Wo war Gott in uns? Ansprache von Kardinal Schönborn in Yad Vashem

„Wir erinnern uns an diesem Ort an die Zeit tiefster Gottesferne“

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JERUSALEM, 10. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am 8. November in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gehalten hat.



Die Schrecken des Holocausts lassen nach Worten des Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz „an die Zeit tiefster Gottesferne“ denken und zugleich daran, „in welche Höllen eine ‚Welt ohne Gott‘ abzustürzen vermag“. Aber „selbst in der Finsternis der Shoah gab es Menschen – auch Christen –, die sich der Bestialität widersetzt haben.“

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Es ist schwer, an dieser Stätte das Wort zu ergreifen - hier, wo eigentlich jedes Wort verstummen sollte. Und doch ist das Reden über das, was geschehen ist - immer und immer wieder - der vielleicht wichtigste Dienst, den wir gegen das Vergessen leisten können. Eli Wiesel hat einmal gesagt: "Wenn überhaupt etwas die Menschheit retten wird, dann ist es die Erinnerung".

Wir erinnern uns hier an das unermessliche Leid des jüdischen Volkes. Wir erinnern uns an viele Fragen, die uns gerade als österreichische Bischöfe betroffen machen: Wir sind hier als Bischöfe eines Landes, in dem ein Adolf Hitler seine wahnsinnigen Ideen gelernt hat. Wir stehen hier in großer Betroffenheit und fragen uns, was war in der Geschichte unseres Landes, in den Köpfen und Herzen der Menschen unseres Landes, dass solche Ausgeburten des Bösen geschehen konnten. Und wir fragen uns, warum Gott so etwas zugelassen hat: "Wo warst Du, Gott? Wo warst Du, als Frauen und Kinder, alte und junge Leute in die Todeskammern geschickt wurden?"

Und wenn wir auch wissen, dass es darauf keine schlüssige Antwort gibt, so wissen wir eines mit Sicherheit: Es geht in letzter Konsequenz um Fragen an uns selbst: "Wo war der Mensch - und wo die Menschlichkeit -, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde? Und wo war Gott in uns?" Wir erinnern uns an diesem Ort an die Zeit tiefster Gottesferne - und auch daran, in welche Höllen eine "Welt ohne Gott" abzustürzen vermag.

Wir erinnern uns an das Wort des Propheten Jesaja: "Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ... einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird". Mag auch die Asche ungezählter gepeinigter, entwürdigter, ermordeter Menschen in alle Winde zerstreut sein und kein Stein mehr von ihnen künden - nichts ist verloren und nichts ist vergessen vor Gott, keine Träne, kein Leid. Aber auch nicht das viele stille verborgene Gute, das es inmitten des Grauens gegeben hat - und das es immer geben wird.

Die "Allee der Gerechten unter den Völkern", durch die wir hierher gekommen sind, erinnert uns inmitten eines Meeres von Versagen und Schuld an ein Licht der Hoffnung. Diese Allee sagt uns: Selbst in der Finsternis der Shoah gab es Menschen - auch Christen -, die sich der Bestialität widersetzt haben. Freilich: Auch wenn in dieser Allee nicht wenige österreichische Namen verzeichnet sind - es waren einfach zu wenige, zu wenig Gerechte.

Es ist nicht ein Zufall, dass wir heute - am Vorabend des Gedenkens an die Novemberpogrome des Jahres 1938 - hier in Yad Vashem in Trauer, Bestürzung und Schande vor dem ganzen Ausmaß dessen stehen, was bereits in jener schrecklichen Mord- und Brandnacht offenkundig geworden war und was dann - auch wegen menschlicher Schwäche, Feigheit und Angst - ins Unermessliche wachsen könnte.

Die Geschichte unserer österreichischen Heimat - und damit auch die Geschichte der katholischen Kirche in unserem Land - ist in diesem Zusammenhang ein Gemenge von enormer Schuld, aber auch von Mut und Widerstand. Der selige Franz Jägerstätter und seinesgleichen waren - wir wissen es - einsame Leuchttürme - und sie blieben es auch dann noch, als die Diktatur längst zusammengebrochen war. Das Wort "Wir haben nur unsere Pflicht getan", hat ein Franz Jägerstätter eindeutig als zu wenig offengelegt.

Im Evangelium des Apostels Matthäus gibt es ein furchtbares Wort Jesu: "Wehe Euch, Ihr Heuchler. Ihr schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir hätten uns nicht mitschuldig gemacht...!" Das ist es, was uns immer zur Erinnerung zwingt: das Eingeständnis unserer Schwachheit und unserer Verführbarkeit.

Wenn wir nun das "Denkmal für die Kinder" besucht haben - gewidmet jenen eineinhalb Millionen ermordeten jüdischen Kindern -, dann erleben wir auf eine kaum beschreibbare Weise Trauer und Entsetzen, aber auch - so widersprüchlich das scheinen mag - Freude und Dankbarkeit. Es ist ein Sternenhimmel der Unendlichkeit - unter verbrecherischer Hand erloschen und doch nicht für immer der Dunkelheit und der Macht des Bösen preisgegeben. Wir sind aus dem Dunkel des Denkmals wieder ans helle Tageslicht gekommen. Am Ende dieses Denkmals steht der Blick auf Jerusalem. Wir glauben als Christen mit unseren älteren Brüdern und Schwestern an die Auferstehung. Wir glauben, dass kein Verbrechen das letzte Wort haben wird - und auch nicht der Tod. Denn die verbrecherische Vision, das Volk des Ersten Bundes auszulöschen, ist nicht aufgegangen: "Am Israel ha", das Volk Israel lebt.

[Vom Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]