"Wir sind alle Brüder in Christus"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 391 klicks

Die heutige Generalaudienz begann um 10.15 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Rede sprach der Papst über seine Reise in das Heilige Land.

Nach einer Zusammenfassung seiner Katechese in verschiedenen Sprachen richtete der Heilige Vater einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des „Vater Unser“ und dem Apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

***

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wie euch bekannt ist, habe ich in den vergangenen Tagen eine Pilgerfahrt in das Heilige Land unternommen. Sie war ein großes Geschenk für die Kirche und ich möchte Gott dafür danken. Er hat mich in dieses gesegnete Land der historischen Gegenwart Jesu geführt, in dem sich grundlegende Ereignisse für das Judentum, das Christentum und den Islam zugetragen haben. Erneut möchte ich Seiner Seligkeit, dem Patriarchen Fouad Twal, den Bischöfen der verschiedenen Riten, den Priestern und den Franziskanern der Kustodie des Heiligen Landes meine aufrichtige Anerkennung aussprechen. Diese Franziskaner sind gut! Ihre Arbeit – das, was sie tun – ist wunderbar! Mein Dank gilt ebenso den jordanischen, israelischen und palästinensischen Autoritäten, die mich mit großer Freundlichkeit und auch Freundschaft aufgenommen haben, sowie all jenen, mit deren Hilfe dieser Besuch ermöglicht wurde.

1. Der Hauptanlass für diese Pilgerfahrt war das fünfzigste Jubiläum des historischen Treffens zwischen Papst Paul VI. und dem Patriarchen Athenagoras. Mit dieser Reise besuchte ein Nachfolger Petri zum ersten Mal das Heilige Land: So begann Paul VI. während des Zweiten Vatikanischen Konzils als erster Papst der Neuzeit die Epoche der außeritalienischen Reisen. Diese prophetische Geste des Bischofs von Rom und des Patriarchen von Konstantinopel markierte einen Meilenstein auf dem schweren aber vielversprechenden Weg zur Einheit aller Christen, auf dem sich seither bedeutende Entwicklungen vollzogen haben. Daher kennzeichnete meine Begegnung mit Seiner Heiligkeit Bartholomäus, meinem geliebten Bruder in Christus, den Höhepunkt meines Besuches. Gemeinsam haben wir im Beisein des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos III., des armenischen apostolischen Patriarchen Nourhan sowie Erzbischöfen, Bischöfen verschiedener Kirchen und Gemeinschaften, ziviler Autoritäten und zahlreicher Gläubigen am Grab Jesu gebetet. An diesem Ort, an dem die Ankündigung der Auferstehung vernommen wurde, spürten wir Bitterkeit und Leiden angesichts der nach wie vor existierenden Spaltungen zwischen den Jüngern Christi; diese tun sehr weh, sie tun im Herzen weh. Immer noch sind wir gespalten; ausgerechnet an jenem Ort, an dem die Auferstehung verkündigt wurde, an dem Jesus uns das Leben gab, sind wir immer noch ein wenig gespalten. Vor allem haben wir bei dieser von gegenseitiger Brüderlichkeit, Wertschätzung und Zuneigung erfüllten Feier die Stimme des auferstandenen guten Hirten, der all seine Schafe zu einer Herde vereinen will, lautstark vernommen; wir vernahmen den Wunsch, die noch offenen Wunden zu heilen und den Weg zur vollen Einheit fortzusetzen. Einmal mehr bitte ich wie die mir vorausgegangenen Päpste um Vergebung für das, was wir getan haben, um diese Spaltung zu begünstigen, und bitte den Heiligen Geist, dass er uns helfe, jene Wunden zu heilen, die wir den Brüdern zugefügt haben. Wir sind alle Brüder in Christus und Freunde und Brüder des Patriarchen Bartholomäus und teilen mit ihm den Willen, gemeinsam zu gehen und von heute an alles zu tun, das uns möglich ist: gemeinsam beten, gemeinsam für die Herde Gottes arbeiten, nach dem Frieden trachten, die Schöpfung bewahren – viele Dinge haben wir gemeinsam. Und wir müssen unseren Weg als Brüder fortsetzen.

2. Ein weiteres Ziel meiner Pilgerfahrt in diese Region bestand in der Ermutigung, auf dem „Weg des Friedens voranzuschreiten“. Dieser ist zugleich ein Geschenk Gottes und Einsatz der Menschen. Ich habe das in Jordanien, Palästina und Israel getan. Dabei war ich stets ein Pilger im Namen Gottes und der Menschen und mein Herz war erfüllt von großem Mitgefühl für die Kinder dieses Landes, die schon zu lange mit dem Krieg leben und das Recht haben, endlich Tage des Friedens zu erleben!

Daher ermahnte ich die gläubigen Christen, sich offenen Herzens und im Gehorsam dem Heiligen Geist gegenüber „salben“ zu lassen, um immer mehr zu Gesten der Demut, der Brüderlichkeit und der Versöhnung fähig zu werden. Der Geist erlaubt uns eine Annahme dieser Verhaltensweisen im täglichen Leben, mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen, sodass wir „Erbauer“ des Friedens werden. Der Frieden wird „von Hand“ aufgebaut! Es gibt keine Friedensfabriken, nein. Der Frieden wird Tag für Tag von Hand und offenen Herzens aufgebaut, damit das Geschenk Gottes kommen kann. Daher rührt mein Aufruf an die christlichen Gläubigen, sich „salben“ zu lassen.

In Jordanien dankte ich den Autoritäten und dem Volk für ihren Einsatz bei der Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten – einen humanitären Einsatz, der die ständige Unterstützung der internationalen Gemeinschaft verdient und erfordert. Ich war bewegt von der Großzügigkeit des jordanischen Volkes bei der Aufnahme der Flüchtlinge, vieler Kriegsflüchtlinge aus diesen Gebieten. Möge der Herr diesem gastfreundlichen Volk großen Segen zuteilwerden lassen! Und wir müssen den Segen des Herrn für diese Gastfreundlichkeit erbeten und alle internationalen Institutionen um Hilfe für dieses Volk in seinem Einsatz für die Aufnahme bitten. Im Rahmen der Reise habe ich die betreffenden Autoritäten auch andernorts um die Fortsetzung der Bemühungen zur Abschwächung der Spannungen im mittleren Osten – vor allem im gepeinigten Syrien – gebeten sowie darum, weiterhin nach einer gerechten Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina zu suchen. Daher habe ich den Präsidenten von Israel und den Präsidenten Palästinas – zwei Männer des Friedens und Friedensstifter – in den Vatikan eingeladen, um gemeinsam mit mir für den Frieden zu beten. Ich bitte euch darum, uns nicht alleine zu lassen: Betet, betet viel, auf dass der Herr uns den Frieden schenke und ihn in diesem gesegneten Land verbreite! Ich zähle auf eure Gebete. Betet lautstark in dieser Zeit, betet viel um die Ankunft des Friedens.

3. Diese Reise in das Heilige Land bot auch die Gelegenheit, „die christlichen Gemeinden im Glauben zu bestätigen“, die großes Leid erleben, und der gesamten Kirche für die Gegenwart der Christen in dieser Gegend und im gesamten mittleren Osten Dankbarkeit zu bekunden. Diese Brüder sind mutige Zeugen der Hoffnung und der Barmherzigkeit, „Salz und Licht“ in diesem Land. Mit ihrem Leben des Glaubens und des Gebetes und der geschätzten Bildungs- und Unterstützungstätigkeit wirken sie zugunsten der Versöhnung und der Vergebung und leisten einen Beitrag zum Allgemeinwohl der Gesellschaft.

Mit dieser Pilgerreise, einer wahren Gnade des Herrn, wollte ich ein Wort der Hoffnung verbreiten, doch dieses habe ich selbst auch empfangen! Ich empfing es von den Brüdern und Schwestern, die „gegen alle Hoffnung“  und durch viel Leid hoffen (vgl. Röm 4,18); wie jene, die aufgrund von Konflikten aus ihren Ländern fliehen mussten; wie jene, die in verschiedenen Teilen der Welt wegen ihres Glaubens in Christus diskriminiert und missachtet werden. Lasst uns ihnen weiterhin nahe sein! Beten wir für sie und für den Frieden im Heiligen Land und im gesamten mittleren Osten. Das Gebet der gesamten Kirche möge auch das Voranschreiten auf dem Weg zur vollen Einheit der Christen stützen, damit die Welt an die Liebe Gottes im gekommenen und unter uns lebenden Jesus Christus glaubt.

Nun möchte ich euch alle zum gemeinsamen Gebet einladen, zum gemeinsamen Gebet zur Gottesmutter, der Königin des Friedens, der Königin der Einheit der Christen, der Mutter aller Christen: Möge sie uns und der ganzen Welt den Frieden schenken und unsere Begleiterin auf diesem Weg zur Einheit sein.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Sarah Fleissner]