"Wir Christen sind segnende Menschen"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 460 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.15 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede begann der Papst eine neue Katechesen-Reihe über die Kirche. Nach einer Zusammenfassung seiner Katechese in verschiedenen Sprachen folgte ein Aufruf anlässlich des bevorstehenden Welttages des Flüchtlings. Anschließend richtete der Heilige Vater einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des „Vater Unser“ und dem Apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

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Die Kirche: 1. Gott bildet ein Volk

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag. Ich lobe euch für euer Kommen trotz der unstabilen Wetterlage… Das habt ihr gut gemacht! Hoffentlich beenden wir die Generalaudienz im Trockenen. Möge der Herr Erbarmen mit uns haben.

Heute beginne ich mit einer Katechesenreihe über die Kirche und ich tue das als ein Sohn, der von der Mutter und der Familie spricht. Von der Kirche zu sprechen bedeutet, von unserer Mutter, von unserer Familie, zu sprechen. So ist die Kirche keine zum Selbstzweck geschaffene Institution oder private Vereinigung, keine NGO. Weniger noch beschränkt sie sich auf den Klerus oder den Vatikan… „Die Kirche denkt…“. Aber die Kirche sind wir alle! „Von wem sprichst du?“ „Nein, von den Priestern…“ Ja, die Priester zählen zur Kirche, doch die Kirche sind wir alle! Beschränken wir sie nicht auf die Priester, die Bischöfe, den Vatikan… Sie sind ein Teil der Kirche, doch wir alle sind die Kirche. Wir alle bilden eine Familie und stammen von der Mutter ab. Und die Kirche ist eine weitaus größere Realität, die sich für die ganze Menschheit öffnet. Sie entsteht nicht im Labor und nicht zufällig. Sie wurde von Jesus gegründet, doch das Volk hat eine lange Vorgeschichte, die weit vor Jesus begann.

1. Diese Geschichte oder „Vorgeschichte“ der Kirche findet sich bereits auf den Seiten des Alten Testamentes. Im Buch Genesis wird Abraham, unser Glaubensvater, von Gott auserwählt, der ihm aufträgt aufzubrechen, seine Heimat hinter sich zu lassen und sich in ein neues, von ihm angezeigtes Land zu begeben (vgl. Gen 12,1-9). Und diesen Ruf richtet Gott nicht nur an Abraham als Individuum, sondern bezieht von Anfang an dessen Familie, dessen Verwandtschaft und all jene mit ein, die seinem Hause dienen. Auf dem Weg – ja, so beginnt der Weg der Kirche – weitet Gott den Horizont erneut aus und lässt Abraham seinen Segen zuteilwerden, indem er ihm zahlreiche Nachkommen verspricht; wie die Sterne im Himmel und wie der Sand am Meeresufer. Das erste wichtige Datum ist Folgendes: Beginnend mit Abraham bildet Gott ein Volk, das seinen Segen allen Familien der Erde überbringen sollte. Und aus diesem Volk geht Jesus hervor. Und Gott macht aus diesem Volk, dieser Geschichte, die Kirche auf dem Weg, und Jesus wird in dieses Volk hineingeboren.

2. Zweitens bildet nicht Abraham rund um sich ein Volk. Vielmehr lässt Gott dieses Volk entstehen. Normalerweise wandte der Mensch sich an die Gottheit und versuchte die Distanz zu überwinden, indem er um Unterstützung und Schutz bat. Die Menschen beteten zu den Göttern, zu den Gottheiten. In diesem Fall hingegen kommt es zu etwas nie dagewesenem: Gott selbst ergreift die Initiative. Bedenken wir das: Gott selbst klopft an die Türe Abrahams und sagt zu ihm: „Gehe vorwärts, verlasse dein Land, mache dich auf den Weg, und ich mache ein großes Volk aus dir“. Dies kennzeichnet den Beginn der Kirche und in diesem Volk wird Jesus geboren. Gott ergreift die Initiative, richtet sein Wort an den Menschen und schafft so eine neue Bindung und Beziehung mit ihm. „Aber Vater, wie geschieht das? Spricht Gott zu uns?“. „Ja“. „Und können wir mit Gott sprechen?“ „Ja“. „Können wir ein Gespräch mit Gott führen?“. „Ja“. Dabei handelt es sich um ein Gebet, aber Gott hat das von Beginn an getan. Gott bildet so ein Volk mit all jenen, die sein Wort anhören und sich im Vertrauen auf ihn auf den Weg machen. Die einzige Bedingung ist, auf Gott zu vertrauen. Wenn du auf Gott vertraust, ihn anhörst und dich auf den Weg machst, entsteht Kirche. Die Liebe Gottes geht allem voraus. Gott ist immer der erste. Er kommt vor uns, geht uns voraus. Der Prophet Jesaia oder Jeremia – ich bin mir nicht ganz sicher – hat gesagt, dass Gott wie der Mandelbaum ist, denn er trägt als erster seine Blüten im Frühling. Wenn wir ankommen, wartet er auf uns, ruft uns und lässt uns gehen. Er hat immer einen Vorsprung zu uns. Und dabei handelt es sich um die Liebe, denn Gott wartet immer auf uns. „Aber Vater, ich glaube nicht daran, denn Sie wissen nicht, wie hässlich mein Leben ist, wie kann ich davon ausgehen, dass Gott mich erwartet?“. Gott wartet auf dich. Und wenn du ein großer Sünder gewesen bist, wartet er umso mehr auf dich. Er erwartet dich mit großer Liebe, denn er ist der Erste. Und darin besteht die Schönheit der Kirche, die uns zu diesem Gott führt, der auf uns wartet! Er geht Abraham voraus, er geht auch Adam voraus.

3. Abraham und die Seinen hören den Ruf Gottes und machen sich auf den Weg, obwohl sie diesen Gott nicht gut kennen und nicht wissen, wohin er sie führen möchte. Es stimmt, denn Abraham macht sich im Vertrauen auf diesen Gott auf den Weg, der zu ihm gesprochen hat, verfügte jedoch über kein Theologiebuch, um über ihn zu lernen. Er vertraut auf die Liebe. Gott lässt ihn seine Liebe spüren und er vertraut. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Menschen stets überzeugt und treu sind. So zeigen sich von Anfang an Widerstände; ein Ausweichen auf sich selbst und auf die eigenen Interessen sowie die Versuchung, mit Gott Handel zu treiben und die Dinge nach eigenem Gutdünken lösen zu wollen. Da sind der Verrat und die Sünden, von denen der Weg des Volkes entlang der gesamten Heilsgeschichte gekennzeichnet ist; der Geschichte der Treue Gottes und der Untreue des Volkes. Gott wird jedoch nicht müde, Gott hat viel Geduld und im Laufe der Zeit setzt er die Erziehung und Bildung seines Volkes fort wie ein Vater mit seinem Sohn. Gott geht mit uns. Beim Propheten Hosea lesen wir: „Ich bin mit dir gegangen und habe dich das Gehen gelehrt wie ein Vater seinem Sohn“. Wie schön ist dieses Bild Gottes! So ist er mit uns: Er bringt uns das Gehen bei. Und die gleiche Haltung hält er gegenüber der Kirche aufrecht. So machen auch wir trotz unseres Vorsatzes, dem Herrn Jesu nachzufolgen, jeden Tag die Erfahrung des Egoismus und der Härte unseres Herzens. Wenn wir uns jedoch als Sünder erkennen, erfüllt Gott uns mit seiner Barmherzigkeit und seiner Liebe. Und er verzeiht uns, verzeiht uns immer. Und gerade das lässt uns als Volk Gottes und als Kirche wachsen: Nicht unsere Leistungen und Verdienste – wir sind klein, darum geht es nicht – sondern die tägliche Erfahrung, wie groß die Liebe des Herrn zu uns ist und wie sehr er sich um uns kümmert. Dies lässt uns wahrhaft als die Seinen und in seinen Händen erkennen und verhilft uns zum Wachstum in der Gemeinschaft mit ihm und unter uns. Kirche zu sein bedeutet, sich in den Händen Gottes zu fühlen, des Vaters, der uns liebt, liebkost, erwartet und uns seine Zärtlichkeit spüren lässt. Und das ist von großer Schönheit!

Liebe Freunde, das ist der Plan Gottes; als er Abraham rief, dachte Gott an Folgendes: an die Bildung eines gesegneten Volkes aus seiner Liebe, das seine Segnung an alle Völker der Erde verbreitet. Dieser Plan verändert sich nicht; er bleibt immer aufrecht. In Christus fand er seine Erfüllung und heute noch verwirklicht Gott ihn in der Kirche. Bitten wir daher um die Gnade, der Nachfolge des Herrn Jesus und dem Hören seines Wortes treu zu bleiben, in der Bereitschaft, jeden Tag wie Abraham in Richtung des Landes Gottes und des Menschen, unserer wahren Heimat, aufzubrechen und so Segnung und Zeichen der Liebe Gottes zu all seinen Kindern zu werden. Mir gefällt der Gedanke, dass es ein Synonym, einen anderen Namen für uns Christen geben kann: Wir sind Männer und Frauen, Menschen, die segnen. Ein Christ muss mit seinem Leben stets Gott und alle segnen. Wir Christen sind segnende Menschen; Menschen, die segnen können. Dies ist eine schöne Berufung!

Aufruf des Heiligen Vaters

Übermorgen, am 20. Juni 2014, jährt sich der Welttag des Flüchtlings, den die internationale Gemeinschaft jenen widmet, die zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen sind, da sie vor Konflikten und Verfolgung fliehen müssen. Die Zahl dieser Brüder ist im Steigen begriffen und in den vergangenen Tagen wurden weitere Tausende von Menschen dazu veranlasst, ihre Häuser zu verlassen, um sich zu retten. Millionen von Familien, Millionen von Flüchtlingen zahlreicher Länder und jeder Glaubensrichtung erleiden Dramen und Verletzungen, die nur schwer zu heilen sind. Erweisen wir ihnen unsere Nähe, teilen wir ihre Ängste und ihre Unsicherheit bezüglich der Zukunft und lindern wir auf konkrete Weise ihr Leid. Möge der Herr die Menschen und Institutionen unterstützen, die sich großzügig dafür einsetzen, um den Flüchtlingen Aufnahme und Würde zu verleihen und ihnen Grund zur Hoffnung zu geben. Denken wir daran, dass Jesus ein Flüchtling war. Er musste mit dem hl. Josef und der Gottesmutter nach Ägypten fliehen, um sein Leben zu retten. Er war ein Flüchtling. Beten wir zur Gottesmutter, die die Schmerzen der Flüchtlinge kennt, auf dass sie diesen Brüdern und Schwestern nahe sei. Beten wir gemeinsam zur Gottesmutter für die auf der Flucht befindlichen Brüder und Schwestern. [Ave Maria] Maria, Mutter der Flüchtlinge, bete für uns.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Sarah Fleissner]