Wo stockt die Erziehung der Minderjährigen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 440 klicks

Ich lebe in einer unserer schönsten Städte am Meer, und ich bin tief besorgt über ihre Jugend, vor allem für die Minderjährigen und diejenigen in der Pubertät. In einer Ecke am Meer versammeln sich Junge und Mädchen. Sie machen Lärm, ihr Vokabular ist sehr vulgär, sie fluchen, schreien. Sie wirken sehr negativ aufeinander: Drogen, Sex... Erst in der Früh kehren sie nach Hause zurück, und dann liegen sie bis zum Mittag im Bett. Die Eltern, wenn sie welche haben, haben keine Kraft, entschieden aufzutreten. Eine Mutter sagte zu mir: „Sie soll sich erholen, sie ist müde“ Ich erwähne hier nicht diejenigen, die etwas erwachsener sind, und die in die „Disko“ gehen. Man hört die Stimmen von Gewalttätigkeit, Prostitution und Kriminalität.

Nicht dass Sie meinen, es handele sich um die Ablehnung der jungen Generation von vornherein. Ich bin kein Greis. Ich habe eben meine Spzialisation in einer Millionenstadt im Westen beendet. Dort bin ich einem solchen Verhalten nicht begegnet. Vielleicht habe ich gar nicht so genau geschaut. In Gedanken an die Erziehung meiner zukünftigen Kinder, die ich haben möchte, ermutigt mich diese unsere Situation überhaupt nicht. Warum wird darüber nicht gesprochen und geschrieben? Von der Kirche erwarte ich mehr. Wie wird die Zukunft Kroatiens sein?

K. I.

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Es wird nicht stimmen, dass „darüber nicht geschrieben und gesprochen wird“. Es ist eine andere Frage, wie das gemacht wird: nicht auf die richtige Weise, zuwenig... Dein Brief trifft mich sehr. Siehst du die Dinge nicht zu schwarz? Ich finde mich nicht damit ab, dass eine solche Situation in allen unseren Städten, vielleicht auch Orten herrscht. Ich denke an die Arbeit der außerordentlichen Synode der europäischen Bischöfe in Rom 1991, zu der Zeit, als der Feind am schlimmsten Dubrovnik zerstörte. Es wurde diskutiert und geschrieben über die Leere („Vakuum“) der osteuropäischen und westeuropäischen Jugend, nicht so sehr der Minderjährigen, sondern mehr derer, die etwas erwachsener sind (der Adoleszenten).

Es wurde gesagt: denen aus dem Osten machte der marxistische Atheismus das Herz leer, und denen aus dem Westen der kapitalistische Konsumismus. Eine neue Evangelisierung ist dringend notwendig, die zum Ziel hat, neues Feuer, neue Begeisterung, neue Glut und Freude hervorzubringen, an den wahren menschlichen und christlichen Werten, in Jesus Christus, dem einzigen und absoluten Heiland, begründet.

Gehen wir von der Tatsache aus. In der ganzen Welt, leider, wird immer mehr ein schlechtes Verhalten der Minderjährigen bemerkt, und sie verursachen immer schlimmere Entgleisungen. In der „Ersten Welt“ oder in der europäisch-nordamerikanischen Gesellschaft, besonders in England und in den USA, beginnt das schlechte Benehmen ab dem zehnten, sogar schon ab dem achten Lebensjahr. Ich dachte, in Kroatien sei es besser. Die „Zweite Welt“, bis vor kurzer Zeit kommunistisches Europa, verzeichnet Fälle von schwerer Kriminalität bei den Kindern, und allem voran Russland. Über die „Dritte Welt“ oder die südamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Länder erfahren wir durch die Arbeit der Schwestern der Mutter Teresa aus Kalkuta. Die „Vierte Welt“, die die Armen des gesamten Globus bezeichnet, ist übervoll von Beispielen: in Rio de Janiero und in anderen Städten Brasiliens Tausende von Jungen und Mädchen leben auf der Straße; von allen verlassen, ohne Bildung und Erziehung, gewalttätig, der Prostitution und allem Übel ausgesetzt, ohne Zukunft.

Delinquentität steigt nicht nur in den armen Familien (denken wir an Diebstahl der kleinen Roma, die von den Eltern dazu gezwungen werden!), und auch nicht nur bei den Flüchtlingen, Aussiedlern, Vertriebenen von ihren Häusern. Sie „steigt“ ebenfalls in den Kreisen der Arbeiter und in den bürgerlichen Kreisen.

Und Gründe? Du sprichst über zu freies Benehmen der Jugend, mit Erwähnung der Kriminalität. Die Wurzeln sind die gleichen. Nehmen wir nur eine, die, so scheint es, auch die wichtigste wäre. Es ist die Rede von den Eltern: von ihrer labilen, oder einer Ehe, die keine ist. Männer und Frauen aller gesellschaftlichen Schichten gehen immer öfter eine Ehe ein, wo sie keine Liebe, sondern Interessen verbinden: manchmal wirtschaftliche Interessen, Flucht vor Einsamkeit, meistens Begier. Da gibt es keine Dauerhaftigkeit, und es werden unglaublich leicht Partner gewechselt. Die Kinder saugen alles auf. In der Regel bleiben sie bei der Mutter. Aber die Mutter ist mit anderen Gedanken beschäftigt: sie denkt über nächste Beziehung nach. So leben die Kinder mit zwei egoistischen Individuen, zwischen denen es keine tiefere Einheit gibt. Solche können keine Wärme, keine Liebe, keine Sicherheit bieten, können keine Erzieher und keine Führer des Lebens sein, und noch weniger Vorbilder. Ein altes Sprichwort sagt: „Nemo dat, quod non habet“ „Keiner gibt, was er nicht hat“. Diese Erscheinung war früher ausschließlich in der armseligsten gesellschaftlichen Schicht bekannt, im schwarzen Ghetto von New York oder Chicago, in armseligen Hütten von Brasil, wohin Männer kamen und wieder weggingen, während die Mutter allein mit den unversorgten Kindern allein blieb. Heute ist dieses Phänomen in allen Schichten vorhanden. Wer soll in solchen Kreisen die Eltern ersetzen, wo es sie nicht gibt? Die Lehrer, die Katecheten (sie haben in der Regel keinen Zugang), ein neuer Charismatik, Television? Natürlich, die Straße. Zum richtigen Zuhause wird die Straße. An Stelle der Familie herrscht die Gruppe der Gleichgesinnten, nicht selten Mangupbande. Der Führer der Bande ergreift die Stelle des Vaters.

Ähnlicher Typus von Gruppen in einer neuen Ausgabe verbreitet sich in diesen Jahren in den Arbeiterkreisen und bürgerlichen Kreisen in allen Nuancen. Viele Frauen verbringen das Leben allein, ohne Störung des Ehemannes und des Vaters. Viele Männer, wird ironisch gesagt, leben in „Zölibat“, weil es weniger verpflichtet. Und, wo die Eltern zusammenleben, wird bemerkt, fliehen sie beide vor der Erziehung der Kinder. Sie sind nicht in der Lage, verantwortliche und sichere Führung der Kinder zu übernehmen, und überlassen sie sich selbst, genauer: wieder der Straße.

Liebe als Schwäche. Viele Eltern meinen, dass Liebe und Verständnis für die Kinder genügen. Aber, es ist die Frage der Qualität der Liebe. Oft ist es nicht mehr als schweres Nachgeben. Sie meinen: es ist unsere Pflicht, ihnen alles herbeizuschaffen, was sie verlangen.

Deshalb sagen sie immer „ja“, weil sie sich fürchten, „nein“ zu sagen. Wenn der Sohn schlechte Noten nach Hause bringt, wird für ihn ein Geschenk gekauft, weil man ihn trösten muss. Der Lehrer wir schwer beschuldigt, weil er kein Verständnis hat. Hat der Junge oder das Mädchen bei irgendwelchen Wettbewerben, Spielen... keinen Erfolg erreicht, verteidigen die Eltern ihr Kind, weil es „müde“ sei, und, weil es sich im  „Stress“ befinde, und sie haben Angst um die Gesundheit ihres Kindes. Genau nach dem Rezept der Mutter, von der du schreibst. Ein ernsthaftes Gebot oder Verbot kommt nicht in Frage, weil sich der Junge/das Mädchen von den Eltern abwendet und sie nicht mehr lieben wird. Und sie sind sich nicht dessen bewusst, dass die Liebe zu ihnen im Kind schon längst zugefroren ist. Es existieren Devisen: „Das Kind darf nicht im Schock und in der Unsicherheit wachsen, sonst wird es zum Neurotiker.“ Und sie bemerken nicht, dass das Leben der Eltern bereits Schock, Unsicherheit und Neurose im Wesen des Kindes, nicht selten, auch viele Versuchungen verursacht hat.

Also, das Gegenteil ist Wahrheit. Die Persönlichkeit des jungen Wesens formiert und stärkt sich, nur dann, wenn es lernt, seine unmittelbaren Impulse zu kontrollieren und seine augenblicklichen Wünsche abzulegen. Die Persönlichkeit wird nicht gebildet durch Spontanität und Selbstkreativität, sondern viel mehr, durch Selbstkontrolle, Selbstdisziplin, durch Aufstellung und Schaffung von schweren und ernsthaften Aufgaben. Es existieren Prinzipien auf zwei Ebenen (laizistische und christliche), wie man darin eigenes Gewissen formieren soll.

Grundsätze laizistischer Ethik. Freud hat gezeigt (und auf seine Weise auch Piaget und andere), dass sich das „Über-ich“, d.h. sittliches Gewissen, wie er es deutet, durch die Verinnerlichung des Elternbildes bildet. Das Kind liebt es und zur gleichen Zeit fürchtet sich vor ihm. Existier nur die Liebe, Verzogenheit, Belohnung, Vergebung oder nur Angst, Verbot, Drohung und Strafe, kann sich das Gewissen nicht bilden. In einem solchen Dilemma, bietet das Vorbild keinerlei Führung, und Erlaubnisse oder Einschränkungen dienen zum Nichts, wenn nicht zur definitiven Ablehnung des Kindes. Das Kind kann sich nicht mit dem identifizieren, der kein Vorbild ist, oder den es ablehnt. Das Kind wird ihn meiden und gegen ihn kämpfen. Materielle Vorschriften helfen nicht.

Annahme der sittlichen Normen, Gewinnung von festen inneren Überzeugungen - ist das Ergebnis der Identifizierung mit dem, der geliebt wird. Diesem gelingt es zur gleichen Zeit, Richtlinien und Verbote zu erteilen und Ziele zu bestimmen. Nachdem er Vertrauen gewonnen hat, assimiliert sie das junge Wesen durch einen inneren Prozess und sie werden ein Teil von ihm. Sittliche Normen wie auch die Moralkraft werden als Identifikation mit starken Persönlichkeiten, die das junge Wesen liebt und die es als Ideale bewundert, angenommen. Wenn das nicht die Eltern sind, weil sie zu hart oder zu schwach sind und keine sittlichen Tugenden besitzen, flieht der Präadoleszent oder der Adoleszent von solchem Zuhause weg und sucht Zuflucht in der Regel in der Gruppe der Gleichgesinnten und folgt dem Anführer. Er besitzt noch nicht in sich weder Motiv, noch Willen, noch Mechanismen, um dem zu widerstehen.

Grundsätze christlicher Ethik sind viel tiefer. Nach ihnen kommt das Gewissen zum Menschen nicht von „außen“, durch die Eltern, Gesellschaft... Es ist angeboren. Nun, indem das Kind zum Bewusstsein kommt, im Kontakt mit der Gesellschaft, unterscheidet es allmählich das sittlich Gute vom sittlich Bösen, das, was erlaubt ist von dem, was nicht erlaubt ist. Da formiert es sich eigene Erfahrung, wo entscheidende Rolle die Familie, die Schule, die Kirche, weitere Gesellschaft, besonders Kommunikationsmittel spielen. Es geht um vielfältige Erfahrung: Erfahrung der Wahrheit, Erfahrung des Gleichgewichts, der Liebe und der Angst (der Schuld, der Barmherzigkeit, der Vergebung und der Umkehr), Erfahrung der Freiheit und der Wahl in Freiheit, Erfahrung der eigenen Verantwortung vor Gott im Gebet und Opfer, im Sterben sich selber und in Auferstehung mit Christus. In diesem Wachstum soll man dem jungen Mann/dem jungen Mädchen christliche Vorbilder vorstellen. Jahrhundertealte Pädagogik der Kirche mit dem Kalender der Märtyrer und der Heiligen (Märtyrologie), hat dauernd unterstützt, begeistert, getragen. Deshalb ist es wichtig, die jungen Menschen in die Erfahrung der Gemeinschaft der Glaubenden einzuführen über stärkste Persönlichkeiten und Ereignisse in der Heilgeschichte.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 314-317)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.