Wird sich das „dritte Rom" wieder mit dem „ersten Rom“ vereinen?

Aktuelle Begegnung könnte die Wende einleiten

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Von Robert Moynihan

WASHINGTON, DC, 22. September 2009 (ZENIT.org).- Manchmal gibt es kein Feuerwerk. Die Wende kann auch stillschweigend, ja, fast unbemerkt eingeleitet werden. So kann es dem „großen Schisma" ergehen, der einschneidendsten Spaltung in der Geschichte der Kirche. Das Ende der Spaltung kann schneller und unerwarteter kommen, als viele glauben.

Am 18. September traf in Castel Gandolfo, der Sommerresidenz der Päpste vor den Toren Roms ein russisch-orthodoxer Erzbischof mit Namen Hilarion Alfeyev, 43 - ein Gelehrter, Theologe, Experte für Liturgie, Komponist und Freund der Musik) -, mit Papst Benedikt XVI., 82, zusammen - auch er ein Gelehrter, Theologe, Experte der Liturgie und Liebhaber der Musik. Die Begegnung dauerte fast zwei Stunden, je nach informierten Quellen (Es gibt noch keine „offizielle" Quelle über diese Sitzung - der Heilige Stuhl hat noch kein offizielles Kommuniqué über das Treffen publiziert.)

Das Schweigen lässt vermuten, dass die Inhalte von Bedeutung waren. Vielleicht waren sie sogar so wichtig, dass der Heilige Stuhl denkt, es sei nicht klug, schon jetzt zu veröffentlichen, was dort besprochen wurde. Aber es gibt viele „Zeichen", die darauf hindeuten, dass das Treffen bemerkenswert harmonisch verlaufen ist.

Wenn das der Fall sein sollte, kann diese Begegnung am 18. September eine Wende in den Beziehungen zwischen dem „dritten Rom" (Moskau) und dem „ersten Rom" (Rom) einleiten, die seit 1054 getrennt sind.

Erzbischof Hilarion war für fünf Tage in der letzten Woche als Vertreter des neuen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill von Moskau in Rom. Eine Schlüsselfigur, mit der sich Erzbischof Hilarion traf, ist Kardinal Walter Kasper, der am 17. September in Radio Vatikan erklärte, dass er mit Erzbischof Hilarion ein „sehr einvernehmliches Gespräch geführt" habe.

Kardinal Kasper offenbarte aber auch etwas Erstaunliches: Er habe dem Erzbischof vorgeschlagen, dass die orthodoxen Kirchen eine Art „Bischofskonferenz auf europäischer Ebene" bilden sollten und dass so ein „direkter Partner für die Zusammenarbeit" bei zukünftigen Begegnungen geschaffen würde. Dies wäre ein revolutionärer Schritt, was die Organisation der orthodoxen Kirchen angeht.

Wird der Papst dem Patriarchen begegnen?

Kardinal Kasper sprach in diesem Zusammenhang davon, dass eine Begegnung des Papstes mit dem Patriarchen nicht auf der unmittelbaren Tagesordnung stünde und dass sie wahrscheinlich weder in Moskau noch in Rom stattfinden würde, sondern an einem „neutralen" Ort (Ungarn, Österreich und Weißrussland sind die wahrscheinlichsten Orte).

Erzbischof Hilarion offenbarte seinerseits vieles über seinen Besuch in Rom, als er am Abend des 17. September - vor seinem Treffen mit dem Papst - mit der Gemeinschaft San'Egidio zusammentraf, die in Rom vor allem für ihre Arbeit mit armen Menschen bekannt ist.

„Die heutige Gesellschaft mit ihrem praktischen Materialismus und moralischen Relativismus ist für uns alle eine Herausforderung. Die Zukunft der Menschheit hängt von unserer gemeinsamen Antwort darauf ab... Mehr als je zuvor müssen wir Christen zusammenstehen", so Erzbischof Hilarion.

In einem Bericht von Interfax, der Nachrichtenagentur des Moskauer Patriarchats, vom 18. September hieß es, dass Erzbischof Hilarion mit dem Papst über „die Zusammenarbeit zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirchen im Bereich der moralischen Werte und der Kultur" gesprochen habe. Dies gelte insbesondere für die „Tage der russischen geistigen Kultur", eine Art Ausstellung mit Vorträgen, die für das Frühjahr 2010 in Rom geplant worden war. Man könnte sich vorstellen, dass der Papst selbst an einer solchen Ausstellung gerne teilnehmen würde.

Gestern bot ein Interfax-Bericht Informationen mit einigen Bemerkungen von Bischof Hilarion in den Katakomben von St. Callisto: „Von der Welt gehasst und dem Blick menschlicher Augen entzogen, tief unter der Erde in Höhlen, verrichteten die ersten römischen Christen ihr Gebet", sagte Hilarion. „Ihr Leben hat Früchte der Heiligkeit und des patrizialen Heldentums hervorgebracht. Die Heiligen der Kirche wurde auf dem Blut der Heiligkeit, dass sie für Christus vergossen haben, gebaut.
Dann kam die Kirche aus den Katakomben - aber die Einheit der Christen ging verloren.“ Erzbischof Hilarion betonte, dass die Sünde der Menschen die Ursache aller Entzweiung sei, während die Einheit der Christen nur auf dem Wege der Heiligkeit wiederhergestellt werden könne.

„Jeder von uns trachtet gewissenhaft nach der Erfüllung seiner Aufgabe in der Kirche, die ihm oder ihr anvertraut worden ist, um damit zum Schatz der christlichen Heiligkeit beizutragen und für die gottgewollte Einheit der Christen", erklärte der Erzbischof.

Ein zweiter Bericht, den Interfax heute veröffentlichte, bezog sich auf die Begegnung mit dem Papst.

Wachsender Einfluss

„In einem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. hat Erzbischof Hilarion von Wolokolamsk auf den Status der orthodoxen Gläubigen in der westlichen Ukraine hingewiesen, wo drei orthodoxe Diözesen als ein Ergebnis von Zwangsmaßnahmen der griechischen Katholiken in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren aufgehoben worden waren", berichtete Interfax.

Erzbischof Hilarion habe von der Notwendigkeit gesprochen, in dieser Hinsicht praktische Schritte zu unternehmen, um die Situation in der westlichen Ukraine zu verbessern. Gemeint seien das Gebiet von Lwow, Ternopol und der Diözese Invano-Frankowsk.

Unterdessen scheint in Russland selbst der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche unter der Leitung des Patriarchen Kirill zu wachsen, wenn auch nicht ohne Widerspruch. Der Aufstieg von Kyrill und sein wachsender Einfluss in der Gesetzgebung scheint den Widerstand der „Silowiki - Kräfte" zu wecken, die mit dem alten KGB verbunden sind.

In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Argumenty Nedeli sagt Andrej Uglanow, dass Kyrills außergewöhnliche Aktivität die Aufmerksamkeit von einigen Elementen auf sich gezogen habe, die ihre Positionen nicht gerne in Frage gestellt, geschweige denn verändert sehen wollten. Und das sei Kyrills „großes Problem geworden".

Diese „Silowiki" wurden nach Uglanow durch „Kyrills anti-stalinistische und anti-bolschewistische Maßnahmen beleidigt", einschließlich seiner Teilnahme bei der Feier am Solowezki-Gedenkstein auf dem Lubjanka-Platz in Moskau am Tag der Erinnerung an die Opfer politischer Repression.

In diesem Zusammenhang bekommt Hilarion Besuch in Rom noch mehr Bedeutung. Die russisch-orthodoxe Kirche hält in Russland eine Machtposition, aber sie erfährt auch Widerstand und braucht Verbündete. Was durch Hilarions Besuch in Rom ausgelöst worden ist, kann nicht nur Auswirkungen zur Überwindung des „Großen Schismas" haben, sondern auch für die kulturelle, religiöse und politische Zukunft von Russland und Europa als Ganzes. Diesbezüglich ist es entscheidend, dass Hilarion Kyrills „Außenminister" ist und einige seiner tiefen Interessen mit Benedikt XVI. teilt: Liturgie und Musik.

„Als 15-jähriger Junge trat ich zum ersten Mal in den Tempel des Herrn, dem Allerheiligsten der orthodoxen Kirche", schreib Hilarion einmal im Hinblick auf die orthodoxe Liturgie. „Aber es war erst nach meinem Eintritt in den Altarraum, dass die ‚theourgia’, ‚das Geheimnis, und das Fest des Glaubens begann, das bis heute anhält. Nach meiner Priesterweihe sah ich meine Bestimmung und wichtigste Berufung im Dienst der Göttlichen Liturgie. In der Tat, alles andere wie zum Beispiel Predigen, die Seelsorge und die theologische Wissenschaft ordneten sich dann rund um das Hauptaugenmerk meines Lebens an, die Liturgie."

Liturgie

Diese Worte scheinen im Einklang mit den Gefühlen und Erfahrungen von Papst Benedikt XVI. zu stehen, der geschrieben hat, dass die Liturgie des Karsamstags und die des Ostersonntags in Bayern, die er in seiner Kindheit erleben durfte, für sein ganzes Wesen prägend geworden seien. Seine Schrift über die Liturgie - eines seiner Bücher trägt den Titel „Fest des Glaubens" - ist für ihn das wichtigste aller seiner wissenschaftlichen Unternehmungen.

„Orthodoxe Gottesdienste sind ein unbezahlbarer Schatz, den wir sorgfältig hüten müssen", schrieb Hilarion. „Ich hatte Gelegenheit, sowohl an evangelischen und katholischen Gottesdiensten teilzunehmen, die für mich mit wenigen Ausnahmen ziemlich enttäuschend waren... Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils sind in einigen katholischen Kirchen die Gottesdienste nicht anders als die protestantischen."

Auch in diesen Worten Hilarions scheint durch, dass er sich die Anliegen Benedikt XVI. zu eigen gemacht hat. Der Papst hat deutlich gemacht, dass er die Liturgie der katholischen Kirche reformieren und bewahren möchte - um all das zu bewahren, was in der alten Liturgie enthalten ist und nun Gefahr läuft, verloren zu gehen. Hilarion zitierte in diesem Zusammenhang den orthodoxen Heiligen Johannes von Kronstadt: „Die Kirche und ihre Gottesdienste sind ein Vollzug und Verwirklichung des Christentums... Es ist die göttliche Weisheit, die den einfachen, liebevollen Herzen zugänglich gemacht wird."

Diese Worte spiegeln die Worte von Kardinal Ratzinger wieder, der jetzt zu Papst Benedikt XVI. geworden ist und oft gesagt hat, dass die Liturgie eine „Schule" des einfachen Christen sei, die durch ihre Gebete, Gesten und Lieder die tiefen Wahrheiten des Glaubens auch dem Laien vermittle.

Hilarion ist in den letzten Jahren für seine Kompositionen bekannt geworden, die er vor allem für Weihnachten und den Karfreitag komponiert hat, um die Geburt und die Passion Jesu Christi zu feiern. Diese Werke wurden in Moskau und im Westen aufgeführt: in Rom im März 2007 und in Washington, DC., im Dezember 2007.

Engere Beziehungen zwischen Rom und Moskau könnten tiefgreifende Folgen auch für das kulturelle und liturgische Leben der Kirche im Westen haben. Sie könnten eine Erneuerung der christlichen Kunst und Kultur sowie des Glaubens einleiten.

All dies stand im Hintergrund des einvernehmlichen Treffens zwischen Erzbischof Hilarion und Papst Benedikt XVI. am Freitagnachmittag in dieser Burganlage, die einen Blick auf den Lago Albano bietet.

[Dr. Robert Moynihan lebt in Rom und ist Gründer und Herausgeber des Magazin „Inside the Vatican“. Er publiziert in ZENIT alle zwei Wochen eine Kolumne „Within the Columande“. Übersetzung des englischen Originals durch Angela Reddemann]