„Wir sind dazu berufen, Geburtshelfer für ein Leben in größtmöglicher Fülle zu sein“

Predigt von Bischof Kapellari bei der Sommervollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz

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GRAZ/MARIAZELL, 12. Juli 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Grazer Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari am 18. Juni zum Abschluss der Sommervollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz in Mariazell gehalten hat.

Die Hirten hatten sich im Marienwallfahrtsort drei Tage lang insbesondere über folgende Themen ausgetauscht: die weltweite Hungerkrise, die Besorgnis erregende Entwicklung im Irak, das österreichische Lebenspartnerschaftsgesetz und Fragen der Seelsorge (ZENIT berichtete).

Bischof Kapellari blickte auf den Papstbesuch in Österreich zurück und betonte, dass die Jungfrau Maria auch heute noch mit den Worten „Was er euch sagt, das tut“ auf ihren Sohn zeige. „Das ist ein Dauerauftrag an die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte“, so Bischof Kapellari. „Ein Wort für einen Weg, der immer wieder durch blühendes Land und dann wieder durch Steppen, ja durch Wüsten führt.“

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Wenn wir, die österreichischen Bischöfe, uns in Mariazell versammeln, um gemeinsam zu beten und zu beraten, dann erinnern wir uns immer auch an zwei große geistliche Ereignisse, die hier Pilger aus ganz Österreich und aus vielen Nachbarländern versammelt haben, um zu beten und Impulse zu empfangen für den Weg der Kirche inmitten der Zivilgesellschaft unseres Kontinents und inmitten der Weltkirche und der ganzen Menschheit. Das eine dieser Ereignisse war der Mitteleuropäische Katholikentag im Jahr 2004, das andere war der Besuch des Heiligen Vaters im September des vorigen Jahres. Die Leitworte und die Botschaften dieser beiden großen Feste des Glaubens sollten nicht bloß von episodischer Bedeutung gewesen sein. Sie sollen den Weg der Kirche zumal in Österreich begleiten und wie Wandelsterne über diesem Weg leuchten.

Der Besuch des Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI., stand unter dem Leitwort „Auf Christus schauen!“. Gemeint war damit auch der ergänzende Imperativ „Auf Christus hören!“. Das Leitwort des vorausgehenden Mitteleuropäischen Katholikentages war damit verwandt: ein Wort aus dem Mund Marias, der Mutter Jesu Christi, das sie bei der Hochzeit in Kana den ratlos gewordenen Gestaltern dieses Festes gesagt hat, nachdem ihnen der Wein zur Bewirtung der Gäste ausgegangen war. Das Wort Marias war ein Hinweis auf ihren Sohn. Wir haben es eben im Evangelium dieser Heiligen Messe wieder gehört. Es lautet. „Was er euch sagt, das tut“. Das ist ein Dauerauftrag an die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte. Ein Wort für einen Weg, der immer wieder durch blühendes Land und dann wieder durch Steppen, ja durch Wüsten führt.

Was er euch sagt, das tut. Das ist also besonders auch ein Wort an uns. Was sagt uns Jesus Christus heute? Er sagt uns einerseits das immer jung bleibende Wort des Evangeliums. Er stellt uns dabei aber die Aufgabe, dieses Wort mit seinen Herausforderungen und Verheißungen immer tiefer zu verstehen in Auseinandersetzung mit dem, was Jesus selbst die „Zeichen der Zeit“ genannt hat.

„Was ist die Uhr, Horatio?“, fragt Hamlet im gleichnamigen Drama Shakespeares nahe an Mitternacht, also in einer Stunde der Wende, einen Freund. „Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“ – so fragt eine Stimme im biblischen Isaiasbuch den Mann auf der Zinne der Stadtmauer. Diese Frage stellt sich im Lauf der Geschichte immer wieder. Sie richtet sich an Zeitgenossen, denen Hellsichtigkeit und Deutungskompetenz zugetraut wird: an Philosophen, an Künstler, an Gelehrte aller Art und auch an religiöse Instanzen. Als Frage an die Kirche ist sie besonders eine Herausforderung an alle, denen ein prophetisches Charisma gegeben ist. Viel von einem solchen prophetischen Charisma war in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts den Päpsten dieser Zeit geschenkt, und auch dem jetzigen Papst ist betreffend die Diagnose unserer Epoche und das Aufzeigen heilender Kräfte offenkundig ein solches prophetisches Charisma gegeben.

„Die Zeit ist voller Bedrängnis, die Sache Christi liegt wie im Todeskampf“, hat vor etwa 150 Jahren der große heiligmäßige Theologe und spätere Kardinal John Henry Newman gesagt. Das gilt im Auf und Ab der Geschichte immer wieder und gilt heute für viele Zonen unserer Erde. Zahlreich sind die Krisenherde vor allem in Afrika und Asien. Alte und neue Seuchen, Hunger, der drohende Klimawandel, der islamistische Terrorismus, die politische Situation im Nahen und Mittleren Osten, die Instabilität der Finanzmärkte, die Frage nach der Zukunft der Versorgung mit Energie, die Probleme der Migration und Integration – das sind nur einige, wenn auch besonders bedrängende global relevante „Zeichen unserer Zeit“. Und inmitten der globalen Situation ist unser Europa in vielen seiner Länder und so auch in Österreich bedroht durch einen demographischen Winter wegen der generell geringen Zahl von Kindern, besonders auch bei den Christen. Und die Kirche in unserem Europa ist auf eine doppelte Weise herausgefordert: Einerseits durch eine weit verbreitete säkularistische Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Erbe und daraus folgende Versuche zur Verdrängung von Religion aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre der Menschen. Und andererseits stellt der neu erwachte Islam auch Europa viele Fragen, denen hier sowohl die Christen wie auch agnostische Laizisten noch weithin ausweichend oder nur oberflächlich begegnen. Was dabei für Christen wie für agnostische Europäer auf dem Spiel steht, ist ein Gutteil der in Jahrhunderten gewachsenen europäischen Identität. Bei Auseinandersetzungen mit dem vielgestaltigen Islam darf und will die Kirche gewiss kein Öl in irgendein Feuer gießen. Sie darf aber auch nicht bequem, ängstlich oder naiv darauf verzichten, dem Islam unabweisbare Fragen zu stellen und konkrete Erwartungen zu formulieren. Das sind vor allem auch Fragen und Erwartungen betreffend das Zusammenleben in einer europäisch-demokratischen Gesellschaft und Fragen betreffend Religionsfreiheit und andere Menschenrechte in islamisch dominierten Ländern. Von Hinweisen auf Fehler und Sünden der Christenheit dürften wir uns dabei nicht einschüchtern lassen. Die Christenheit ist ja durch das manchmal zerstörerische, aber im Ganzen läuternde Feuer der europäischen Aufklärung gegangen, die sich zum Teil auch christlichen Impulsen verdankt. Die katholische Kirche hat historische Schuld einbekannt und sie ist heute trotz aller Mängel so etwas wie eine Großmacht der Barmherzigkeit inmitten der Menschheit.

Ein sehr bedrängendes Zeichen der Zeit in Europa ist auch der Umgang mit dem menschlichen Leben an seinem Anfang und seinem Ende. Abtreibung und Euthanasie sind soziale Wunden, mit denen wir uns als Christen nie abfinden dürfen. Als Christen sind wir im Gegenteil dazu berufen, Geburtshelfer für ein Leben in größtmöglicher Fülle zu sein und dies nicht nur als Dienst an Christen, sondern an allen Menschen, die diesen Dienst annehmen.

Die Zeichen der Zeit sind aber heute, wie wohl immer wieder, nicht nur bedrohlich. Es gibt millionenfach auch das verheißungsvolle Gute. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat Hölderlin gesagt. Dieses Wort können jene Christen bestätigen, die sich auf ein Leben mit dem immer wieder als nahe und dann wieder als tief verborgen erfahrenen Gott wirklich eingelassen haben. Welt und Kirche sind auch heute reich an Keimen der Hoffnung und dies auch in Europa. Die großen Utopien der Moderne sind hier verbraucht. Umso wichtiger wird dann die Hoffnung und zumal das gute Brot christlicher Hoffnung, dem der Papst seine zweite Enzyklika „Spe salvi“ gewidmet hat. Diese Hoffnung hat für uns Christen einen Namen und ein Gesicht: den Namen und das Antlitz Jesu Christi. Auf ihn schauen und ihn den Menschen zeigen, damit sie menschlicher werden, das ist der Auftrag der ganzen Kirche und besonders auch der Auftrag an uns Bischöfe, die Hirten inmitten der Kirche. Maria zeigt im Gnadenbild von Mariazell auf ihn hin und sie sagt im Evangelium den Christen von Generation zu Generation: „Was er euch sagt, das tut!“ Möge unsere Einkehr an diesem Gnadenort die Kraft dazu stärken.

[Von der Diözese Graz-Sekau veröffentlichtes Original]