Wie wirksam ist der Bußakt bei der hl. Messe?

Und über die Gestik beim Confiteor

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 587 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

Frage: Welche Wirksamkeit besitzt der Bußakt am Anfang der hl. Messe in Bezug auf die Vergebung von Sünden? Ein bekannter Priester aus unserer Gegend meinte, es sei auf den Bußakt zurückzuführen, dass immer weniger Katholiken zur Beichte gehen. -- J.W., Buffalo, New York

P. Edward McNamara: Diese Frage wird in der Grundordnung des Römischen Messbuchs unter Nr. 51 klar beantwortet:

„Dann lädt der Priester zum Bußakt ein; er wird nach einer kurzen Stille von der ganzen Gemeinschaft mit den Worten des Allgemeinen Schuldbekenntnisses vollzogen und durch die Vergebungsbitte des Priesters abgeschlossen, die jedoch nicht die Wirkung des Bußsakramentes besitzt.“

Die Vergebungsbitte, mit der der Bußakt endet, ist also eindeutig nicht gleichzusetzen mit einer sakramentalen Lossprechung. Sie entbindet in keiner Weise von der Pflicht, schwere Sünden vor dem Empfang der Kommunion zu beichten.

Erst in jüngerer Zeit ist von verschiedener Seite gemutmaßt worden, dass dieser Ritus von Sünden lossprechen und die Beichte ersetzen könnte. Natürlich ist es möglich, dass eine derart  fehlerhafte Katechese in Bezug auf den sakramentalen Charakter dieses Ritus zu einem Rückgang der Häufigkeit, mit der man das Sakrament der Versöhnung empfängt, beigetragen haben könnte.

Ich glaube jedoch nicht, dass man den Ritus selbst hierfür verantwortlich machen kann. Seit frühester Zeit gehörte ein allgemeines Bekenntnis der eigenen Sünden und Unwürdigkeit zur hl. Messe. Es war immer als etwas Positives angesehen worden, ein Sündenbekenntnis und eine Bitte um Vergebung – einen Moment der inneren Reinigung – als Zugangstor zur Feier der heiligen Geheimnisse zu haben.

Die Tatsache, dass der Bußakt nicht die Kraft der bei einer Einzelbeichte gespendeten Lossprechung besitzt, bedeutet nicht, dass im Verlauf dieses Ritus keine lässlichen Sünden vergeben würden; tatsächlich werden diese auch durch den Empfang der Kommunion und durch andere Fürbittgebete der Messe vergeben.

Diese Sünden werden aufgrund des allgemeinen wiedergutmachenden Charakters aller positiven Werke des Gebets, des Opfers, der Andacht und des Gottesdiensts vergeben. In gewisser Weise bauen sie ein positives Gegengewicht zu den gewöhnlichen Sünden, Fehlern und Unvollkommenheiten auf, die unser tägliches Leben belasten.

Da die Teilnahme an der Messe unvergleichlich wertvoller ist als jeder sonstige, von einem Menschen leistbare Akt der Wiedergutmachung und Fürbitte, ist ohnehin klar, dass während der Messe lässliche Sünden vergeben werden.

Dies trifft nicht auf Todsünden zu, da man sich im Stand der Gnade befinden muss, um die Kommunion empfangen und alle anderen Gnaden der Messe vollständig aufnehmen zu können. Die Vergebung solcher Sünden bedarf normalerweise der sakramentalen Beichte und Lossprechung.

Sollte sich jedoch jemand in Todsünde befinden, bedeutet das nicht, dass er beim Besuch der hl. Messe keine Gnaden empfangen kann.

Zum Beispiel kann er die Gnade erhalten, dass ihn das Wort Gottes, die Predigt oder ein Gebet betroffen macht und er dadurch tiefere Einsicht in seinen Seelenzustand und in Gottes große Barmherzigkeit gewinnt. Und so kann er Mut schöpfen und um Vergebung bitten. 

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Gestik beim Confiteor

Auf unsere Stellungnahme hin, dass die neue englischsprachige Übersetzung des Confiteor („Ich bekenne“) einen dreifachen Brustschlag erlauben würde (siehe Confiteor), haben verschiedene Leser reagiert und darauf hingewiesen, dass der Heilige Stuhl zum Thema eine offizielle Antwort gegeben hat, was von mir übersehen worden war.

Wie ein Leser aus Kalifornien es ausdrückte: „Ich kann nicht sagen, dass mir dieses responsum gefällt, aber damit ist, meines Wissens nach, das letzte Wort zu diesem Thema gesprochen. Argumente wie der Gebrauch der Verlaufsform usw. besitzen da nur spekulativen Wert; hier wird die Angelegenheit klar und direkt angesprochen.“

Der genannte Text wurde in Notitiae 14 (1978), 534-535, veröffentlicht und lautet wie folgt:

„Nr. 10. Nicht immer werden die Gesten, die bei gewissen Formeln wie z.B. dem Confiteor, Agnus Dei, und Domine non sum dignus die Worte begleiten, in der gleichen Art und Weise – sei es vom Priester, sei es von den Gläubigen – ausgeführt. Wenn sie die vorgenannten Formeln aufsagen, klopfen sich einige dreimal an die Brust, andere einmal. Welche Praxis sollte man legitimerweise beibehalten?

Antwort:

In diesem Fall wird es hilfreich sein, Folgendes zu bedenken:

1) Gesten und Worte verleihen sich sehr oft gegenseitig Aussagekraft.

2) In diesen Dingen, wie in anderen, hat sich die liturgische Erneuerung entsprechend der Passage in Sacrosanctum Concilium: ‚Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen…‘ (SC 34) um Wahrheit und Einfachheit bemüht.

Wohingegen in dem kraft Autorität des Konzils von Trient promulgierten Römischen Messbuch sehr oft auch geringfügige Gesten die Worte begleiteten, zeichnen sich die Rubriken des kraft Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils eingesetzten Römischen Messbuchs durch die Diskretion aus, die sie in Bezug auf Gesten wahren.

Dies gesagt, ist Folgendes anzumerken:

a) Die zum Confiteor gehörenden Worte mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa werden im neuen Römischen Messbuch durch eine Rubrik eingeleitet, in der es folgendermaßen heißt: Indem alle... sich an die Brust klopfen, sagen sie gleichzeitig... (OM, Nr. 3). Im vorausgehenden Messbuch hieß es an gleicher Stelle in der Rubrik: Er klopft sich dreimal an die Brust. Es sieht also nicht so aus, als ob irgendjemand beim Aufsagen dieser Worte in lateinischer oder in einer anderen Sprache sich dreimal an die Brust klopfen müsse, auch wenn es mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa heißt. Es genügt, dass man sich an die Brust klopft.

Es ist auch offensichtlich, dass in jenen Sprachen eine Geste genügt, in denen die Worte, die das eigene Fehlen bekennen, auf einfachere Weise ausgedrückt wurden, wie z.B. im Englischen: ‚I have sinned through my own fault‘, oder im Französischen: ‚Oui, j'ai vraiment peché‘.

b) Die vom neuen Römischen Messbuch gewahrte Diskretion sticht auch in den anderen erwähnten Texten hervor, nämlich beim Agnus Dei und beim Domine, non sum dignus, Worte der Buße und Demut, die auf die eine oder andere Weise die Brotbrechung und die Einladung an die Gläubigen zum Empfang der Eucharistie begleiten.

Wie es in Antwort Nr. 2 der Kommentare «Notitiae» 1978, S. 301, hieß: Dort, wo die Rubriken des Messbuchs Pauls VI. nichts erwähnen, muss daher nicht angenommen werden, dass die alten Rubriken einzuhalten wären. Das neue Messbuch ergänzt nicht das alte, sondern ersetzt es. Tatsächlich hieß es vorher im Messbuch beim Agnus Dei: sich dreimal an die Brust klopfend, und beim Aussprechen des dreifachen Domine, non sum dignus: sich an die Brust klopfend… sagt er dreimal. Da aber im neuen Messbuch nichts davon steht (OM 131 und 133), gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass irgendeine Geste diesen Anrufungen hinzugefügt werden sollte.“ 

Ich hatte schon in meiner früheren Antwort erwähnt, dass ein einziger Schlag an die Brust eine korrekte Interpretation darstelle und die offizielle Antwort bestätigt dies.

Gleichzeitig meine ich aber, dass diese amtliche Verlautbarung den Realitätstest nicht besteht. Seit Veröffentlichung der Antwort sind mehr als 35 Jahre vergangen und fast jeder, der einer Messe in lateinischer, spanischer oder italienischer Sprache beiwohnt, klopft sich – ungeachtet dessen, was in der Rubrik steht oder nicht – beim Confiteor dreimal an die Brust.

Meiner Meinung nach wird jetzt, da die dreifache Wiederholung in einigen Sprachen wiedereingeführt wurde, bei der Feier in englischer Sprache Gleiches geschehen und es wäre sicher verlorene Liebesmüh, wenn Bischöfe und Priester den Versuch unternähmen, die Gläubigen zu anderweitigem Handeln anzuhalten.

Ich würde aber selbst den Versuch einer Korrektur als etwas Unvorteilhaftes ansehen. Die Menschen klopfen sich spontan an die Brust und meiner Meinung nach verleiht es dem Zeichen einen tieferen Sinn.

Die aktuellen Rubriken vermitteln indes Klarheit darüber, dass während des Lamm Gottes kein Brustklopfen erfolgt und mittlerweile ist diese Praxis selten zu sehen. Die Tatsache, dass das Lamm Gottes oft gesungen wird, lässt es weniger natürlich erscheinen, sich dabei an die Brust zu klopfen, was eher zum akzentuierten Staccato-Rhythmus des Confiteor passt.

Gleichzeitig gibt es aber sehr gute Argumente, um auch diese Praxis zu verteidigen. Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, schrieb zum Beispiel folgendes in seinem Buch Der Geist der Liturgie (S. 177): „Beim Agnus Dei (Lamm Gottes) schauen wir auf den hin, der der Hirte ist und für uns Lamm wurde, als Lamm unsere Schulden trug; so ist es nur richtig, auch in diesem Augenblick an die Brust zu klopfen und uns selber auch körperlich daran zu erinnern, dass unsere Schulden auf seinen Schultern lagen, dass wir ‚durch seine Striemen geheilt sind‘.“ 

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus den englischen Originalartikeln Efficacy of the Penitential Rite und Disposing of Old Missals and Sacramentaries.

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