Wie unser Leben groß wird: Papst Benedikt XVI. über Rabanus Maurus

Gott Zeit schenken und den Tag des Herrn nicht vergessen

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ROM, 3. Juni 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.

Der Heilige Vater betrachtete das Leben und Wirken des heiligen Rabanus Maurus (* um 780 in Mainz; † 4. Februar 856 in Winkel im Rheingau), den er den Gläubigen als außerordentlich fleißigen „Exegeten, Philosophen, Dichter, Hirten und Mann Gottes“ vor Augen führte.

Benedikt XVI. verwies insbesondere auf folgende Zeilen aus der Feder des großen Bischofs von Mainz: „Wer in der Betrachtung nachlässig ist, beraubt sich allein der Schau des Lichtes Gottes; wer sich dann in unüberlegter Weise von den Sorgen ergreifen lässt und es seinen Gedanken gestattet, vom Lärm der Dinge der Welt überwältigt zu werden, verurteilt sich zur absoluten Unmöglichkeit, in die Geheimnisse des unsichtbaren Gottes einzudringen."

In seinen Grußworten richtete sich der Papst auch an seine Landsleute. Ihnen sagte er: „Der heilige Rabanus ermutigt uns, für das Wissen der Zeit aufgeschlossen zu sein, zugleich aber auch alles im Licht von Gottes Schöpferkraft zu betrachten."

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über eine wahrhaft außerordentliche Persönlichkeit des lateinischen Abendlandes sprechen: den Mönch Rabanus Maurus. Zusammen mit Männern wie Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis und Ambrosius Autpertus, von denen ich bereits in vorangegangenen Katechesen gesprochen habe, verstand er es während der Jahrhunderte des so genannten Frühmittelalters den Kontakt mit der großen Kultur der Weisen der Antike und der christlichen Väter aufrechtzuerhalten. Oft wird seiner als „praeceptor Germaniae" gedacht, da Rabanus Maurus außerordentlich produktiv war. Mit seiner absolut außergewöhnlichen Arbeitsfähigkeit trug er vielleicht mehr als alle anderen dazu bei, jene theologische, exegetische und geistliche Kultur aufrechtzuerhalten, aus der die folgenden Jahrhunderte schöpfen sollten. Auf ihn nehmen die großen Persönlichkeiten Bezug, die zur Welt des Mönchtums gehören, wie Pier Damiani, Petrus Venerabilis und Bernhard von Clairvaux; dazu gesellt sich eine immer größere Zahl von „clerici" des Weltklerus, die im Lauf des 12. und 13. Jahrhunderts eine der schönsten und fruchtbarsten Blüten des Denkens hervorbrachten.

Geboren in Mainz um das Jahr 780, kam Rabanus bereits im Kindsalter ins Kloster: Er empfing den Beinamen Maurus, der sich gerade jenen jungen Maurus bezieht, der nach dem „II. Buch der Dialoge" des heiligen Gregor des Großen noch als Kind von seinen Eltern, die römische Adelige waren, dem Abt Benedikt von Nursia anvertraut worden war. Die frühzeitige Eingliederung des Rabanus als „puer oblatus" in die benediktinische Klosterwelt, und die Früchte, die er daraus für sein menschliches, kulturelles und geistliches Wachstum zog, würden alleine einen sehr interessanten Blick nicht nur auf das Leben der Mönche und der Kirche, sondern auch auf die gesamte Gesellschaft seiner Zeit zulassen, die üblicherweise als „die karolingische Epoche" bezeichnet wird. Über sie, oder vielleicht über sich selbst, schreibt Rabanus Maurus: „Es gibt einige, denen das Glück beschieden war, in die Kenntnis der Schrift von Klein auf („a cunabulis suis") eingeführt zu werden, und sie sind so gut mit der ihnen von der Heiligen Kirche gebotenen Speise genährt worden, dass sie nach der angemessenen Erziehung zu den höchsten heiligen Weihen befördert werden können" (PL 107, col 419BC).

Die außerordentliche Bildung, durch die sich Rabanus Maurus auszeichnete, ließ sehr bald die Großen seiner Zeit auf ihn aufmerksam werden. Er wurde Berater von Fürsten. Er setzte sich für die Sicherstellung der Einheit des Reiches ein und wies auf einer kulturell breiteren Ebene nie jemanden zurück, der ihn um eine durchdachte Antwort bat, die er vorzugsweise der Bibel und den Texten der heiligen Kirchenväter entnahm. Er wurde zunächst zum Abt des berühmten Klosters von Fulda und dann zum Erzbischof seiner Heimatstadt Mainz gewählt. Er unterließ es aber deshalb nicht, seine Studien fortzusetzen, und zeigte mit dem Vorbild seines Lebens, dass man gleichzeitig den anderen zur Verfügung stehen kann, ohne sich dadurch einer angemessenen Zeit für Reflexion, Studium und Betrachtung zu berauben. So war Rabanus Maurus Exeget, Philosoph, Dichter, Hirte und ein Mann Gottes. Die Diözesen von Fulda, Mainz, Limbourg und Wrocław verehren ihn als Heiligen oder Seligen. Seine Werke füllen gut sechs Bände der „Patrologia Latina" des Migne. Ihm ist wahrscheinlich einer der schönsten und bekanntesten Hymnen der lateinischen Kirche zu verdanken, der Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus", eine außerordentliche Synthese der christlichen Pneumatologie. Das erste theologische Bemühen des Rabanus kam in der Tat in poetischer Form zum Ausdruck und hatte das Geheimnis des Heiligen Kreuzes zum Inhalt - in einem Werk, das den Titel „De laudibus Sanctae Crucis" trägt. Dieses Werk ist derartig konzipiert, dass es nicht nur begriffliche Inhalte, sondern auch Anregungen vorzüglich künstlerischer Art vorlegt, indem es sowohl die dichterische als auch die malerische Form innerhalb desselben handgeschriebenen Codex benutzt. Während er zwischen den Zeilen seiner Schrift ikonographisch das Bild des gekreuzigten Christus vorlegt, schreibt er zum Beispiel: „Siehe das Bild des Heilands, der mit der Haltung seiner Gliedmaßen die so Heil bringende, süße und geliebte Gestalt des Kreuzes heiligt, damit wir im Glauben an seinen Namen und im Gehorsam gegenüber seinen Geboten dank seines Leidens das ewige Leben erlangen können. Jedes Mal, wenn wir daher den Blick zum Kreuz erheben, wollen wir uns an den erinnern, der für uns gelitten hat, um uns der Macht der Finsternis zu entreißen, indem er den Tod auf sich nahm, um uns zu Erben des ewigen Lebens zu machen" (Lib. 1, Fig. 1, PL 107 col 151 C).

Diese aus dem Osten stammende Methode, alle Künste, die Vernunft, das Herz und die Sinne zu verknüpfen, sollte im Abendland eine große Entfaltung erfahren und unerreichbare Höhepunkte in der Miniaturkunst der Bibelcodices und in anderen Werken des Glaubens und der Kunst erreichen, die in Europa bis zur Erfindung des Buchdruckes und darüber hinaus erblühten. Sie legt auf alle Fälle in Rabanus Maurus ein außerordentliches Bewusstsein von der Notwendigkeit an den Tag, in die Erfahrung des Glaubens nicht nur den Geist und das Herz, sondern auch die Sinne einzubeziehen, die durch jene andere des ästhetischen Geschmackes und der menschlichen Sensibilität den Menschen dazu führen, mit seinem ganzen Selbst in den Genuss der Wahrheit zu kommen, „Geist, Seele, und Leib". Das ist wichtig: Der Glaube ist nicht allein Denken, sondern berührt unser ganzes Sein. Da Gott Mensch in Fleisch und Blut geworden ist, in die sinnliche Welt eingetreten ist, müssen wir in allen Dimensionen unseres Seins Gott suchen und ihm begegnen. So dringt die Wirklichkeit Gottes durch den Glauben in unser Sein ein und verwandelt es. Aus diesem Grund hat Rabanus Maurus seine Aufmerksamkeit vor allem auf die Liturgie als Synthese aller Dimensionen unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit konzentriert. Diese Einsicht des Rabanus Maurus macht ihn außerordentlich aktuell. Berühmt geblieben sind auch seine „Carmina", die vor allem in den liturgischen Feiern benutzt werden sollten. Da Rabanus vor allem ein Mönch war, war nämlich sein Interesse für die Feier der Liturgie völlig selbstverständlich. Er widmete sich aber der Dichtkunst nicht als Zweck an sich, sondern unterwarf die Kunst und jede andere Art der Erkenntnis der Vertiefung des Wortes Gottes. Daher versuchte er mit äußerstem Einsatz und Strenge, seine Zeitgenossen, vor allem aber die Amtsinhaber (Bischöfe, Priester und Diakone), in das Verständnis der zutiefst theologischen und geistlichen Bedeutung aller Bestandteile der liturgischen Feier einzuführen.

So versuchte er, die in den Riten verborgenen theologischen Bedeutungen zu verstehen und den anderen vorzulegen, wobei er aus der Bibel und der Überlieferung der Kirchenväter schöpfte. Er zögerte nicht, aus Gründen der Aufrichtigkeit und auch, um seinen Erklärungen ein größeres Gewicht zu verleihen, die patristischen Quellen anzugeben, denen er sein Wissen verdankte. Ihrer bediente er sich nichtsdestoweniger mit Freiheit und aufmerksamer Unterscheidungskraft und führte so die Entfaltung des patristischen Denkens weiter. Am Schluss der „Epistula prima", die sich an einen „corepiscopus" (Bischofsvikar) der Diözese Mainz richtet, fährt er zum Beispiel fort, nachdem er auf die Anfragen um Klärung bezüglich des bei der Ausübung der pastoralen Verantwortung einzuhaltenden Verhalten geantwortet hat: „Wir haben dir dies alles so geschrieben, wie wir es aus der Heiligen Schrift und den Canones der Väter abgeleitet haben. Du aber, heiliger Mann, fälle deine Entscheidungen, wie es dich am besten dünkt, Fall für Fall, und versuche dabei, deine Einschätzung so zu mäßigen, dass in allen die Unterscheidungsfähigkeit gewährleistet ist, da diese die Mutter aller Tugenden ist" (Epistulae, I, PL 112, col 1510 C). So ist die Kontinuität des christlichen Glaubens zu sehen, dessen Anfang im Wort Gottes liegt; er ist aber immer lebendig, er entwickelt sich und bringt sich auf neue Art zum Ausdruck, immer in Kohärenz mit dem Gesamtbau, mit dem ganzen Gebäude des Glaubens.

Da das Wort Gottes integraler Bestandteil der liturgischen Feier ist, widmete sich Rabanus Maurus ihm mit höchstem Einsatz während seines ganzen Lebens. Er verfasste angemessene exegetische Erklärungen für fast alle Bücher des Alten und des Neuen Testaments, dies mit einer eindeutig pastoralen Absicht, die er mit Worten wie diesen rechtfertigte: „Ich habe diese Dinge geschrieben..., indem ich Erklärungen und Vorschläge vieler anderer zusammengefasst habe, um dem armen Leser einen Dienst zu erweisen, dem nicht viele Bücher zur Verfügung stehen können, aber auch um denen eine Erleichterung zu geben, denen es nicht gelingt, tief in das Verständnis der Bedeutungen vorzudringen, die von den Vätern entdeckt worden sind" (Commentariorum in Matthaeum praefatio, PL 107, col. 727D). In der Tat schöpfte er beim Kommentieren der biblischen Texte mit vollen Händen aus den antiken Kirchenvätern, mit einer besonderen Vorliebe für Hieronymus, Ambrosius, Augustinus und Gregor den Großen.

Seine ausgeprägte pastorale Sensibilität brachte ihn dann dazu, sich vor allem um eines der am meisten von den Gläubigen und Priestern verspürten Probleme seiner Zeit zu kümmern: das Problem der Buße. Er war der Verfasser von „Poenitentiarien", so wurden sie genannt, in denen der Sensibilität der Epoche entsprechend Sünden und entsprechende Bußen verzeichnet wurden, indem er so weit als möglich aus der Bibel, den Beschlüssen der Konzile und den Dekretalen der Päpste geschöpfte Motivationen benutzte. Dieser Texte bedienten sich auch die „Karolinger" bei ihrem Versuch der Reform der Kirche und der Gesellschaft. Derselben pastoralen Absicht entsprachen Werke wie „De disciplina ecclesiastica" und „De institutione clericorum", in denen Rabanus vor allem unter Bezugnahme auf Augustinus den Einfachen und dem Klerus seiner Diözese die grundlegenden Elemente des christlichen Glaubens erklärte: sie waren eine Art kleiner Katechismus.

Ich möchte die Vorstellung dieses großen Mannes der Kirche abschließen, indem ich einige seiner Worte zitiere, in denen sich seine Grundüberzeugungen gut widerspiegeln: „Wer in der Betrachtung nachlässig ist („qui vacare Deo negligit"), beraubt sich allein der Schau des Lichtes Gottes; wer sich dann in unüberlegter Weise von den Sorgen ergreifen lässt und es seinen Gedanken gestattet, vom Lärm der Dinge der Welt überwältigt zu werden, verurteilt sich zur absoluten Unmöglichkeit, in die Geheimnisse des unsichtbaren Gottes einzudringen" (Lib. I, PL 112, col. 1263A). Ich denke, dass Rabanus Maurus diese Worte auch an uns heute richtet: In den Zeiten der Arbeit, mit ihren frenetischen Rhythmen, und in der Ferienzeit müssen wir Zeiten Gott vorbehalten. Ihm unser Leben öffnen, indem wir an ihn einen Gedanken, eine Reflexion, ein kurzes Gebet richten, und vor allem dürfen wir den Sonntag als den Tag des Herrn nicht vergessen, den Tag der Liturgie, um in der Schönheit unserer Kirchen, der „Musica sacra" und des Wortes Gottes die Schönheit Gottes selbst wahrzunehmen und ihn in unser Sein eintreten zu lassen. Allein auf diese Weise wird unser Leben groß, allein auf diese Weise wird es wahres Leben.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute habe ich für meine Katechese eine geistliche Persönlichkeit aus der Karolingerzeit ausgewählt, den Mönch Rabanus Maurus. Rabanus wird im deutschen Sprachraum als Heiliger verehrt, sein Gedenktag ist der 4. Februar. Er wurde 780 in Mainz geboren, im Kindesalter kam er ins Kloster Fulda, wurde dort 822 Abt und dann 847 Bischof in seiner Vaterstadt. In Mainz ist er auch im Jahr 856 gestorben. Wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit hat man ihm den Beinamen „Lehrer Germaniens" gegeben. Dies spiegelt sich in seinem reichhaltigen Schrifttum wieder, das exegetische wie pädagogische Arbeiten umfasst, Verzeichnisse von Bußen für bestimmte Sünden, die so genannten Penitentiarien, Stellungnahmen zu kirchlichen Streitfragen, Predigten und Hymnen - wahrscheinlich ist der bekannte Hymnus zum Heiligen Geist „Veni Creator Spiritus" aus seiner Feder. Schließlich seien die „Carmina" erwähnt, das sind poetische Werke, die wohl auch im Gottesdienst zum Einsatz kamen. Sowohl in der Verkündigung wie auch mit seiner Lyrik wollte Rabanus das Verständnis der Menschen für das Wort Gottes öffnen und vertiefen. Nach seiner Überzeugung ist beim Glaubensakt nicht nur der Verstand am Werk, sondern der ganze Mensch mit seinen Sinnen und Empfindungen. In seinen Schriften geht es Rabanus also darum, nicht nur rationale Begriffe zu vermitteln, sondern auf künstlerische Weise Anstöße zu geben, dass der Mensch seinen Blick zum Wahren und Schönen erhebt und sich mit dem Geist, der Seele und den Sinnen dem Geheimnis unserer Erlösung zuwendet.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Der heilige Rabanus ermutigt uns, für das Wissen der Zeit aufgeschlossen zu sein, zugleich aber auch alles im Licht von Gottes Schöpferkraft zu betrachten. „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir", wie der heilige Paulus sagt (Apg 17, 28). Für eure Zeit hier in Rom wünsche ich euch Gottes reichen Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]