"Wir wollen das Evangelium der Liebe verinnerlichen": Hirtenwort von Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg zur österlichen Bußzeit 2006

Aufruf zur Bezeugung der Welt verwandelnden Liebe Gottes

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REGENSBURG, 21. März 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Fastenhirtenbrief von Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg.



"Jesus lädt dem desorientierten und gestressten Menschen der Gegenwart nicht schwere und untragbare Lasten auf. Nein! Er befreit uns aus der Isolierung unserer Angst um uns selbst und er führt uns hinein in die Weite Gottes. Er beschenkt uns mit dem Reichtum seiner Liebe." Unter dem Einfluss der Liebe Gottes, "die uns wie die Sonne wärmt", blühe der Mensch auf. "Gottes Liebe schützt gegen die Kälte eines teilnahmslosen Kosmos oder einer Gesellschaft, die im Kerker des Egoismus verloren ist."

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Liebe Schwestern und Brüder!

Zum Beginn der Fastenzeit hören wir im Markusevangelium vom ersten öffentlichen Auftreten Jesu in Galiläa. Er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14f).

Das Evangelium Gottes, das bedeutet die froh machende Botschaft vom Heil und der Erlösung des Menschen durch Gott. Jesus Christus, der Sohn Gottes, bringt uns jetzt und für immer die Herrschaft Gottes. Die Welt erneuert und verwandelt sich unter dem Wirken Gottes, das mitten unter uns sichtbar geworden ist. "Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt", so sagt es Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika "Deus caritas est", Nr. 1.

Was sollen wir aber unter Gottes Herrschaft und Reich verstehen und wie gelangen wir hinein? Wir erben das Reich Gottes, so erklärt es der heiligen Apostel Paulus, indem uns die Frucht des Geistes zuteil wird: "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung" (Gal 5,21f). Daraus folgt: "Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden ans Kreuz geschlagen. Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen. Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen" (Gal 5,24f).

Die Kirche ruft uns deswegen zu Beginn der österlichen Bußzeit auf zur Erneuerung des Lebens, zur Vertiefung unseres Glaubens. Es soll das Feuer unserer Liebe neu entzündet werden. Wir sollen uns auf unseren bisherigen Weg der Nachfolge Christi besinnen. Was haben wir falsch gemacht? Wo waren wir nachlässig im Gehorsam gegenüber den Wegweisungen Gottes? Wie können wir unser Verhalten verbessern?

Das alles umfasst Buße und Umkehr. Damit verbunden ist aber auch der feste Vorsatz, nach vorne zu schauen. Wir lassen uns ermutigen, mit Christus in Gemeinschaft mit dem ganzen Volk Gottes, die Zukunft zu ergreifen, die Gott selbst uns eröffnet.

Der Glaube an Gott und sein Evangelium, das ist Ursprung und Mitte unseres Weges als Christen. In den letzten Jahrzehnten haben wir neben großen Aufbrüchen auch leider viel Abkehr vom Christentum erleben müssen. Aus vielerlei Gründen, die bei den einzelnen Menschen sehr verschieden sein können, haben sich getaufte und gefirmte Christen von der Lebenskraft des Glaubens wegbewegt. Manche sprechen von einem dramatischen Rückgang des Glaubenswissens. Unübersehbar ist die schwindende Praxis der lebendigen Mitfeier der Sakramente, die Christus doch eingesetzt hat, damit wir Gott ganz konkret, persönlich und gemeinschaftlich begegnen können.

Im Pontifikat des verstorbenen Papstes Johannes Pauls II. ist die Neuevangelisierung Europas als die dringlichste Aufgabe aller pastoralen Bemühungen der Kirche in den Mittelpunkt gestellt worden. Er predigte den Aufbruch. Missionarische Kirche zu sein bedeutet aber auch, die Wurzeln unserer christlichen Existenz wieder zu entdecken. So wird der Glaube zur alles verändernden Kraft. Mit der Liebe zu Gott und zu dem Nächsten errichten wir eine neue, bessere Welt.

Auf dem großartigen Weltjugendtag 2005 in Köln hat unser Papst sogar von einer Erstevangelisierung gesprochen, die in einigen stark entchristlichten Gegenden unserer Heimat notwendig ist. Dabei denke ich besonders an die Gebiete, die unter der Herrschaft von atheistischen Ideologien leiden mussten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir den Glauben an Jesus Christus als das Evangelium des wahren Heils verkünden.

Unter diesen Voraussetzungen ist der Aufruf Jesu zur Umkehr und zum Glauben an sein Evangelium ganz aktuell. Jesus lädt dem desorientierten und gestressten Menschen der Gegenwart nicht schwere und untragbare Lasten auf. Nein! Er befreit uns aus der Isolierung unserer Angst um uns selbst und er führt uns hinein in die Weite Gottes. Er beschenkt uns mit dem Reichtum seiner Liebe.

Jeder, der den Glauben an Jesus gefunden hat, darf erfahren, dass er, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht alleine gelassen ist. Wir verdanken uns der Liebe Gottes, der uns erschaffen hat. Es ist eine Liebe, die stärker ist als die Sünde, das Böse, das Leiden und sogar als der Tod. "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für uns dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16).

In seiner ersten Enzyklika hat Papst Benedikt die zentrale biblische Botschaft zum Ausgangspunkt seiner Verkündigung gewählt: "Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott" (1Joh 4,8).

Für die Erst- und Neuevangelisierung haben die Verantwortlichen sich nicht zuerst pastorale Strategien ausgedacht. Es geht nicht darum, die Menschen mit den modernsten Mitteln der Beeinflussung so zu steuern, dass sie sich äußerlich wieder mehr der christlichen Praxis annähern. Denn wir werben nicht die Menschen, dass sie die von uns ausgedachten Heilslehren übernehmen. Paulus verkündet die Erkenntnis Gottes als das uns geschenkte Heil: "Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten" (1Kor 2, 13).

Seit der Zeit der Apostel verkündet die Kirche die Liebe Gottes zu uns als die Grunderfahrung unserer Würde und unserer Zielbestimmung in der Teilhabe am Leben des dreifaltigen Gottes.
Die Wahrheit der Offenbarung Gottes ist die bedingungslose Liebe Gottes zu jedem Menschen. Wir empfangen das Leben von IHM. Wir blühen auf wie eine schöne Blume unter dem Einfluss der Liebe Gottes, die uns wie die Sonne wärmt. Gottes Liebe schützt gegen die Kälte eines teilnahmslosen Kosmos oder einer Gesellschaft, die im Kerker des Egoismus verloren ist.

Unser Weg durch die kurze Spanne unserer irdischen Lebenszeit wird gelenkt in die richtige Richtung auf Gott hin durch zwei Wegweiser rechts und links der Straße: von der Gottes- und Nächstenliebe. In der Liebe besteht die Erfüllung des ganzen Gesetzes, unter das unser Leben von Gott unserem Schöpfer und Erlöser gestellt worden ist.

Die Liebe ist die Richtungsangabe der Neuevangelisierung. Aber die Liebe dient auch der Erneuerung und dem Aufbau der Kirche und ihrer Glieder, den Christgläubigen. Die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, die alles zusammenhält, wodurch der Leib Christi in seinen Gliedern aufgebaut wird (Kol 3, 14f.).

Uns wird am 12. September dieses Jahres die Ehre und die Freude zuteil, dass der Heilige Vater auch unser Bistum Regensburg während seiner Pastoralreise in Bayern besuchen wird. Entscheidend in der Vorbereitung wird sein, dass wir uns in Christus erneuern lassen. Wir wollen das Evangelium der Liebe verinnerlichen und so zu glaubwürdigen Zeugen seiner Welt verwandelnden Liebe werden.

Alle Christen sollen sich auf die Grundlagen ihrer Berufung besinnen und sich durch die Gemeinschaft mit den vielen, die an der Heiligen Messe mit dem Papst teilnehmen, bestärken lassen. Es gibt so viele Priester, pastorale und karitative Mitarbeiter der Kirche, Ordensleute und engagierte Laien in den verschiedenen Berufen, die in und mit der Kirche für das Reich Gottes arbeiten, dass wir um die Neuevangelisierung nicht bangen müssen.

Immer wieder lerne ich Mitchristen kennen, die dem Menschen von heute mit seinen Sorgen und Nöten ganz nahe sind, die sich aber zugleich auch als Vermittler der Liebe Gottes in Wort und Beispiel einsetzen.

Die Liebe, die für uns zum Maßstab all unseren Handelns geworden ist, tritt nicht auf der Stelle, sondern entwickelt eine Dynamik, in die wir die ganze menschliche Existenz mit hinein nehmen: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi." So sagt es das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Konstitution "Gaudium et Spes" über die Kirche in der Welt von heute. Die Liebe darf kein hohles, tönernes Wort bleiben, sondern muss umgesetzt und gelebt werden.

Benedikt XVI. hat in seiner Enzyklika über die Liebe, die Gott selbst ist, die Liebe als die treibende Kraft beschrieben, mit der die Welt verändert wird. Nehmen wir diese Gedanken mit in die Fastenzeit und kehren wir um zu Jesus Christus, der uns seine Liebe geschenkt hat.

Ich lade Sie alle ein zum Gebet, dass die Vorbereitung auf den Papstbesuch und die Begegnung mit dem Heiligen Vater zu einer Initialzündung werden, damit wir als Kirche um Christus geschart Schrittmacherin werden für eine humane, gerechtere und friedvolle Welt. "Denn die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium" (Mk 1, 15).

Dazu segne euch der dreieinige Gott + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist.

+Gerhard Ludwig
Bischof von Regensburg

[Vom Bistum Regensburg veröffentlichtes Original]