Wo Verbesserung nötig ist, einen neuen Anlauf wagen: Bischof Klaus Küng über die gut gelebte Fastenzeit

Interview mit dem Diözesanbischof von Sankt Pölten

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SANKT PÖLTEN, 20. Februar 2007 (ZENIT.org).- Der österreichische Familienbischof DDr. Klaus Küng rät im folgenden ZENIT-Interview mit Blick auf die 40 Tage, die dem Osterfest vorausgehen, „in irgendeiner Form tatsächlich zu fasten“. Dabei denkt er an etwas, „was man spürt und zu einer größeren Freiheit führt“: an kleinere und größere Verzichte, aber auch an mehr Zeit fürs Gebet und die Teilnahme an Andachten und Gottesdiensten.



Der erste Schritt zur gut gelebten, wertvollen Fastenzeit ist nach Worten des Diözesanbischofs von Sankt Pölten die persönliche Zwiesprache mit Gott, die früher oder später in die entscheidende Frage einmünde: „Was erwartest Du von mir?“

ZENIT: Die Fastenzeit ist da. Nach Worten Benedikts XVI. stellt sie einen „Weg echter Umkehr zur Liebe Christi“ dar. Wie beginnt man diesen Weg, wie unternimmt man den ersten Schritt?

-- Bischof Küng: Im Gleichnis vom barmherzigen Vater beginnt die Umkehr des verlorenen Sohnes damit, dass er in sich geht, sein eigenes Elend wahrnimmt und sich an seinen Vater erinnert. Das scheint mir ein wichtiger Ausgangspunkt. In sich gehen und sich Gott zuwenden mit der Frage an sich selbst und an Gott: Was stört in meinem Leben die Liebe Christi? Wer ehrlich ist, stößt dabei auf bestimmte Aspekte wie Bequemlichkeit, Oberflächlichkeit, Mangel an Ordnung, Maßhaltung, Unbeherrschtheit, Eitelkeit, Stolz, Sinnlichkeit oder andere Fehlhaltungen.

Der erste Schritt ist also wohl immer in irgendeiner Form Gebet, das Zwiesprache mit Gott ist und nicht nur reden, sondern auch hören bedeutet. Dieses Gebet bezieht sich auf das Grundsätzliche, es betrifft die Beziehung zu Gott, zu den anderen; es betrifft uns selbst und geht Hand in Hand mit dem Unterfangen, in der Stille des Gebetes das eigene Leben vor Gott auszubreiten und Verlangen zu haben nach seinem Licht. Und es führt zur Frage: Was erwartest Du von mir?

ZENIT: Theoretisch ist den meisten Christen klar, dass Jesus den Menschen unendlich liebt und für ihn den Tod auf sich genommen hat. Aber in der Praxis vergessen viele, dass Christus lebt, dass man ihn und die Kraft seine Liebe auch heute erfahren kann. Was sagen Sie denen, die sich nach Christus sehnen, ihn aber nicht zu finden vermeinen? Wie und wo offenbaren sich heute die Liebe und das Antlitz Christi?

-- Bischof Küng: Auch ich habe den Eindruck, dass viele – auch bedingt durch den heutigen Lebensstil – oft lange Zeit auf Gott vergessen und nur selten an Ihn denken. Sehr viele vergessen auch auf Christus, wissen nicht mehr, was das Kreuz bedeutet, was er für uns getan hat. Es ist wohl auch vielen nicht bewusst, dass er da, uns nahe ist, eigentlich leicht erreichbar.

Ich halte es für sehr wichtig, zu Exerzitien anzuregen, wenn möglich mehrere Tage schweigen und auf Gott hören. Eine Möglichkeit sind auch Exerzitien im Alltag: sich bewusst in der Fastenzeit – wenn möglich täglich – mehr Zeit für Gebet nehmen, sich Impulse holen für das Gebet, um über Gott, über Christus, über das eigene Leben nachzudenken.

Das Gebet des Kreuzweges kann Tore öffnen für den König. Die Pflege der eucharistischen Anbetung ist ein kostbarer Weg. In der Regel wird eine gewisse Katechese dafür nötig sein, die bewusst macht, dass Er in verborgener Weise und doch sicht- und greifbar mit Leib und Blut, mit seiner Menschheit und seiner Gottheit unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich gegenwärtig ist, nicht von uns weggeht, auch wenn wir sündhafte Menschen sind. Er schenkt uns seine große Liebe.

Sein Antlitz zeigt sich auch in Leidenden, Trauernden, Bedrückten. Die Zuwendung zu ihnen, die Entdeckung von Menschen, die ihr Leben hergeben wie Er und deshalb leben wie Er, vermag oft die Augen, die Ohren und die Herzen für die Liebe Christi zu öffnen. Die Entdeckung des Gebetes und der Sakramente ist auch in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung.

ZENIT: Wenn man schon einmal den Entschluss gefasst, Christus zu lieben und zu ihm umzukehren: Was sind die Elemente, die eine „echte Umkehr“ ausmachen?

-- Bischof Küng: Die drei wesentlichen Elemente einer echten Umkehr sind Besinnung, die zur Erkenntnis dessen führt, was im eigenen Leben falsch, was mangelhaft, unvollkommen ist. Damit eng verbunden ist der Schmerz über begangene Fehler, über die bei sich selbst wahrgenommene Lauheit, über vorgekommene Versäumnisse. Diesen Schmerz nennt man gewöhnlich „Reue“. Sie ist verbunden mit dem dritten für die Umkehr wesentlichen Punkt: das Verlangen nach Verbesserung, der Vorsatz, der Entschluss.

Die Fastenzeit sollte für jeden Christen Anlass sein, um in jenen Punkten, die wichtig sind, in denen eine Verbesserung nötig ist, einen neuen Anlauf zu versuchen. Die Fastenzeit kann so zu etwas sehr Wertvollem werden.

ZENIT: Könnten Sie uns zum Schluss einige praktische Hinweise geben, damit die Fastenzeit 2007 tatsächlich zur Gelegenheit wird, die Liebe Gottes neu zu erfahren und sie auch weiterzugeben?

-- Bischof Küng: Ich halte es für gut, in irgendeiner Form tatsächlich zu fasten. Es sollte etwas sein, was man spürt und zu einer größeren Freiheit führt – zum Beispiel keine Süßigkeiten, kein Alkohol, kein Rauchen, kein Fernsehen (vielleicht abgesehen von den Nachrichten); dem Gebet eine bestimmte Zeit einräumen und dafür etwas früher aufstehen; an bestimmten Andachten und Gottesdiensten teilnehmen, auch wenn das bedeutet, dass man auf andere Veranstaltungen verzichten muss.

Für sehr wichtig halte ich den Empfang des Bußsakramentes: Es reinigt die Seele, schenkt Kraft zu neuer Bemühung und hilft uns, in unserem Streben nach Verbesserung konkret zu sein. Eine gut gelebte Fastenzeit ermöglicht es, die Freude des Osterfestes zu erleben.