlagen, die aus einer anderen Begegnung stammt. Und es bedeutet dem Ruf Christi zu folgen: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

[Das Interview führte Gisèle Plantec. Aus dem Französischen übersetzt von Susanne Czupy]