Wie viele Stimmen benötigt ein Kandidat, um Papst zu werden?

Die Geschichte der letzten drei Konklaven und der in den Massenmedien und der Öffentlichkeit am höchsten gehandelten Kandidaten

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 914 klicks

Um zum Papst gewählt zu werden, ist die Zweidrittelmehrheit der Stimmen des zum Konklave versammelten Kardinalskollegiums erforderlich. Die Zahl lässt sich sehr einfach berechnen: Bei 115 Wählern entspricht dies 77 Stimmen.

Keiner der aussichtsreichsten Kandidaten erhält bereits im ersten Wahlgang die Mindestanzahl der Stimmen. Laut Experten erwarte man den Eintritt eines Außenseiterkandidaten ins Spielfeld, wenn im fünften Wahlgang noch keiner der Kandidaten mit den höchsten Stimmenzahlen das Mindestquorum auf sich vereinigen konnte.

Was geschehen wird, ist nur schwer vorhersehbar. Wenngleich auch dieses Prä-Konklaves durch einen vergleichsweise regen Informationsaustausch gekennzeichnet war, ist die Wahl geheim und muss dies auch nach der Wahl des Papstes bleiben.

Bei der Betrachtung der Geschichte muss man feststellen, dass zumindest über die Wahlen von Albino Luciani (August 1978), Karol Wojtyla (Oktober 1978) und Joseph Ratzinger (April 2005) nicht vollkommenes Schweigen herrschte.

So ist auf Seite 176 des Buches „A ogni morte di papa“ (jedes Mal, wenn ein Papst stirbt) von Senator Giulio Andreotti zu lesen, dass Albino Luciano 98 und Karol Wojtyla 99 Stimmen bei  einer Beteiligung von jeweils 111 Wählern erzielten.

In Zusammenhang mit der Wahl des polnischen Papstes zitierte Andreotti einen an ihn gerichteten Brief eines französischen Kardinals über jenen Wahlgang, aus dem Johannes Paul II. als Papst hervorging: „[…] bis Montagvormittag gaben wir unsere Stimmen unseren italienischen Mitbrüdern. Vor allem zwei von ihnen erhielten eine sehr hohe Zustimmung. Aus der Erkenntnis der Unmöglichkeit einer Einigung reifte während der Pause die Überzeugung, dass der Zeitpunkt für eine Änderung der Wahl gekommen sei. Die Entscheidung wurde mit beispielhafter Geschwindigkeit getroffen: Dem Erzbischof von Krakau fehlte nur eine einzige Karte auf die hundertste Stimme.“ Luciani hatte 98 Stimmen erzielt.

Bei den vom französischen Kardinal erwähnten italienischen Mitbrüdern handelte es sich um die Kardinäle Giuseppe Siri und Giovanni Benelli.

Über das letzte Konklave, im Rahmen dessen Benedikt XVI. gewählt worden war, veröffentlichte der italienische Journalist Lucio Brunelli das umfangreiche und anspruchsvoll gegliederte geheime Tagebuch eines der Teilnehmer am Konklave (http://temi.repubblica.it/limes/cosi-eleggemmo-papa-ratzinger/5959). Dieses erschien in der Zeitschrift „Limes, Cindia, la sfida del secolo“ Nr. 4/2005, S. 291-300 und erfuhr eine erneute Publikation in der Reihe „I Classici di Limes Nr. 1 Quando il papa pensa il mondo” (31/08/2009).

Über die Glaubwürdigkeit des genannten Tagebuchs entfachte sich eine lebhafte Diskussion. Die Beschreibung der Wahlgänge, der Entwicklungen und den Ergebnissen vermitteln in jedem Fall den Eindruck vernünftiger Glaubwürdigkeit. An der Wahl beteiligten sich 115 Wähler.

Dem von Brunelli transkribierten Tagebuch zufolge erzielten die Kardinäle im ersten Wahlgang, der am 18. April 2005 um 18.00 Uhr stattfand, folgende Ergebnisse: Joseph Ratzinger, Dekan des Heiligen Kollegiums: 47 Stimmen, Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, Argentinien: 10 Stimmen, Carlo Maria Martini, emeritierter Erzbischof von Mailand: 9 Stimmen, Camillo Ruini, bereits apostolischer Vikar Seiner Heiligkeit für die Diözese von Rom: 6 Stimmen, Angelo Sodano, bereits vatikanischer Staatssekretär: 4 Stimmen, Oscar Rodríguez Maradiaga, Erzbischof von Tegucigalpa, Honduras: 3 Stimmen, Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Mailand: 2 Stimmen.

Beim Wahlgang vom Dienstag, dem 19. April 2005 um 9.30 Uhr fielen auf Ratzinger 65, auf Bergoglio 35, auf Sodano  4 und auf Tettamanzi 2 Stimmen. Keine Stimmen erhielten Martini und Ruini.

Der am 19. April 2005 um 11.00 Uhr durchgeführte dritte Wahlgang ergab folgende Resultate: Ratzinger: 72 Stimmen, Bergoglio: 40 Stimmen, Castrillón: 1 Stimme, Tettamanzi: 0 Stimmen.

Zu diesem Zeitpunkt fehlten Ratzinger nur noch 5 Stimmen auf die Wahl zum Papst. Mit 40 Stimmen hätte Bergoglio allerdings das Konklave blockieren können.  Hätten sich seine Befürworter zum unbegrenzten Widerstand entschlossen, so hätte Ratzinger das Mindestquorum von 77 Stimmen unmöglich erreichen können

Der von Brunelli veröffentlichten Schrift zufolge bat Bergoglio seine Anhänger deshalb darum, davon Abstand zu nehmen, um eine Spaltung des Kardinalskollegiums zu vermeiden.

Im vierten Wahlgang, der am Dienstag, dem 19. April um 16.30 Uhr absolviert wurde, kam Ratzinger auf 84 Stimmen, Bergoglio auf 26 und Schönborn, Biffi und Law jeweils auf 1. 

So ging Benedikt XVI. als Wahlsieger hervor.

Hinsichtlich des gestern, am 12. März 2013, begonnene Konklaves zählten Journalisten die Wahlabsichten der Kardinäle. Kardinal Angelo Scola, dem Erzbischof von Mailand, werden mehr als 40 Stimmen zugebilligt. Knapp hinter ihm liegt  Kardinal Odilo Pedro Scherer, Erzbischof von São Paolo, mit einer Stimmenzahl von ca. 15, gefolgt vom nordamerikanischen Kandidaten Sean Patrick O’Malley, dem Afrikaner Robert Sarah und dem Asiaten Louis Antonio Gokim Tagle.

In den sozialen Netzwerken und in der Öffentlichkeit gelten Sean Patrick O’Malley und der Philippiner Louis Antonio Gokim Tagle als Favoriten.