Wo immer Maria ist, da ist auch Jesus: Geistliche Bildbetrachtung zum Marienmonat

Holztafel des niederländischen Malers Gertgen tot Sint Jans

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Von Nicki Schaepen*

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ROM, 25. Mai 2012 (ZENIT.org). - Ein ungewöhnliches Szenario tut sich vor unseren Augen auf: Umgeben von einem viergliedrigen, eiförmigen Strahlenkranz erscheint aus dem Dunkel des Umraumes in seltsamer Verkürzung und Stilisierung die bekrönte, in rotem Tuch gewandete Mutter Gottes, den nackten Jesusknaben auf den Armen haltend und über der den Drachen zerdrückenden Mondsichel schwebend. Bei näherem Zusehen entdeckt man ein ganzes Heer von Engeln, die mit den unterschiedlichsten Utensilien ausgestattet sind und sich, in hierarchischer Ordnung, bogenförmig in die eiförmigen Sphären des Strahlenkranzes um die Mutter Gottes herum einfinden. Einige von ihnen sind in Anbetungshaltung, andere tragen die Marterwerkzeuge Christi, wieder andere entfalten leinene Transparente mit der Aufschrift „Laus“ und etliche sind mit Musikinstrumenten ausgestattet, so als würden sie das Loblied der Transparente musikalisch untermalen. Ungewöhnlich erscheint der Jesusknabe. Seine Beine sind angehoben, so als wollten sie mit Freude die Loblieder der Engel tänzerisch aufgreifen, in seinen Händen hält er Zimbeln, welche den festlichen Freudenton des Instrumentenreigens unterstreichen.

Die kleine Holztafel des niederländischen Malers Gertgen tot Sint Jans (um 1465‑ um 1495) dürfte auf das Jahr 1480 datiert werden und befindet sich heute im Museum Boijmans van Beuningen zu Rotterdam.

Der in der Lektüre der Bibel bewanderte Betrachter wird unwillkürlich an eine ganz bestimmte Passage des Alten Testamentes denken müssen, nämlich jene, als David mit einem Heer aufbrach, um die Bundeslade vom Haus Abinadabs abzuholen und sie nach Jerusalem zu überführen, dort heißt es: „David und das ganze Haus Israel tanzten und sangen vor dem Herrn mit ganzer Hingabe und spielten auf Zithern, Harfen und Pauken, mit Rasseln und Zimbeln (2 Sam 6,5)“.

Christus, der als Messias aus dem Hause Davids stammt, wurde in der klassischen Typologie gern als neuer David begriffen. Die königliche Würde, die das Alte Testament dem zukünftigen Messias beilegt (Ps 2,6; 44, 7.8; 71, 8‑11; 109, 1; Jes 11,1-16; Dan 7,14; Mich 4,7; Zach 9,9), wird im Neuen Testament in der Verkündigung vom Erzengel Gabriel prophezeit (Lk 1, 32) und von den Weisen dunkel erahnt (Mt 2,2). Die Väter entwickeln mählich eine Theologie der Königswürde Christi, die Spätscholastik führte über deren Natur erregte Kontroversen und betonte die gesetzgeberische und geistige Dimension, das Tridentinum schreibt sie fest, Pius XI. widmet ihr ein Fest [1].

Christus, Mariens Kind, ist seiner „Gottesnatur nach höchster und absoluter König alles Erschaffenen (…) Und doch dürfen und müssen wir der Mutter Christi ein gewisses Verfügenkönnen über Christi königliche Allgewalt zuschreiben. Der Grund ist die über alles menschliche Begreifen hinauswachsende Kindesliebe Jesu Christi zu seiner Mutter. Überlegen wir doch nur zunächst Marias Bedeutung für die Menschheit Christi. Da müssen wir sagen: Christus dankt ihr in gewisser Weise seine Königsherrschaft als Mensch (…) sie ist es ja, die ihm die Menschennatur aus eigenen Mutterkräften anbietet“ [2].

Der hl. Bonaventura hat dieses Geheimnis geistvoll entfaltet, wenn er über das Hohelied schreibt: „Die Herrscherkrone ist nichts anderes als die Menschheit Christi (…) Es ist ausdrücklich die Rede, daß seine Mutter ihn krönt, da ja der Vater ihn krönte mit der Herrscherkrone des ewigen Reiches, die jungfräuliche Mutter aber krönte ihn mit der Herrscherkrone des zeitlichen Reiches; dieses Reich ist nämlich sein sterbliches reinstes, verehrungswürdiges Fleisch“ (In Nativ. Dom. Serm. XX, tom. IX). Auf unserem Bild trägt Maria das fleischgewordene Wort auf den Armen, sie erscheint, umgeben von den Engeln, wie dessen Herrscherthron. Und gleichsam erscheint sie selbst als Königin, die ihn trägt und zu den Menschen bringt. Auf sie kann man das Wort des Hohen Liedes anwenden: „Siehe da die Sänfte des Königs Salomon: aus Holz vom Libanon, mit silbernen Säulen und goldenen Lehnen und einer purpurnen Stufe. Das Innere ist mit Liebe belegt wegen der Töchter Jerusalems“ (Hl 3,9).

Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache bei der Lourdes-Grotte in den Vatikanischen Gärten am 31. Mai 2005 ein weiteres Motiv betrachtet, das den Bogen zur Samuelsperikope spannt: „Wir können in gewisser Weise sagen, dass ihr [Mariens] Weg [zu Elisabeth]… die erste eucharistische Prozession der Geschichte war. Als lebendiger Tabernakel des fleischgewordenen Gottes ist Maria die Bundeslade, in der der Herr sein Volk besucht und erlöst hat“ [3].

Der Jesusknabe auf unserem Bild scheint tanzen zu wollen, so groß ist seine Freude an Mariens „Ja“ zu seiner Menschwerdung (Lk 1,38). Maria wurde so zur ‚Wohnstatt‘ des Herrn, zum wahren ‚Tempel‘ in der Welt und zur ‚Tür‘, durch die der Herr in die Welt eingetreten ist“ [4]. Mit dem Jesusknaben triumphiert und lobsingt die ganze Menschheit, die durch die demütigste aller, Maria, erhoben wurde, denn aus ihr ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gelebt. Mit ein stimmen alle Chöre der Engel, denn durch die Demut und den Gehorsam Mariens und das Werk ihres Sohnes hat sich der Vater verherrlicht.

Gesellen wir uns dem „Laus“ der Engel bei: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“ Ja, „wo immer Maria ist, da ist auch Jesus. Wer sein Herz der Mutter öffnet, begegnet dem Sohn und nimmt ihn auf und wird von seiner Freude erfüllt“ [5].

[1] Vgl. Bernhard Bartmann, Lehrbuch der Dogmatik, Erster Band, Freiburg i.Brsg.61923, 429. Vgl. Pius XI., Enyzklika Quas Primas vom 11.12.1925.
[2] Paul Sträter (Hg.), Katholische Marienkunde, II: Maria in der Glaubenswissenschaft, Paderborn ²1952, 320‑321.
[3] Benedikt XVI., Maria voll der Gnade. Betrachtungen zum Rosenkranz. Hrsg. von Franz Johna, mit einem Vorwort von Christoph Kardinal Schönborn, Freiburg, Basel, Wien 2008, 44.
[4] Benedikt XVI., Maria 40.
[5] Benedikt XVI., Maria 45.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.