„Wir müssen einander die Füße waschen“: Predigt Benedikts XVI. in der Messe vom letzten Abendmahl

„Wir müssen einander die Füße waschen im täglichen Dienst der Liebe füreinander“ und indem wir vergeben

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ROM, 21. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Fassung der Predigt, die Benedikt XVI. am Abend des Gründonnerstags während der Messe vom letzten Abendmahl in der Laternanbasilika, der Stammkirche des Bischofs von Rom, gehalten hat.

„Gründonnerstag ist ein Tag des Dankes und der Freude über das große Geschenk der bis ans Ende gehenden Liebe, das der Herr uns gemacht hat. Wir wollen ihn in dieser Stunde darum bitten, daß Dankbarkeit und Freude in uns zur Kraft des Mitliebens mit seiner Liebe werden.“

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Der heilige Johannes beginnt seinen Bericht darüber, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, in einer eigentümlich feierlichen, geradezu liturgischen Sprache. „Es war vor dem Paschafest. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, liebte er sie bis zur Vollendung“ (13, 1). Die „Stunde“ Jesu, auf die sein Wirken von Anfang an zugegangen war, ist gekommen. Was Inhalt dieser Stunde ist, beschreibt Johannes mit zwei Wörtern: Übergang (metabainein, Metabasis) und Agape – Liebe. Beide Wörter deuten sich gegenseitig; beide beschreiben zusammen das Pascha Jesu: Kreuz und Auferstehung, Kreuzigung als Erhöhung, als Übergang in die Herrlichkeit Gottes, als „Hinübergehen“ aus der Welt zum Vater. Es ist nicht so, als ob Jesus nach einem kurzen Besuch auf der Welt nun einfach wieder weggehen und zum Vater zurückkehren würde. Das Hinübergehen ist eine Verwandlung. Er nimmt sein Fleisch, sein Menschsein mit. Im Kreuz, in der Hingabe seiner selbst wird er umgeschmolzen in eine neue Weise des Seins, in der er nun immer zugleich beim Vater und bei den Menschen ist. Das Kreuz, den Akt der Tötung wandelt er um in einen Akt der Hingabe, der Liebe bis ans Ende. Johannes weist mit diesem Wort „bis ans Ende“ voraus auf das letzte Wort Jesu am Kreuz: Es ist vollendet, vollbracht (19, 30). Durch seine Liebe wird das Kreuz zur Metabasis, zur Verwandlung des Menschseins in das Mitsein mit Gottes Herrlichkeit. In diese Verwandlung, in die verwandelnde Kraft seiner Liebe zieht er uns alle hinein, so daß im Mitsein mit ihm unser Leben „Übergang“, Verwandlung wird. So empfangen wir Erlösung – das Zugehören zur ewigen Liebe, auf das wir mit unserer ganzen Existenz warten.

Dieser wesentliche Vorgang der Stunde Jesu wird in der Fußwaschung in einer Art prophetischer Zeichenhandlung dargestellt. In der Fußwaschung tut Jesus anschaulich, in einer konkreten Geste genau das, was der große Christushymnus des Philipper-Briefes als Inhalt des Geheimnisses Christi beschreibt. Jesus legt das Gewand seiner Herrlichkeit ab, er umgürtet sich mit dem „Linnentuch“ des Menschseins und macht sich zum Sklaven. Er wäscht die schmutzigen Füße der Jünger und macht sie so tischfähig für das Gottesmahl, zu dem er sie lädt. An die Stelle der äußeren kultischen Reinigungen, die den Menschen rituell rein machen und doch lassen, wie er ist, tritt das neue Bad: Er macht uns rein durch sein Wort und durch seine Liebe, durch die Gabe seiner selbst. „Ihr seid rein durch das Wort, das ich zu euch gesprochen habe“, wird er in der Weinstock-Rede zu seinen Jüngern sagen (15, 3). Immer wieder wäscht er uns mit seinem Wort. Ja, wenn wir die Worte Jesu besinnlich, betend, glaubend in uns aufnehmen, entfalten sie in uns ihre reinigende Kraft. Tag um Tag werden wir mit vielerlei Schmutz, mit Phrasen, mit Vorurteilen, mit verkürzter und entstellter Weisheit geradezu überschüttet; vielerlei halbe oder offene Unwahrheit drängt immer wieder in uns herein. All das verdunkelt und verunreinigt unsere Seele, bedroht uns mit der Unfähigkeit zur Wahrheit und zum Guten. Wenn wir Jesu Worte wachen Herzens aufnehmen, sind sie wirkliche Waschungen, Reinigungen der Seele, des inneren Menschen. Dazu lädt uns das Evangelium von der Fußwaschung ein, daß wir uns immer wieder von diesem reinen Wasser waschen, tischfähig für Gott und für die Mitmenschen machen lassen. Aber aus Jesu Seite kam nach dem Lanzenstich des römischen Hauptmanns nicht nur Wasser, sondern auch Blut (19, 34; vgl. 1 Joh 5, 6. 8). Jesus hat nicht nur gesprochen, uns nicht nur Worte hinterlassen. Er gibt sich selbst. Er wäscht uns mit der heiligen Kraft seines Blutes, das heißt mit seiner „bis ans Ende“, bis ans Kreuz reichenden Hingabe. Sein Wort ist mehr als Rede, es ist Fleisch und Blut „für das Leben der Welt“ (6, 51). In den heiligen Sakramenten kniet der Herr immer wieder zu unseren Füßen und reinigt uns. Bitten wir ihn, daß wir von dem heiligen Bad seiner Liebe immer tiefer durchdrungen und so wahrhaft gereinigt werden.

Wenn wir dem Evangelium achtsam zuhören, können wir in der Begebenheit von der Fußwaschung zwei verschiedene Aspekte feststellen. Die Waschung, die Jesus seinen Jüngern schenkt, ist zunächst einfach seine Tat – Gabe der Reinheit, der Gottfähigkeit, die er ihnen schenkt. Aber die Gabe wird dann zum Beispiel, zum Auftrag, gegenseitig füreinander dasselbe zu tun. Die Väter haben diese Zweiheit der Aspekte der Fußwaschung mit den Worten sacramentum und exemplum bezeichnet. Sacramentum meint dabei nicht ein bestimmtes Sakrament von den sieben, sondern das Mysterium Christi als ganzes, von der Inkarnation hin zu Kreuz und Auferstehung: Dies Ganze wird zur heilenden und heiligenden Kraft, zur verwandelnden Kraft für die Menschen, wird unsere Metabasis, unsere Umformung in ein neues Sein hinein, in die Offenheit für Gott und in die Gemeinschaft mit ihm. Aber dieses neue Sein, das er uns einfach gibt ohne unser Verdienst, muß dann zur Dynamik neuen Lebens in uns werden. Das Miteinander von Geschenk und Beispiel, das wir im Fußwaschungs-Evangelium finden, ist charakteristisch für das Wesen des Christentums überhaupt. Christentum ist nicht eine Art Moralismus, ein bloßes ethisches System. Am Anfang steht nicht unser Tun, unsere moralische Tüchtigkeit. Christentum ist zuallererst Geschenk: Gott gibt sich uns – nicht etwas gibt er uns, sondern sich selbst. Und dies steht nicht nur am Anfang, im Augenblick der Bekehrung. Er bleibt immerfort der Schenkende. Er beschenkt uns immer wieder. Er ist uns immer voraus. Deshalb ist der zentrale Akt des Christseins Eucharistie: Dankbarkeit für das Beschenktsein, Freude über das neue Leben, das er uns gibt.

Aber dabei bleiben wir nicht passive Objekte göttlicher Güte. Gott beschenkt uns als personale, als lebendige Partner. Die geschenkte Liebe ist Dynamik des Mitliebens, will neues Leben in uns von Gott her sein. So verstehen wir das Wort, das Jesus am Ende der Fußwaschungs-Geschichte zu den Jüngern, zu uns allen sagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (13, 34). Das „neue Gebot“ besteht nicht in einer neuen, schwierigeren Norm, die es vorher nicht gegeben hatte. Das Neue ist die Gabe, die uns in den Geist Christi einführt. Wenn wir dies bedenken, spüren wir, wie weit wir mit unserem Leben von diesem Neuen des Neuen Testaments oft entfernt sind; wie wenig wir der Menschheit das Beispiel des Mitliebens mit seiner Liebe geben. So bleiben wir ihr den Glaubwürdigkeitsbeweis der christlichen Wahrheit schuldig, die sich in der Liebe erweist. Um so dringlicher wollen wir den Herrn bitten, daß er uns durch seine Reinigung reif macht für das neue Gebot.

Im Evangelium von der Fußwaschung erscheint beim Gespräch Jesu mit Petrus noch ein Detail christlicher Lebenspraxis, auf das wir am Schluß noch achten wollen. Petrus hatte sich zunächst vom Herrn die Füße nicht waschen lassen wollen: Diese Umkehrung der Ordnung, daß der Meister – Jesus – die Füße wäscht, daß der Herr den Dienst eines Sklaven übernimmt, widersprach seiner Ehrfurcht vor Jesus, seinem Bild vom Verhältnis zwischen Meister und Jünger ganz und gar. „In Ewigkeit sollst du mir nicht die Füße waschen“, sagt er Jesus mit der bei ihm gewohnten Leidenschaft (13, 8). Seine Messias-Vorstellung ist ein Bild der Hoheit, der göttlichen Größe. Er mußte immer neu lernen, daß Gottes Größe anders ist, als wir uns Größe vorstellen. Daß sie gerade im Heruntersteigen, in der Demut des Dienens, in der Radikalität der Liebe bis zur völligen Entäußerung besteht. Und auch wir müssen es immer wieder neu lernen, weil wir immer wieder einen Gott der Erfolge und nicht der Passion wollen; weil wir nicht zu erkennen vermögen, daß der Hirte als Lamm kommt, das sich gibt und uns so auf die rechte Weide führt.

Als der Herr dem Petrus sagt, daß er ohne die Fußwaschung keinen Teil an ihm haben könne, verlangt Petrus stürmisch danach, daß ihm auch Kopf und Hände gewaschen werden. Darauf folgt das geheimnisvolle Wort Jesu: „Wer gebadet ist, ist ganz rein und braucht nur noch die Fußwaschung“ (Joh 13, 10). Jesus spielt auf ein Bad an, das die Jünger bereits genommen hatten; zur Tischgemeinschaft bedarf es nun nur noch der Fußwaschung. Aber natürlich verbirgt sich darin eine tiefere Bedeutung. Was ist gemeint? Wir wissen es nicht sicher. Halten wir auf jeden Fall fest, daß die Fußwaschung vom Sinn des ganzen Kapitels her kein bestimmtes einzelnes Sakrament bedeutet, sondern das Sacramentum Christi als ganzes – seinen Heilsdienst, seinen Abstieg bis ans Kreuz, seine bis ans Ende gehende Liebe, die uns reinigt und gottfähig macht. Aber hier, mit der Unterscheidung von Bad und Fußwaschung wird nun darüber hinaus doch eine Anspielung auf das Leben der Jüngergemeinschaft, auf das Leben der Kirche erkennbar. Es ist wohl klar, daß das Bad, das uns definitiv reinigt und keiner Wiederholung bedarf, die Taufe ist – das Eingesenktsein in Christi Tod und Auferstehung, das unser Leben von Grund auf verändert, uns gleichsam eine neue Identität gibt, die bleibt, wenn wir sie nicht wie Judas wegwerfen. Aber auch im Bleiben dieser neuen, in der Taufe geschenkten Identität brauchen wir für die Tischgemeinschaft mit Jesus die „Fußwaschung“. Was ist das? Mir scheint, daß der Erste Johannes-Brief uns den Schlüssel zum Verstehen schenkt. Da heißt es: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht“ (1, 8f). Die „Fußwaschung“ von den täglichen Sünden brauchen wir, und deshalb brauchen wir das Bekenntnis der Sünden, von dem der hl. Johannes in diesem Brief spricht. Wir müssen erkennen, daß wir auch in unserer neuen Identität als Getaufte sündigen. Wir brauchen das Bekenntnis, wie es seine Gestalt im Sakrament der Versöhnung gefunden hat. In ihm wäscht uns der Herr immer neu unsere schmutzigen Füße, und wir können mit ihm zu Tische sein.

So gewinnt aber auch das Wort eine neue Bedeutung, mit dem der Herr das sacramentum zum exemplum, zum Geschenk, zum Dienst am Mitmenschen ausweitet: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh 13, 14). Wir müssen einander die Füße waschen im täglichen Dienst der Liebe füreinander. Wir müssen uns die Füße waschen aber auch in dem Sinn, daß wir einander immer wieder vergeben. Die Schuld, die der Herr uns erlassen hat, ist immer unendlich größer als alle Schulden, die andere bei uns haben können (vgl. Mt 18, 21 – 35). Dazu mahnt uns der Gründonnerstag, nicht in uns den Groll über den anderen in der Tiefe zur Vergiftung der Seele werden zu lassen. Er mahnt uns, immer neu unser Gedächtnis zu reinigen, indem wir von Herzen einander vergeben, einander die Füße waschen, um uns so zusammen an den Tisch Gottes begeben zu können.

Gründonnerstag ist ein Tag des Dankes und der Freude über das große Geschenk der bis ans Ende gehenden Liebe, das der Herr uns gemacht hat. Wir wollen ihn in dieser Stunde darum bitten, daß Dankbarkeit und Freude in uns zur Kraft des Mitliebens mit seiner Liebe werden. Amen.

 

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