Wirtschaft ohne Ethik zerstört die Welt

Was in der bereits unterzeichneten Sozialenzyklika Papst Benedikts steht

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Von Guido Horst

WÜRZBURG, 2. Juli 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Es ist wohl die Enzyklika des deutschen Papstes, die am häufigsten immer wieder überarbeitet worden ist. Erste Entwürfe erblickten im Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden das Tageslicht, dessen aus Altersgründen scheidender Präsident, Kardinal Renato Raffaele Martino, mit diesem Projekt sein kuriales Lebenswerk krönen kann. Denn das Lehrschreiben behandelt die großen sozialen und wirtschaftlichen Fragen dieser Zeit, die in den Arbeitsbereich jenes vatikanischen „think tank" fallen. Es trägt den Titel „Caritas in veritate" (Liebe in Wahrheit) und das Datum vom 29. Juni 2009, dem Hochfest von Peter und Paul, wie Benedikt XVI. selber am vergangenen Montag nach dem Gebet des „Engels des Herrn" verkündet hat. Ihre Veröffentlichung, so der Papst, stehe unmittelbar bevor. Wie man in Rom hört, am kommenden 6. oder 7. Juli, kurz bevor also im vom Erdbeben heimgesuchten L'Aquila der G8-Gipfel zusammentritt.

Bereits im Mai vergangenen Jahres soll die dritte Enzyklika Papst Benedikts fertig gewesen sein - als dann die heraufziehende Krise der Weltwirtschaft und der internationalen Finanzmärkte Aktualisierungen nötig machte. Seit vergangenem April, so heißt es, soll der Papst selber wieder die Endredaktion des Schreibens übernommen haben, nachdem zahlreiche Fachleute und Mitarbeiter der Kurie an der Überarbeitung der Sozialenzyklika mitgewirkt hatten. Jetzt aber ist es soweit. Rom will sehr bald vor der ganzen Welt „einige Aspekte der Gesamtentwicklung unserer Zeit vertiefen", wie Benedikt XVI. am Montag sagte. „Eurem Gebet", so der Papst weiter, „vertraue ich diesen jüngsten Beitrag an, den die Kirche in ihrem Eintreten für einen nachhaltigen Fortschritt im vollen Respekt vor der Würde des Menschen und vor den realen Bedürfnissen aller anbietet."

Nun weiß man auch im Vatikan, dass Lehrschreiben der Päpste schnell weggelobt sind oder Gefahr laufen, im Strudel der Ereignisse unterzugehen. Die Aburteilung eines Finanzbetrügers wie Bernie Madoff, die Beerdigung von Michael Jackson oder das Gruppenbild der Großen dieser Welt mit Frauenheld Berlusconi vor zusammengestürzten Alt- und Neubauten können eine tiefschürfende Betrachtung über die wirtschaftlichen und sozialen Übel der Zeit schnell aus den Schlagzeilen verdrängen. Besonders, wenn sie aus der Feder des Theologen-Papstes kommt, der - wie viele im Vatikan hoffen - mit dieser Enzyklika über den Turbo-Kapitalismus und die Profitgier auf den Finanzmärkten sein Anathema spricht und den Grundzügen der katholischen Soziallehre auch in Zeiten der Globalisierung und auf Weltniveau wieder mehr Gehör und Beachtung verleiht.

Die Strategie, die man im Vatikan gewählt hat, um das Sozialwort des Papstes frühzeitig ins Gespräch zu bringen und einige Vorberichte sozusagen als Stimmgabel für die kommende Kommentierung wirken zu lassen, ist neu: Ausgewählte Journalisten führender Zeitungen Italiens erhielten am vergangenen Wochenende auf diskreten und anonymen Wegen eine sorgfältig ausgearbeitete Zusammenfassung der Enzyklika samt einiger zentraler Zitate. Die Vorinformierten ließen sich nicht zwei Mal bitten, schrieben und werden seither abgeschrieben. So weiß man zumindest in groben Zügen, was Benedikt XVI. der Wirtschaftswelt zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu sagen hat. Und im Vatikan hofft man, dass die baldige Veröffentlichung auf gut gedüngten Boden fällt. Das mögen erste Schritte der römischen Kurie sein, bei wichtigen Texten nicht einfach nur zu verlautbaren, sondern auch an die einführende PR-Arbeit zu denken. Man hat Lehren aus der Kommunikations-Katastrophe im Fall Williamson gezogen.

Einer der mit dem brisanten Material bedachten Journalisten, der hin und wieder als möglicher Nachfolger von Vatikansprecher Federico Lombardi SJ gehandelte „vaticanista" des einflussreichen „Corriere della sera", Gian Guido Vecchi, eröffnet seinen Bericht gleich mit einem Kernsatz der Enzyklika: Ohne Wahrheit, ohne Vertrauen in und Liebe zum Wahren gebe es kein soziales Bewusstsein und keine soziale Verantwortung und das soziale Handeln verfalle der Willkür privater Interessen und der Logik der Macht - mit zersetzenden Auswirkungen auf das Gemeinwesen und das erst recht in einer Gesellschaft, die auf dem Weg der Globalisierung sei und schwierige Augenblicke wie den gegenwärtigen durchlebe. Die Enzyklika, so weiß der Autor zu berichten, bekräftigt die Notwendigkeit einer neuen und vertieften Reflexion über den Sinn der Wirtschaft und ihrer Ziele sowie einer grundlegenden und geduldigen Revision des Modells der Entwicklung.

Die Globalisierung, heiße es in dem Lehrschreiben, sei dabei kein Übel. Aber sie regele sich auch nicht von selbst. Wenn es „neue Regeln" der Globalisierung gebe, sie diese sogar ein Chance. Die Enzyklika fordere deshalb - in Anlehnung an das Schreiben „Pacem in terris" von Johannes XXIII. - eine „wirkliche weltpolitische Autorität", weder einen Superstaat noch einfach die Vereinten Nationen, sondern eine globale Autorität, die vom Recht geleitet sein müsse, die sich in angemessener Weise an die Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität halte und darauf ausgerichtet sei, das Allgemeinwohl zu verwirklichen und sich bei der Förderung einer authentischen und umfassenden Entwicklung des Menschen für die Werte der Liebe der Wahrheit einzusetzen.

Die heutige Wirtschaftskrise ist für die Enzyklika auf ein ethisches Defizit in den ökonomischen Strukturen zurückzuführen. Die reine Begehrlichkeit habe das Wirtschaftssystem befallen, das aber eine Ethik brauche, sonst zerstöre es den Menschen. Der in „Caritas in veritate" geforderte ethische Kodex müsse sowohl auf der Wahrheit des Glaubens wie auch der Vernunft gründen, um für alle einsichtig zu sein. Die Enzyklika argumentiert hier auf der Grundlage des Naturrechts und kreist stark um den Wahrheitsbegriff. Nur wenn die menschliche Intelligenz zur natürlichen und übernatürliche Wahrheit der Liebe vorstoße, seien Gerechtigkeit und das Allgemeinwohl möglich. Auch wenn das Lehrschreiben von ethischen Strukturen der Weltwirtschaft spricht, legt es den Schwerpunkt auf die persönliche Verantwortung des Einzelnen: Wahre Entwicklung sei unmöglich ohne rechtschaffene Menschen, ohne Manager und Politiker, die sich in ihrem Gewissen streng dem Gemeinwohl verpflichtet fühlten.

Einen starken Akzent legt „Caritas in veritate" auf den Kampf gegen den Hunger und die Verteidigung des Lebens wie auch auf den Umweltschutz. Benedikt XVI. zitiert dabei die Enzyklika „Populorum progressio" von Paul VI. aus dem Jahre 1967, die die Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern anprangerte, wie auch das Lehrschreiben „Humanae vitae" von 1968. Die Offenheit für das Leben stehe im Mittelpunkt wahrer Entwicklung. Wenn man die persönliche und soziale Sensibilität für die Bewahrung eines neuen Lebens verliere, würden auch die anderen Formen der Unterstützung des sozialen Lebens austrocknen. Darüber hinaus seien wirtschaftlicher und demografischer Wachstum aneinander gekoppelt.

Auch Paolo Rodari, „vaticanista" der Tageszeitung „Il »Riformista", gehörte zu den Gesegneten, die der Diskrete Umschlag aus dem Vatikan erreicht. Eine dreiteilige Serie, in der er nach dem Fall Williamson ausführlich über die Missstände, Widerstände und persönlichen Defizite in der engeren Umgebung des Papstes berichtet hatte, hat ihn offensichtlich nicht in Ungnade fallen lassen. Wie Rodari schreibt, ist der Kerngedanke der Enzyklika folgender: Die Wahrheit ist das Licht, das der Liebe Sinn und Wert verleiht. Werden sich die Mächtigen der Welt in Politik und Wirtschaft dieser Botschaft des Papstes öffnen? Aber welche anderen Motive kann es geben, um entschiedener gegen die Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten vorzugehen. Wenn die großen Acht in L'Aqulia zusammenkommen, hält ihnen Benedikt XVI. einen Spiegel entgegen, auf dem das Wort „Wahrheit" steht. Es ist auch eine Einladung, endlich dem Zynismus zu entsagen, mit dem die politische und wirtschaftliche Macht auf diesem Globus sich selbst zelebriert, ohne ernsthaft und verantwortungsvoll gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Hunger in dieser Welt vorzugehen.

© Die Tagespost vom 2. Juli 2009