Willkommen im Feldlazarett nach der Schlacht

Impuls zum 26. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 716 klicks

“Heiliger Erzengel Michael, beschütze uns im Kampf…!” so betet die Kirche (*), wohl wissend, dass sie den Kampf gegen böse Mächte nicht allein führen kann. Die Engel – das ist ein Glaubenssatz – sind reale Personen, den Menschen ähnlich, aber ohne einen materiellen Körper. Sie haben die von Gott gegebene Aufgabe und Macht, die Menschen zu schützen. Nicht wie Polizisten oder Soldaten, sondern auf einer anderen, nämlich geistigen Ebene.

Angesichts der Wucht des Bösen in der Welt – Terrorismus, Krieg etc., sowie der subtileren Formen des Vernichtens wie Abtreibung und Euthanasie – sollten wir dankbar sein, dass wir diese Helfer haben.

Die Kirche kann nicht aktiv gegen das Böse kämpfen. Ihre Aufgabe hat Papst Franziskus neulich mit einem für unsere Zeit besonders treffenden Bild umschrieben: “Die Kirche ist wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht”, sagte er in einem langen Interview mit der Zeitschrift Civiltà Cattolica, und fuhr dann fort: „Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen.“ Nicht als ob „alles andere“ nicht von Bedeutung wäre, sondern in dem Sinne, dass man einen Verwundeten zunächst einmal verbinden und heilen muss, ihm Gelegenheit geben muss, neuen Mut zu schöpfen, sich zu erholen – dann erst kann man ihm sagen, was er tun oder lassen soll.

Die heutigen Menschen sind tatsächlich weitgehend Verwundete. Sie leben in einer permanenten unsichtbaren Schlacht. Nach außen sehen sie gesund und selbstbewusst aus, sind es aber nicht. Sie sind fast alle verwundet durch das mörderische Trommelfeuer, dem sie Tag für Tag ausgesetzt sind: in den Medien, im Kino und mehr noch im Theater, in den Schulen, beim Arzt, in den Betrieben, vor allem im Internet. Mit mehr oder weniger scharfer Munition wird er auf einen Lebensstil, eine Ideologie eingeschossen, die, vereinfacht ausgedrückt, lautet:

„Gott gibt es nicht.

Du kannst, wenn du willst, beten, aber sorgen tun wir für dich. Du bist gut versichert. Wenn du krank bist, wirst du behandelt, du bekommst eine ausreichende Rente. Auch das Bestattungswesen ist vorzüglich geordnet. Vor allem aber hast du die Pflicht (nicht mehr nur das Recht), die Sexualität auszuleben, in welcher Form auch immer. Lass dir nicht einfallen, auf diesem Gebiet Kritik zu üben. Früher, in den dunklen Zeiten religiösen Wahns, war vieles verboten, heute ist es umgekehrt. Ab und zu erscheinen auf den Plakatwänden Werbesprüche, die die Menschen in eindeutiger Weise auffordern: ‚Mach´s mit!’

Kindern werden nun auch schon im Kindergarten die Segnungen der Sexualität nahe gebracht.

Wenn du eine glückliche Ehe führst, bedenke, dass du vielleicht mit einer anderen Frau (oder Mann) noch glücklicher sein kannst. Es ist ganz leicht (wenn auch teuer), eine Ehe zu scheiden. Schade um die Kinder, sie werden unglücklich sein, aber Hauptsache, du hast dein eigenes Leben. Als Frau wirst du dich übrigens nicht mit solchen Bagatellen wie Haushalt und Kindern befassen.

Oder noch besser: gar nicht erst heiraten, sondern Partnerwechsel je nach Bedarf. Dabei sind natürlich Kinder nur hinderlich. Sie werden durch die Pille ferngehalten. Sollten sie sich aber doch vordrängen, kann man sie ziemlich leicht und schmerzlos entfernen. Bei seelischen Schmerzen muss man dann mal sehen, was man macht. Früher gab es noch so genannte moralische Bedenken. Aber das haben wir überwunden. Vielmehr geht es jetzt darum, für alle Frauen ein Recht auf Abtreibung durchzusetzen.

In einigen Nachbarländern hat man die Euthanasie bereits offiziell eingeführt. Bei uns ist es nur eine Frage der Zeit. Manche haben da noch Erinnerungen an die Nazis mit ihrem „lebensunwerten Leben“ und zögern deshalb. Allein schon aus volkswirtschaftlichen Gründen, wird man aber nicht darum herumkommen, die Alten und Kranken beizeiten zu verabschieden. Die alten Heiden, in der Zeit vor Christus, hatten für den Arzt den Eid des Hippokrates (keine Abtreibung, keine Euthanasie, kein Missbrauch von Abhängigen). Die Christen haben in der Mitte des 20. Jahrhunderts diesen Eid sang- und klanglos abgeschafft.“

Soweit die Stimme des mörderischen gottlosen Zeitgeistes.

Gewiss, viele haben die Kraft, ihm inneren Widerstand zu leisten. Schließlich leben wir ja nicht in einem Zwangsstaat. Aber muss man nicht sagen: umso schlimmer, wenn die Menschen diesen Anweisungen großenteils freiwillig Folge leisten? Dass sie sich dabei fürchterliche Verletzungen und Wunden zuziehen, merken sie nicht. Nach außen ist ja alles sauber, aseptisch und wohl geordnet. Ein terroristischer Anschlag ruft Schrecken hervor, aber die fachgerechte Tötung von Ungeborenen beunruhigt die Menschen nicht: man sieht ja nicht, was da geschieht.

Das sind die Menschen – natürlich sind sie nicht alle so –, für die die Kirche das Feldlazarett bereithalten muss. Man kann nicht erwarten, dass die Leute Fehler einsehen, von denen sie gar nicht wissen, dass es welche sind.

Allerdings ist da immerhin das Gewissen, jene Instanz, die Gott dem Menschen eingepflanzt hat, und die irgendwann zu verstehen gibt: was ich getan habe, war wohl falsch. Aber dann ist da zunächst nur ein vages unangenehmes Gefühl, noch kein Glaube, geschweige denn Reue und Vertrauen auf Gott. Hier muss der Lazarettdienst ansetzen. Nicht verurteilen, sondern verstehen, reden lassen, liebevoll sein. Wer weit weg ist von Gott, kann sich nicht vorstellen, dass er grenzenlos barmherzig ist.

Was der sel. Johannes Paul II. begonnen hat, Benedikt fortgesetzt hat, das führt Franziskus nun zur größtmöglichen Vollendung. Offensichtlich stehen diese drei Pontifikate unter dem besonders gesegneten Wort von der Barmherzigkeit.

Und die Barmherzigkeit hat einen Namen: Maria.

* Das Fest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Rafael wird in diesem Jahr liturgisch nicht gefeiert

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).