„Wir waren immer der Stachel im Fleisch“

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner über die innere Freiheit der Christen in der DDR und katholische Befindlichkeiten in Deutschland nach dem Mauerfall

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Von Regina Einig

WÜRZBURG, 7. November 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In einem Interview mit der Deutschen Tagespost blickt der Kölner Kardnial, Joachim Meisner zurück auf die innere Freiheit der Christen in der DDR und katholische Befindlichkeiten in Deutschland nach dem Mauerfall.

Eminenz, wie beurteilen Sie die Entwicklung der katholischen Kirche in Ostdeutschland seit 1989?

--Kardinal Joachim Meisner: Eigentlich recht positiv. Den Statistiken zufolge mag sie abgenommen haben, aber die Gläubigen in den neuen Bundesländern lebten vor dem Mauerfall unter dem Druck des theoretischen Materialismus und des Atheismus. Jetzt ist mit der Wende wie eine Sturzwelle der ganze praktische Materialismus hereingebrochen und auch die Möglichkeit, ihn zu nutzen, weil man jetzt alles kaufen kann. Dass trotzdem eine Kerngemeinschaft die Werte des Evangeliums hochhält und der Nachfolge Christi treu bleibt, das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Leider sehen wir Priester und Bischöfe zunächst immer nur das Negative und nicht das Positive. Christus sagt, dass das Reich Gottes einem Schatz gleiche, der im Acker verborgen sei. Das Verborgene muss man sehen wollen, sonst findet man es nicht. Ich kenne Familien, einzelne Gläubige, Priester, die ein heroisches Leben in der Nachfolge Christi führen. Das kann einen nur innerlich bewegen. Die Quantität ist weniger geworden, aber die Qualität ist gewachsen, und ich denke, dass von dort auch eine missionarische Kraft ausgehen kann.

Seit der Wende machen prominente ostdeutsche katholische Laien wie Hans-Joachim Meyer oder Wolfgang Thierse in der Kirche eher durch romkritische Positionen von sich reden. In Konfliktsituationen den medialen Schulterschluss mit dem Heiligen Vater zu wagen, scheint Sache der westdeutschen Laien zu sein. Warum gibt es kein ostdeutsches Pendant zu Robert Spaemann, Martin Mosebach oder Hubert Hüppe?

--Kardinal Joachim Meisner: Da haben Sie recht. Da müssen auch die Bischöfe mit gutem Beispiel in Ostdeutschland vorgehen und darauf achten, theologisch die Mitte zu halten. Zu den ostdeutschen Namen, die Sie genannt haben, möchte ich nur sagen: Da scheint viel Anpassung im Spiel zu sein. Man möchte unter Beweis stellen, dass man auch auf dem Zenit der Zeit steht. Das kostet ja nichts. Auf den Papst zu schimpfen, ist heute „in“. Wir Katholiken konnten in der DDR jedoch nur in innerer Freiheit überleben, weil wir Rom im Rücken hatten. Mir wurde oft von politischer Seite gesagt: Wir würden mit den wenigen Prozenten katholischer Christen längst klar Schiff gemacht haben, wenn an ihnen nicht der Papst und damit fast eine Milliarde Katholiken hängen würden. Deswegen gab es zu unserer Zeit kaum einen anti-römischen Affekt. Wer meint, man brauche ihn jedoch heute, um sich als moderner Christ zu definieren, der macht ihn ja nur nach.

Worin sehen Sie die bedeutendste geistliche Bereicherung im Zug der Wende für die Katholiken im Osten?

--Kardinal Joachim Meisner: Ich will ein konkretes Beispiel erzählen: Ich bin in Rom und da kommt ein mir bekanntes Ehepaar aus Magdeburg. Sie sind zum ersten Mal in Rom und stehen vor dem Petersplatz an der Brüstung. Da sagt er zu seiner Frau ganz ergriffen: „Schau mal, hier gehören wir dazu.“ Halten Sie sich folgendes einmal vor Augen: Wir haben in Erfurt zu den Herbstwallfahrten immer ausländische Bischöfe eingeladen. Weil die Ostdeutschen nicht heraus durften, konnten sie Weltkirche nur theoretisch erleben. Deswegen haben wir ausländische Bischöfe zu uns geholt, damit die Menschen merkten, dass sie zur Weltkirche gehörten. Jetzt können sie es endlich selbst überall in der Welt erfahren und Kontakte aufnehmen zu geistlichen Gemeinschaften. Aber ich gebe zu: Sich öffentlich zu äußern, war in der DDR-Zeit kaum möglich. Und deswegen gibt es auch eine gewisse Zurückhaltung, vielleicht auch Unsicherheit, nach außen aufzutreten.

Gab es unter den Katholiken in der DDR gegenüber Papst Johannes Paul II. und seinen Vorgängern eine größere Aufgeschlossenheit als unter den Gläubigen im Westen?

--Kardinal Joachim Meisner: Auf jeden Fall. Ich war ja Bischof von Berlin in beiden Teilen. Gerade Johannes Paul II. war einer von uns im Osten. Wir kannten ihn. Er hatte vor seiner Papstwahl die DDR besucht und war bei einer der großen Herbstwallfahrten in Erfurt. Er war auch in Görlitz und in Berlin gewesen. Von der Diözese Erfurt aus haben wir mit den Priestern, die fünf Jahre im Dienst waren, in einem Kloster bei Krakau regelmäßig Exerzitien gemacht. An einem Abend kam auch der Erzbischof von Krakau, der spätere Papst Johannes Paul, dazu. Das war Freundschaft, eine echte Kameradschaft. Wenn jemand auf den Papst geschimpft hat, haben wir uns persönlich angegriffen gefühlt. Und unter den Bischöfen schien doch das Herz für Johannes Paul II. manchmal höher zu schlagen als im Westen. Paul VI. hatte mit seinem Staatssekretär Kardinal Casaroli mit Blick auf die vatikanische Ostpolitik Pläne ausgearbeitet, um die DDR gegen unsere Intention auch völkerrechtlich anzuerkennen und eine eigene kirchliche Hierarchie zu schaffen. Natürlich wollten sie uns damit helfen, weil sie alle davon ausgingen, mindestens noch hundert Jahre mit dem Kommunismus leben zu müssen. Dann starb der Papst. Und so sagte uns sein Nachfolger Johannes Paul II. dann: Ich kenne den Osten, Ihr habt einen Modus vivendi, unter dem Ihr hier lebt, und der genügt, und den werden wir nicht schriftlich fixieren.

„Wir verweigerten uns als gesamtes gesellschaftliches Gebilde in einem totalitären System, das darauf ausgerichtet war, jedes Einzelphänomen im Staat als pars pro toto zu betrachten“

Vermissen Sie heute vielleicht auch manchmal das binnenkirchliche Leben in der DDR?

--Kardinal Joachim Meisner: Durchaus. In der gesamtdeutschen Bischofskonferenz beraten heute fast 80 Mitglieder. Vor der Wende waren wir im Osten zwölf. Unsere Bischofskonferenz war ein Konveniat. Da konnte man persönliche Anliegen vertrauensvoll auf den Tisch legen. Davon kam nie etwas in die Presse. Wir waren in Ostdeutschland in den einzelnen Diözesen wohl nie mehr als 200 Priester. Zur Beerdigung eines Mitbruders kamen in der Regel alle anderen Priester zusammen. Wir hatten zweimal im Jahr eine Gesamtpriesterkonferenz, und wenn ein Priester öfter fehlte, wusste man das und konnte ihm einen Besuch abstatten. Wenn ich vor dem Mauerfall durch das Land fuhr, wusste ich: Dort wohnte dieses oder jenes Pfarrgemeinderatsmitglied, dort in diesem Dorf wohnte noch als einzige Katholikin eine alte Frau, die jeden Tag den Rosenkranz betete, sodass in diesem Dorf sechsmal das Gloria Patri gebetet wurde. Das gab es ja so schon in Westberlin praktisch nicht mehr. Insofern war meine Aufgabe als Bischof in Westberlin für mich auch ein Noviziat für die alte Bundesrepublik.

War aus Ihrer Sicht die Entscheidung, relativ kleine Bistümer in Ostdeutschland zu gründen, im Nachhinein gesehen richtig?

Lassen Sie mich dazu nur sagen: Vielleicht müssen die Bistümer in Ostdeutschland noch mehr Kooperationsformen suchen und verwirklichen. Das Priesterseminar in Erfurt und die Theologische Fakultät ist schon allen gemeinsam. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten, zwischen den Diözesen zu kooperieren.

Der Journalist Joachim Jauer hat kürzlich in einem Interview erwähnt, dass Sie als Erzbischof von Berlin Friedensgebete in Ihrem Bistum nicht zugelassen hätten. Trifft diese Darstellung zu?

--Kardinal Joachim Meisner: Das ist reiner Unsinn. Ich habe Herrn Jauer bereits geschrieben. Ich bin ein einziges Mal darum angegangen worden. Ich riet dringend von der Kathedrale ab und bot dafür den Pfarrsaal von St. Hedwig an oder die Pfarrkirche Herz Jesu in Berlin-Mitte. Unsere Kathedrale wurde immer vom Geheimdienst observiert. Nach meinem Weggang haben dort auch Friedensgebete stattgefunden. Übrigens hat Herr Jauer auch geschrieben, er habe von Insidern erfahren, der Papst habe mich von Berlin nach Köln berufen, damit der Mauerfall endlich stattfinden könne; ich sei ein Hindernis dafür gewesen. Darauf habe ich ihm geantwortet: Über meine Berufung nach Köln wurde schon seit 1987 gesprochen. Als Kardinal Höffner zurücktrat, wurde er gefragt, wen er unter anderen als Nachfolger wünsche. Er sagte, es sei wohl unrealistisch, Kardinal Meisner von Berlin als Nachfolger zu wünschen. Wieso sollte man nicht einen Ostdeutschen nach Westdeutschland berufen?

Es ist viel über die Rolle der Christen als Wegbereiter der Wende gesprochen worden. Welche katholischen Schritte waren mit Blick auf die Freiheit und den Mauerfall aus Ihrer Sicht die Entscheidenden?

--Kardinal Joachim Meisner: Es waren die 999 Schritte vor dem letzten. Wir haben zuerst das Evangelium verkündet, das auch immer eine politische Dimension hat. In der DDR war Verweigerung der Politik gegenüber ein wichtiges Zeugnis der katholischen Kirche. Nicht Mitmachen war schon immer ein wirksames und gefährliches Zeugnis, etwa vor den Göttern keinen Weihrauch zu streuen. Wir haben als Kirche den DDR-Staat nicht kirchenrechtlich anerkannt. Wir haben unsere Kirchengrenzen nicht den Staatsgrenzen angepasst. Ganz bewusst haben wir uns nicht als Kirche im Sozialismus definiert. Wir verweigerten uns als gesamtes gesellschaftliches Gebilde in einem totalitären System, das darauf ausgerichtet war, jedes Einzelphänomen im Staat als pars pro toto zu betrachten. Mit der katholischen Kirche funktionierte dieses Anliegen in aller Regel nicht. Wir waren immer der Stachel im Fleisch. Die DDR buhlte um uns, ob wir nicht zu Feierlichkeiten doch einen Bischof schicken könnten. Ich habe bei der 750-Jahr-Feier Berlins erlebt, was es heißt, als Einziger nicht Beifall zu klatschen. Oder Kinder, die nicht zur Jugendweihe gingen, paukten Mathematik, während die ganze restliche Klasse ins Grüne Gewölbe nach Dresden fuhr. Sie waren ausgeschlossen. So ging es vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Ihnen und ihren Familien müsste man ein Denkmal setzen. Aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer Courage konnten sie in der DDR nicht viel werden, was sie hätten erreichen können. Das war das Kampffeld der Christen, aber das machte keine Schlagzeilen.

Sehen Sie heute noch nennenswerte Unterschiede im Katholizismus im Westen und im Osten?

--Kardinal Joachim Meisner: Ja. In den Kerngemeinden spürt man sie noch. Ich erfahre das immer noch durch meinen inzwischen emeritierten Weihbischof von Berlin, der mir berichtet, wie er sich auf die kleinen Außenstationen verlassen kann: Gottesdienste, Wortgottesfeiern – diese und vieles mehr werden weiter mit bemerkenswerter Intensität aufgesucht. Man müsste Gemeinden in der Diaspora in Ost und West wohl besser vernetzen.

Es gab ja Spekulationen über einen Berlin-Besuch des Heiligen Vaters zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Haben Sie mit ihm über dieses Thema gesprochen?

--Kardinal Joachim Meisner: Nein. Der Papst ist ein strategischer Denker – auch bei seinen Reiseplanungen. Als er Papst geworden war, hatte er erklärt, dass er aus Altersgründen nicht das Reiseprogramm seines Vorgängers leisten könne. Er hat einmal gesagt: Man könne keinem afrikanischen Bischof klarmachen, wieso der Weltjugendtag in Köln kein Staatsbesuch in Deutschland gewesen sei und die Bayern-Reise ebenso wenig. Insofern ist das keine Entscheidung gegen Berlin per se, sondern begründet in ganz objektiven Gegebenheiten.

Wie könnten die deutschen Katholiken ihre Dankbarkeit für das Wunder der friedlichen Wende ausdrücken?

--Kardinal Joachim Meisner: Indem sie die Propsteikirche Trinitatis in Leipzig als äußeres Zeichen wieder aufbauen. Wir sollten vielleicht noch eine oder zwei weitere Kollekten ansetzen, damit diese Kirche unser äußeres Denkmal darstellen kann als Dank für die Überwindung des Kommunismus. Und, was mich immer wieder bewegt: Bei Renovabis liegen östliche Bistümer in ihren Pro-Kopf-Spenden höher als diejenigen hier im Westen. Da merkt man noch die Solidarität mit den Katholiken in Mittel- und Osteuropa. Wir sollten unsere Solidarität mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern durch den Bau der Propsteikirche in Leipzig zum Ausdruck bringen.

[© Die Tagespost vom 5.11.2009]