„Wir alle müssen diese wahrhaft frohe Botschaft von Gott, der Liebe ist, weitertragen“: Predigt von Kardinal Wetter bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (27. September 2006)

„Auch Menschen, welche die Bibel nicht lesen, müssen Gott entdecken können im Buch unseres Lebens“

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BONN, 27. September 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Predigt, die der Erzbischofs von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, am 27. September im Rahmen der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehalten hat.



Der Vorsitzende der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz rief seine Mitbrüder im Bischofsamt auf, das Evangelium zu lesen und zu betrachten. „In ihm entdecken wir, wer Gott ist und was er für uns ist…; dass die Menschen an unserem Leben erfahren, dass die Welt Gott braucht, dass wir Gott brauchen.“

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„Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott“, sagte der Heilige Vater bei der Eucharistiefeier in München. Damit hat der Papst das Grundanliegen angesprochen, das in den Predigten und Ansprachen während seines Besuches immer wiederkehrte: „Gott als Zentrum der Wirklichkeit und als Zentrum unseres eigenen Lebens“ neu wahrnehmen inmitten der „Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden“.

„Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott. Welchen Gott?“ fügte der Papst hinzu. Wie aktuell diese Frage ist, zeigt sich in diesen Tagen in der Diskussion, die nach seiner Rede in der Universität Regensburg weltweit entbrannte.

Welchen Gott brauchen wir? Wo finden wir ihn? Wie erkennen wir ihn? Gott hat uns in Jesus Christus sein menschliches Antlitz gezeigt. Auf die Frage des Philippus antwortet Jesus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Gott hat sich uns anschaulich gemacht in Jesus Christus. In seinem menschlichen Antlitz schaut uns Gott an. Die Menschen, die Jesus begegneten, konnten bei ihm Gott ins Gesicht schauen. Und wo können wir es?

In Manopello, einem Städtchen in Mittelitalien, wird das Volto Santo, das heilige Antlitz verehrt. Auch der Heilige Vater ist vor wenigen Wochen dorthin gepilgert. Auf einem Gewebe aus Muschelseide ist ein edles, gütiges Menschengesicht zu sehen. Es heißt, dies sei das Antlitz Jesu, das uns der auferstandene Herr hinterlassen habe.

Wenn dies zutrifft, wäre es die kostbarste Reliquie der Christenheit. Freilich, letzte Sicherheit gibt es nicht. Wenn auf diesem Gewebe das wahre Antlitz Jesu wirklich sichtbar wäre, was wüssten wir dann von Gott? Wir könnten nur sehen, wie der menschgewordene Gottessohn ausgesehen hat.

Dagegen hat uns Jesus auf eine andere, sichere Weise gezeigt, wer und wie er ist: in den Evangelien. Sie geben uns Antwort auf die Frage, die Papst Benedikt gestellt hat: „Welchen Gott?“ Die Evangelien zeigen uns, wer Jesus ist; wer Gott ist, der in Jesus Christus zu uns gekommen ist und sich uns geoffenbart hat.

Aus den Evangelien erfahren wir von Gott mehr, als uns ein echtes Jesusbild zeigen könnte. In ihnen zeigt uns Gott, wer er ist, wie er denkt, wie er handelt, wie er liebt.

Im heutigen Evangelium hören wir von Jesus, wie er sich uns liebevoll zuwendet: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36). Gott zeigt sich uns hier als ein sich um uns sorgender Gott, der uns aufhelfen will, als Gott, der uns liebt. Den Kleinen, Schwachen, Hilflosen, Verachteten wendet er sich besonders zu. Das unterstreicht der Apostel Paulus in der Lesung: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, … das Niedrige in der Welt und Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist“ (1 Kor 1,27f.). Nichts ist ihm zu gering, zu niedrig und zu klein.

Wie weit die Liebe Gottes geht, verkündet das Evangelium so: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Am Kreuz sehen wir das durchstochene Herz Jesu; Gottes Herz steht uns offen; er liebt uns mit einer Liebe, wie sie größer nicht sein kann.

Vertiefen wir uns darum in das Evangelium. In ihm entdecken wir, wer Gott ist und was er für uns ist. In seiner Predigt im Freisinger Dom vor den Priestern und Diakonen sagte der Heilige Vater an Jesus gewandt: „Wecke die Menschen auf, zünde in ihnen die Freude für das Evangelium, lass sie erkennen, dass es der Schatz über allen Schätzen ist und dass, wer ihn entdeckt, diesen weitergeben muss.“ Der Schatz über allen Schätzen, das ist Gott mit seiner unbegreiflichen Liebe, die sich uns im Evangelium zeigt.

Die Worte des Heiligen Vaters stammen aus einer Predigt vor Priestern und Diakonen, die durch die Weihe zur Verkündigung des Evangeliums bestellt sind. Angesprochen sind freilich alle Christen. Wir alle müssen diese wahrhaft frohe Botschaft von Gott, der Liebe ist, weitertragen. Auch Menschen, welche die Bibel nicht lesen, müssen Gott entdecken können im Buch unseres Lebens.

Der heilige Vinzenz von Paul, dessen Fest wir heute begehen, ist uns Vorbild darin. Er ist einer der ganz großen Apostel der Liebe Gottes durch seine Liebe zu den Menschen. Er wusste sich „aufgerufen, Gottes Liebe überall hinzutragen, … dieses göttliche Feuer.“ „Ich habe Hochachtung und Liebe, um eine ganze Welt damit zu beschenken“, sagte er. Um dies ins Werk zu setzen, gründete er den Orden der Lazaristen und der Kongregation der Vinzentinerinnen, der Barmherzigen Schwestern. Sie sollten das göttliche Feuer der Liebe in die ganze Welt hinaustragen.

Denken wir an die italienische Schwester Leonella Sgorbati, die in diesen Tagen von fanatischen Moslems in Mogadischu auf offener Straße erschossen wurde. Ihre letzten Worte waren: „perdono, perdono, perdono – ich verzeihe, ich verzeihe, ich verzeihe.“ In diesen Worten klang das Wort des am Kreuz sterbenden Heilandes weiter: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). In ihrem Verzeihen ist Gottes verzeihende Liebe zu uns Menschen sichtbar geworden.

Der Besuch des Heiligen Vaters ist vorüber. Wiederholt wurde die Frage gestellt: Was bleibt? Was bleibt, hängt von uns ab; davon, ob wir den Samen des Evangeliums, den Papst Benedikt in unsere Herzen ausgestreut hat, in unserem Leben Frucht bringen lassen, für uns selbst und für andere.

Versenken wir uns in das Evangelium, auf dass wir den Schatz über allen Schätzen entdecken und weitergeben; dass die Menschen an unserem Leben erfahren, dass die Welt Gott braucht, dass wir Gott brauchen: den Gott, der uns in Jesus Christus seine Liebe schenkt, die Liebe, die er selbst ist. Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]