„Wir müssen zuallererst damit beginnen, uns selbst zu ändern“: Jean Vanier über den Umgang mit depressiven Menschen

Interview mit dem Gründer der Gemeinschaft „Arche“ für Personen mit geistigen Behinderungen

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ROM, 16. Februar 2007 (ZENIT.org).- „Wenn man sich in der Gegenwart eines Menschen befindet, die an einer Depression leidet, dann wird man selbst ganz arm. Die Frage ist: Wie sollen wir uns in unserem eigenen Elend gegenüber der betreffenden Person, wie mit dem depressiven Element in uns gegenüber der Depression verhalten?“ Diese Frage wirft Jean Vanier im folgenden Interview auf, das er ZENIT gewährt hat.



Jean Vanier ist Gründer der Gemeinschaft Die Arche, die sich um Personen mit geistigen Behinderungen kümmert. Sie besteht aus 130 Zentren und ist in 34 Ländern präsent, unter anderem auch in Deutschland, Österreich, und der Schweiz. Jean Vanier ist darüber hinaus Mitbegründer der Gemeinschaft Glaube und Licht.

„Die Depression ist keine Krankheit, derer man sich schämen oder die man vor sich selbst und den anderen verstecken müsste... Die Verwundungen des Herzens stellen eine Wirklichkeit des Lebens dar, von der niemand ausgeschlossen bleibt“, schreibt Jean Vanier in seinem Buch mit dem Titel „Die Depression“, das auf Englisch unter dem Titel Seeing Beyond Depression erschienen ist.

ZENIT: Die Depression ist eine Plage der modernen Gesellschaft. Wie soll man ihr begegnen? Wie kann man depressiven Menschen helfen?

-- Jean Vanier: Man muss über Depression sprechen, und zwar als die menschlichste und wirklichste Sache der Welt. Die Frage besteht darin, welche Prioritäten man setzt. Und das große Problem ist, dass man einen Teil seiner selbst vernachlässigt, wenn man sein Hauptaugenmerk nur auf das Können, auf die eigene Kraft usw. legt: einen Teil seiner selbst; jenen Teil, der das Kind, die zerbrechliche Frau, der eine verwundbare Mensch ist.

Aus einer Depression herauskommen bedeutet, Menschen zu finden, die einen gern haben. Und zwar nicht weil man stark ist und Erfolg hat, sondern einfach um seiner selbst willen, mit der eigenen Schwäche.

ZENIT: Das können wir uns selbst oder auch der depressiven Person immer wieder sagen. Wie aber kann dieser Gedanke von beiden Seiten wirklich verinnerlicht werden?

-- Jean Vanier: Wir stehen hier vor einem gewaltigen Problem: Es sind nicht nur die Medikamente, die den Menschen helfen können. Medikamente können die Ängste abschwächen, aber die große Frage ist: „Möchte ich entdecken, was es heißt, Mensch zu sein?“

Der Mensch ist klein zur Welt gekommen, und er wird auch klein sterben. Sind wir bereit unsere Schwäche so anzunehmen, wie sie wirklich ist? Wir leben in einer Gesellschaft, die diese Gegebenheit ablehnt: Die Schwachen werden zurückgewiesen. Man möchte sich der Alten entledigen, man möchte sich der Behinderten entledigen – und wir möchten uns unserer Schwachheit entledigen. Wie sollen wir den Menschen so helfen können, die Bedeutung des Menschseins wiederzuentdecken?

ZENIT: Kann Depression als eine geistige Behinderung betrachtet werden?

-- Jean Vanier: Depression ist auf keinen Fall eine geistige Behinderung. Ein depressiver Mensch ist das, was ich als einen „Behinderten des Atems“ bezeichnen würde.

Die Depression ist eine Krankheit des Atems, der Energie. Irgendwo wird die Energie blockiert. Und eben diese Blockade des Atmens verursacht leider alle Arten der Verzweiflung, jener Dinge, die man in seinem eigenen Inneren beruhigen möchte. Dann besteht die Gefahr, den Kopf vor dem Fernsehschirm zu verstecken, Alkohol zu trinken, Drogen zu sich zu nehmen und etwas Neues zu suchen – anstatt im eigenen Inneren. Und genau das ist das große Drama!

ZENIT: Das Problem der an einer Depression erkrankten Person besteht doch darin, dass sie eben gerade nicht den Schritt in sich selbst hinein zu tun vermag, sondern die Antworten auf ihr Unwohlsein außerhalb sucht...

-- Jean Vanier: Sicherlich. Deshalb bedarf es einer Person, die in das Innere des betroffenen Menschen schaut. Dazu aber muss diese Person selbst das Bedürfnis spüren, ein wenig ihr Leben zu ändern. Die Blockaden, von denen wir gesprochen haben, treten nämlich immer dann auf, wenn wir uns auf ein bestimmtes Gebiet stürzen, zum Beispiel auf den Erfolg, und dabei einen anderen Teil unserer selbst vergessen.

Der Mensch ist ein komplexes Wesen. Man braucht daher sowohl Fähigkeiten als auch Herz; die Beziehungen mit den anderen Menschen sind notwendig. Aber in diesen Beziehungen geht es nicht darum, die Person zu beherrschen, sondern in Gemeinschaft mit ihr zu stehen.

Wir finden hier ein geistliches Element, einen inneren Motor, der mir helfen wird zu leben, aber auch zu entdecken, dass ich mit meinem Leben gute Dinge vollbringen kann. Wir entdecken auch, dass hier die Frage des Glaubens, die Fragen des Todes und des Scheiterns berührt werden. Und sehr häufig hat der Betroffene etwas aus seinem eigenen Leben verbannt. Darum müssen wir ihm helfen, in seinem tiefsten Inneren danach zu suchen.

Es ist aber wichtig, dass nicht jeder den Depressiven ändern möchte. Es muss Menschen geben, die ihn so annehmen, wie er ist. Wenn man den Menschen ändern möchte anstatt ihn so zu lieben, wie sie ist, dann riskiert man, von ihm abgelehnt zu werden.

ZENIT: Wie also kann man lernen, diese Menschen zu lieben? Wie soll man ihnen in ihren Ängsten beistehen?

-- Jean Vanier: Die Frage besteht eher darin, wie wir diesen Personen in unserer Armut helfen können, weil ihr Mangel an Atem ein Mangel an Kraft ist.

Sie entdecken ihre Armut. Und wenn man sich in der Gegenwart einer Person befindet, die an einer Depression leidet, dann wird man selbst ganz arm. Die Frage ist doch: Wie sollen wir uns in unserem eigenen Elend gegenüber der betreffenden Person, wie mit dem depressiven Element in uns gegenüber der Depression verhalten?

ZENIT: Glauben Sie, dass jeder fähig ist, dem, der an einer Depression leidet, zu helfen und ihn auf dem Weg in die „Freiheit“ zu begleiten?

-- Jean Vanier: Wir alle sind der Depression unterworfen. Wir alle sind fähig, in die Welt der Verzweiflung einzutreten. Bernanos sagte, dass man in die Abgründe der Verzweiflung hinabsteigen muss, um Hoffnung zu finden. Aber um begleiten zu können, muss man aufmerksam sein.

Wenn man von Begleitung spricht, verbirgt sich dahinter häufig der Wunsch, die andere Person ändern zu wollen. Man muss die Person in ihrer Depression lieben. Das ist der beste Weg, ihr zu helfen. Deshalb müssen wir zuallererst damit beginnen, uns selbst zu ändern, wenn wir jemandem helfen wollen.

ZENIT: Das psychische Wohl der Kranken ist Ihre tägliche Sorge. Wie beurteilen Sie, was heutzutage im medizinischen und auch im gesellschaftlichen Bereich getan wird, um den an einer Depression leidenden Personen zu helfen?

-- Jean Vanier: Für mich heißt das, in meiner Gemeinschaft mit Personen zu leben, die Höhen und Tiefen haben. Beispielsweise haben wir hier soeben eine junge 22-jährige Frau aufgenommen, die keine Familie hat. Sie ist geistig behindert und wurde von einer Aufsichtsperson misshandelt. Sie ist gerade erst hier angekommen und ist in die Phase einer leichten Depression eingetreten, weil einer meiner Assistenten, den sie sehr lieb gewonnen hat, bald weggeht.

Wie soll man sich ihr gegenüber verhalten? Sie nicht zwingen, sich zu ändern, sondern sie so annehmen, wie sie ist? Es handelt sich um eine junge Frau, die ein enormes Bedürfnis hat, das zu finden, was sie nie gehabt hat. Es wird etwas dauern, also kann ich keine Zeit damit verlieren, mich zu fragen, was um uns herum geschieht. Es ist notwendig, dass ich heute versuche, mich machtlos vor einer jungen Frau wie ihr zu fühlen und ihr trotz allem zu helfen – indem ich ihr nah bin.

[Nähere Informationen auf der Webseite des Christlichen Büros für Personen mit Behinderungen, das sich seit über 40 Jahren um Personen mit Behinderungen und ihren Angehörigen kümmert]