Wie verbessern wir die Lage der Roma-Bevölkerung in Europa?

Gemeinsames Treffen der CCEE und der KEK gestern in Athen beendet

Sankt Gallen, (CCEE) | 467 klicks

Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) veranstalteten unter der Schirmherrschaft der griechischen Präsidentschaft der Europäischen Union eine gemeinsame Konsultation zum Thema „Wie verbessern wir die Lage der Roma-Bevölkerung in Europa? Herausforderungen und offene Fragen.” Diese Konsultation fand vom 5.-7. Mai 2014 auf freundliche Einladung des Ökumenischen Patriarchats in Athen statt. CCEE und KEK begegneten sich hier im Bewusstsein ihrer gemeinsamen Berufung durch ihren Herrn und Heiland Jesus Christus, Salz der Erde und ein Licht im Leben der Gesellschaft zu sein.

Die Bezeichnung „Roma” wird in Europa generell auf Roma, Sinti, Kale und ähnliche Volksgruppen in Europa angewandt, wozu auch die Fahrenden gerechnet werden. Der Begriff deckt also eine große Vielfalt der betreffenden Bevölkerungsgruppen ab, unter Einschluss von Personen, die sich selbst als „Zigeuner” bezeichnen.

Der stellvertretende Außenminister Griechenlands. Kyriakos Gerontopoulos, hieß die Konferenz willkommen und unterstrich in seinem Grußwort, wie wichtig „die soziale Integration der Roma bei gleichzeitiger Wahrung ihrer kulturellen Traditionen und Lebensweisen” sei. Die Konsultation zog eine Bilanz vom Dienst der Kirchen unter den Roma-Minderheiten, der Geschichte der Roma-Bevölkerung in Europa, unter Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Facetten und Aspekte von Ausgrenzung und Integration; sie erörterte die in letzter Zeit ergriffenen politischen Initiativen sowie die heutige Lage der Roma insbesondere im Blick auf deren Bildungs- und Anstellungschancen. Der Vorsitzende des Europäischen Forums der Roma und Fahrenden gab einen Überblick der derzeitigen Anliegen der Roma-Organisationen in Europa und wies auf die besorgniserregenden Formen von Zigeunerfeindlichkeit und Hasskampagnen gegen diese Volksgruppen in Europa hin.

1-      Als Vertreter christlicher Kirchen bekräftigen wir unsere Überzeugung, dass jedes Menschenwesen zum Bild Gottes geschaffen ist und ungeachtet seiner ethnischen Identität Anteil an der gleichen Menschenwürde hat. Unsere Roma-Brüder und –Schwestern haben seit Jahrhunderten Anteil am kirchlichen Leben. Wir anerkennen die positive Rolle von Kirchen in deren Bemühungen um eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Roma in vielen Teilen Europas. Dank ihres langfristigen Engagements und ihrer Präsenz in allen Teilen Europas ist es für die Kirchen möglich, sich aktiv für ein solidarisches Verhalten gegenüber Roma-Minderheiten einzusetzen und ihre Fürsprache insbesondere zur Verbesserung der Sicherheit, der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Roma und ihrer Beteiligung am gesellschaftlichen Leben geltend zu machen.

2-      Kirchen sind sich der Vielfalt der Roma-Minderheiten auf europäischer Ebene bewusst: diese sind zwar miteinander verwandt, sprechen aber mehr als 150 unterschiedliche Dialekte; die Mehrheit unter ihnen ist in europäischen Ländern sesshaft; andere gehören zu den Fahrenden.

3-      Roma-Bevölkerungsgruppen leiden unter Ausgrenzungsmassnahmen in unseren Gesellschaften, vor allem in den Bereichen Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit. Sie werden von weiten Teilen unserer Gesellschaft als „die Anderen“ angesehen. Im Gegensatz zu dieser Einstellung ist der „Andere“ in christlicher Sicht, auf der Grundlage der biblischen Botschaft, der Nächste, und als solcher verdient er/sie, in seiner/ihrer Menschenwürde respektiert zu werden. So rufen wir alle Kirchen zu einer offeneren, inklusiveren Haltung auf Gemeindeebene auf. Lasst uns „die Anderen“ aufnehmen und sie im Geist der Liebe willkommen heißen.

4-      Wir wollen die Bemühungen um Integration der Roma in unseren Gesellschaften keinesfalls mit Assimilierungsversuchen verwechseln; Kultur, Sprache und Lebensstil der Roma sind Werte, die Achtung und Bewahrung verdienen. Zugleich sollten wir uns weigern, Phänomene des segregierten Ghettolebens, z. B. Bagatelldelikte, als charakteristische Erscheinungen einer Romakultur zu bezeichnen oder sie als negative Kennzeichen dieser Volksgruppe zu brandmarken.

5-      Zugang zur Schulbildung ist eine der entscheidenden Voraussetzungen zur Verbesserung der Lage der Roma-Bevölkerung. So engagieren sich denn auch Kirchen in vielen Ländern im Bildungsbereich zugunsten der Roma. Auf diese Weise konnten die Kirchen unter den ausgegrenzten Volksgemeinschaften für eine Tradition von Bildungs- und Lernprogrammen Sorge tragen.

6-      Alle Kinder, also auch Roma-Kinder, haben Anrecht auf Schulunterricht und Bildung. Ausgehend von Beispielen guter Praxis ist der Zugang zu umfassender, qualitativ hochstehender Bildung überall ein Gebot. Kirchen bedauern die Einrichtung segregierter Sonderschulen, weil diese den Schülerinnen und Schülern keine Möglichkeit bieten, ihr Potential voll auszuschöpfen. Nur dort, wo die Roma- sprechende Bevölkerung eine Mehrheit bildet, ist die Einrichtung einer qualitativ hochstehenden Roma-Schule für die Mehrheit der Roma-Schulkinder naheliegend. In einem solchen Fall handelt es sich nicht um eine Segregationsmassnahme.

7-      Der Unterricht in Roma-Sprachen sollte in allen Schulklassen gewährleistet sein, um Kultur und Sprachen der Roma zu achten und zu pflegen. Der Zugang zu diesem Unterricht sollte nicht auf die Roma-Gemeinschaft beschränkt sein, sondern der erweiterten Gemeinschaft auf örtlicher Ebene offen stehen.

8-      Roma-Vertreter sollten die wichtigsten Funktionen bei der Gestaltung von Gemeinschaftsentwicklungsprogrammen wahrnehmen. Die Ausbildung von Roma-Vertretern in Programmen für Führungspersonen hat sich im Bildungs- und Mediationsbereich bewährt und sollte weiterhin gefördert werden.

9-      Roma verfügen als Staatsangehörige europäischer Länder über Rechte und Pflichten. Innerhalb der Europäischen Union gilt die Personenfreizügigkeit und die Möglichkeit zur Niederlassung in verschiedenen Ländern der EU, sowie die Anstellungserlaubnis, wo sich Arbeit findet. Diese Rechte stehen allen EU-Staatsbürgern offen; sie gelten demnach auch für Roma-Minderheiten.

10-  Mangelnder Zugang zum Arbeitsmarkt ist einer der Hauptgründe der Armut unter der Roma-Bevölkerung. Die Kirchen begrüßen die Tatsache, dass es vorgesehen ist, öffentliche und private Mittel zur Förderung der Anstellung benachteiligter Personen in unseren Gesellschaften einzusetzen. Diese Förderungsmassnahmen sollten gezielter, nachhaltiger und wirksamer durchgeführt werden, um ihren Zweck zu erreichen.

11-  Rassismus und hasserfüllte Reden verletzen Menschen und zementieren negative Haltungen in unseren Gesellschaften. Man sollte sie konsequent aus den Medien und dem politischen Diskurs verbannen. Politiker sollten nicht auf Vorurteile und Roma-feindliche Meinungen zur öffentlichen Stimmungsmache zurückgreifen; wir appellieren an die Politiker, sich jeder Zigeunerfeindlichkeit zu enthalten. Die Medien können dazu beitragen, ein wirklichkeitstreueres Bild der Roma darzustellen.

12-  Die Geschichte der Roma-Völker als Teil der Landesgeschichte bedarf der gemeinsamen Bearbeitung unter Einschluss von Vertretern der Roma-Volksgruppen der betreffenden Länder. Die Arbeitsergebnisse sollen anschließend in die Landesschulprogramme aufgenommen werden.

13-  Persönliche Berichte, die an der gemeinsamen Konsultation ausgetauscht wurden, bestätigen, dass Ortsgemeinden Raum für interkulturelle Begegnungen zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften bereitstellen und damit zur Förderung von Anerkennung und Vertrauen beitragen. Dies zeigt, dass die Kirchen von vielen Roma-Gemeinschaften als glaubwürdige Partner angesehen werden. Angesichts ihres permanenten Einsatzes in diesem Bereich sollten die Kirchen auch von lokalen, nationalen und europäischen Behörden als vertrauenswürdige Partner angesehen und bei der Durchführung von deren Integrationsprogrammen mitberücksichtigt werden.

14-  Doch eine erfolgreiche Integration verlangt mehr als eine projektbezogene Strategie: dazu bedarf es einer langfristigen Verpflichtung und einer umfassenden Vorgehensweise in den Bereichen Gemeindeaufbau, Beteiligung der Zivilgesellschaft und Anerkennung der Gleichheit aller Menschen.

Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen und die Konferenz Europäischer Kirchen bekräftigen erneut ihre Verpflichtung in diesem Bereich und unterstützen wirksame Folgemassnahmen der Kirchen zur Verbesserung der Lage der Roma-Bevölkerung in Europa.