"Wiederholter Vandalismus vergiftet die Atmosphäre"

Erzbischof Fouad Twal verurteilt öffentlich "Price Tag"-Angriffe

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 267 klicks

Am Sonntag, dem 11. Mai 2014, äußerte sich der Lateinische Patriarch von Jerusalem während einer Pressekonferenz in Haifa öffentlich über das Phänomen des Vandalismus von „Price Tag“. Wir übernehmen im Folgenden die deutsche Übersetzung der Pressekonferenz.

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Im Namen der Versammlung der Katholischen Ordinarien danke ich Ihnen allen, dass Sie an dieser Pressekonferenz teilnehmen. Ich danke den Medien für ihre Kooperation und gratuliere Ihnen für den Mut, mit dem Sie das Wort ergreifen und die Wahrheit schreiben. Ich beglückwünsche Sie für die Hartnäckigkeit, mit der Sie in Ihren Recherchen an die Wurzeln der Probleme gehen. Halten Sie durch bei Ihrer guten Arbeit, die sie leisten!

Sie alle hier sind sich der jüngsten Vandalenakte gegen Christen, Muslime und Drusen bewusst. Es ist ein signifikanter Anstieg der Provokationen durch „Price Tag“ in Israel zu verzeichnen.

Diese Welle extremistischer Terrorakte ruft natürlicherweise eine große Beunruhigung bei allen vernünftigen Menschen hervor. Die israelische Regierung muss besorgt sein, weil dies das Bild Israels im Ausland stark schädigt. Es stellt auch einen Affront gegen die Demokratie dar, der Regierungsform, dessen Garant Israel ist.

Diese Aktionen rufen verbale Verurteilungen seitens der israelischen Führung hervor, aber nur wenige Festnahmen. „Das Böse triumphiert alleine dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“, um dieses oft genutzte Zitat erneut zu wiederholen.

Wiederholter Vandalismus vergiftet die Atmosphäre; eine Atmosphäre des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit, insbesondere in den zwei Wochen vor dem Besuch von Papst Franziskus.

Gleichzeitig werden wir von der Tatsache ermutigt, dass die Justizministerin Tzipi Livni eine Dringlichkeitssitzung zur Bekämpfung dieses sinnlosen Vandalismus einberufen hat. Wir sind uns bewusst, dass der für das Westjordanland verantwortliche israelische General, Nitzan Alon, 2011 die Gewalt seitens radikaler Siedlern als „Terrorismus“ bezeichnete und die israelische Armee dazu aufforderte „noch mehr zu tun, um ihn auszumerzen“; und im Jahr 2014 hat der israelische Verteidigungsminister, Moshe Yaalon die Siedlerangriffe als „schlicht und einfach Terrorismus“ bezeichnet und verkündet, hier „Null Toleranz“ zu haben. Wir hoffen, dass das Problem nicht nur eine Frage wohlklingender Erklärungen und Gesprächsrunden bleibt. Solange diese Worte nicht in die Praxis umgesetzt werden, bleiben wir skeptisch.

Auf alle Fälle wirft diese Situation viele Fragen auf:

1. Wer steht hinter dieser Gewalt? Sind die Angriffe nur Aktionen isolierter Einzelner? Wer lehrt sie diese schlechten Manieren? Wie kommt es, dass die Täter nicht festgenommen werden?

Carmi Gillon, der ehemalige Chef des israelischen Innengeheimdienstes Shin Bet erklärte, dass sein derzeitiger Chef, Yoram Cohen, „die jüngsten Akte von Vandalismus seitens ultranationalistischer Juden gegen palästinensisches Eigentum und das von israelischen Arabern“ nicht ernst nehme; und dass er „die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen“ nicht genug einsetze, um den Vandalismus zu stoppen, und die Gefahr herunterspiele. Offenbar gehöre dieses Thema nicht zu seinen Prioritäten. Wenn dem so ist, dann fragen wir uns: warum?

2. Es ist bekannt, dass die israelische Polizei Spezialeinheiten etabliert hat, um solche Taten zu verfolgen, und dass die Regierung derartige Gruppen als „ungesetzliche Vereinigungen“ eingestuft hat, um den Behörden mehr Befugnisse an die Hand zu geben, um gegen sie vorgehen zu können. Da die Vandalen nur selten vor Gericht gestellt werden, können wir nicht sicher sein, dass die Regierung diese Situation für eine ihrer Prioritäten hält.

3. Der Umgang mit dieser traurigen Geschichte kann nicht auf eine Frage von „Recht und Ordnung“ reduziert werden. Vielmehr ist es wichtig zu wissen, wie wir unsere Kinder erziehen: Was lernen sie über diejenigen, die eine andere Religion, eine andere Nationalität oder eine andere ethnische Identität haben als ihre eigene? Was wird in diesem Umfeld gelehrt, dass dabei junge Menschen hervorgehen, die derartige Taten des Hasses begehen? Was ist der erzieherische Effekt einer öffentlichen Meinung, die darauf besteht, dass der Staat nur einer Kategorie von Menschen zur Verfügung steht?

4. Heute findet eine Prozession zu Ehren Unserer Lieben Frau von Haifa statt. Neben der Prozession am Palmsonntag ist dies die größte Versammlung von Christen im Heiligen Land. Alle zusammen rufen wir die Fürsprache Mariens an, um unseren Glauben trotz der vielen Herausforderungen, mit denen wir als Christen zu tun haben, zu stärken. Beten wir auch für die Täter des Vandalismus und für ihre Familien; und beten wir auch dafür, dass die Regierung in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit handelt.

+ Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 13/05/2014)