Wie viele Epiklesen gibt es beim eucharistischen Hochgebet?

Über Wandlungs- und Kommunionsepiklese

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 518 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen. 

Fragestellung: Ein Leser aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten (M.S., Illinois) nahm aufgrund von TV-Aufnahmen an, dass Seine Heiligkeit, Benedikt XVI. bei der Feier des Römischen Mess-Kanons die Epiklese zweimal ausführt: „Nimm diese heiligen, makellosen Opfergaben an,...“ und „Schenke, o Gott, diesen Gaben Segen in Fülle...“ - Daher seine Frage, ob der ehemalige Papst anders feiere als die ihm bekannten Priester, die zu Beginn des Hochgebets ein Segensgebet über die Gaben sprechen und später die Epiklese vollziehen.

P. Edward McNamara: Ich glaube eher, dass Benedikt XVI. sich ganz einfach an die Rubriken des Römischen Mess-Kanons (oder ersten Hochgebets) hält.

Im ersten Teil des Gebets heißt es nämlich im Text:

„Dich gütiger Vater, bitten wir durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus:

[Er faltet die Hände] Nimm diese heiligen, makellosen Opfergaben an

[Er macht ein Kreuzzeichen über Brot und Kelch zusammen:] und segne + sie…“

Diese Gebärde ist eigentlich keine Epiklese, sondern eine Segensgeste. Was unseren Leser verwirren mag, ist wohl die Art und Weise, wie Benedikt XVI. seine Hände faltet, ehe er die Segnung vollzieht. Wahrscheinlich gehen auch einige Priester direkt, ohne ihre Hände merklich zu falten, von der Gebärde der ausgebreiteten Arme zum Segenszeichen über.

Im weiteren Verlauf des Gebets findet die Wandlungsepiklese statt, bei der es in den Rubriken heißt:

„[Er streckt die Hände über die Gaben aus und spricht:] Schenke, o Gott, diesen Gaben Segen in Fülle und nimm sie zu eigen an; mache sie uns zum wahren Opfer im Geiste, das dir wohlgefällt …“

Eine gewisse Unsicherheit mag auch daher rühren, dass der Römische Mess-Kanon sich von den übrigen Hochgebeten unterscheidet. In den anderen Gebeten wird die Wandlungsepiklese vom Priester nämlich so vollzogen, dass dieser zuerst seine Hände über die Gaben ausbreitet und dann ein Kreuzzeichen macht.

Bei der Liturgiereform beließ man den Römischen Mess-Kanon fast vollständig so, wie er war. Es kam lediglich zu einigen Veränderungen im Text und in den Gebärden. Trotz ihrer Basis in antiken Texten sind alle übrigen eucharistischen Hochgebete Neukompositionen, was ermöglichte, die Gebärden größtenteils zu standardisieren.

Ich sprach oben von der „Wandlungsepiklese“, weil alle eucharistischen Hochgebete zwei Epiklesen, oder „Herabrufungen“ des Heiligen Geistes beinhalten. Die zweite Epiklese wird oft als „Kommunionsepiklese“ bezeichnet, da man in ihr den Vater anruft, er möge uns den Geist senden, der die Christen untereinander eins macht. Im Römischen Mess-Kanon ist diese Anrufung implizit vorhanden; in den übrigen eucharistischen Hochgebeten wird sie klar und deutlich zum Ausdruck gebracht.

Die zweite Epiklese wird ohne eine diese Anrufung zum Ausdruck bringende Gebärde vollzogen und ist daher nicht so leicht bemerkbar wie die erste. 

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Originalartikel Epiclesis in Eucharistic Prayer I